Washington Post: Grußloser Abschied

Die Journalisten der „Washington Post“ waren ihm keine Erwähnung wert: Als Will Lewis am Samstag als CEO der Zeitung zurücktrat, dankte er in einer kurzen schriftlichen Erklärung nicht den Mitarbeitern, sondern lediglich dem Eigentümer der Zeitung, dem Milliardär Jeff Bezos. Lewis hatte im Auftrag des Amazon-Gründers gut ein Drittel der Belegschaft der „Post“ entlassen, manche Berichte sprechen von etwa vierzig Prozent – allein in der vorigen Woche waren dies mehrere Hundert Angestellte.
Ganze Ressorts wird es in Zukunft nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt geben wie das Lokale, den Sport, die Literatur und die Auslandsbüros. Lewis hatte nicht selbst an der Konferenzschaltung teilgenommen, bei der die neuen Entlassungen verkündet wurden. In seiner Rücktrittserklärung sprach er von „schwierigen Entscheidungen“, die eine „nachhaltige Zukunft“ für die Zeitung sichern sollten. Auch Bezos äußerte sich schriftlich und sprach von einer „außergewöhnlichen Chance“ für die Zeitung: „Die Daten sagen uns, was wertvoll ist und worauf wir uns konzentrieren sollten.“ Was er damit meinte, erklärte er nicht – die zusammengestrichenen Ressorts hatten viele Preise gewonnen und den Erfolg der „Post“ mit begründet.
Proteste vor der Redaktion
Nachfolger von Lewis wurde der Finanzchef Jeff D’Onofrio, der früher CEO der Website Tumblr war und den bisherigen Kurs fortsetzen dürfte. Etliche Journalisten äußerten in den sozialen Medien Erleichterung über Lewis’ Abgang. Die Gewerkschaft Washington Post Guild erklärte auf der Plattform X, der Rücktritt sei überfällig; Lewis’ Vermächtnis sei die „versuchte Zerstörung einer großen amerikanischen journalistischen Institution“. Zuvor war der scheidende CEO noch dafür kritisiert worden, dass er bei den Feierlichkeiten vor dem Super Bowl auf dem roten Teppich der National Football League (NFL) auftauchte, während die Sportjournalisten der „Post“ ihre Jobs verloren.
Vor dem Zeitungssitz an der K Street in Washington gab es in den letzten Tagen Proteste, an denen sich auch Journalisten und befreundete Gewerkschaften wie die New York Times Guild beteiligten. Sarah Kaplan, die für die „Post“ über den Klimawandel berichtet, hielt ein Schild mit der Aufschrift „Demokratie stirbt ohne Journalisten“. Auch andere spielten auf den Slogan der Zeitung, „Democracy Dies in Darkness“, an, den man sich 2017 während Trumps erster Amtszeit gegeben hatte. Bob Woodward, einer der prominentesten ehemaligen Redakteure der Zeitung, schrieb bei X, er sei „am Boden zerstört“ angesichts der Entlassungen und des Umgangs mit seinen ehemaligen Kollegen.
Unterdessen sammeln Journalisten mit einer „Go Fund Me“-Kampagne Geld, weil die „Post“ vielen der gefeuerten Mitarbeiter die Rückreise in die USA oder andere Länder nicht zahle – auch nicht jenen, die aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet hätten. Etliche lokale Kräfte sind im Gegensatz zu fest angestellten Redakteuren nicht durch Gewerkschaftsverträge geschützt. Organisatorinnen der Spendensammlung sind Michelle Lee, Bürochefin in Seoul, und Rebecca Tan, Leiterin des Büros in Singapur. 80 Prozent der Mitarbeiter im Ausland hätten ihren Job verloren, schrieben sie, darunter auch Übersetzer, Fahrer und Büroangestellte. Durch ihre Entlassung stünden sie vor existenziellen Herausforderungen, manchmal vor Sicherheitsrisiken, denn viele müssten in sichere Länder umziehen. Inzwischen kamen rund 200.000 Dollar an Spenden zusammen.
Eine weitere Solidaritätsaktion bei „Go Fund Me“ für die entlassenen Journalisten in den USA sammelte bereits 520.000 Dollar. Angestellte, die entlassen werden, verlieren in der Regel ihre Krankenversicherung. Unterdessen fordern immer mehr Kritiker, dass Jeff Bezos die „Post“ verkaufen sollte. Wenn Bezos nicht länger daran interessiert sei, in die Mission der Zeitung zu investieren, dann verdiene die „Post“ einen neuen Eigentümer, der das tue, forderte die Guild. Bislang hat der Milliardär keine Bereitschaft signalisiert, sich von dem Blatt zu trennen, das er 2013 gekauft hatte.
Source: faz.net