Was hindert Unternehmen in Sachsen-Anhalt daran, Stellung gegen die AfD zu beziehen?
Die AfD könnte bei den diesjährigen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit erreichen. Die Unternehmen, die sonst so laut sind, wenn es um Wirtschaftspolitik geht, schweigen. Zeit umzudenken
Bei der AfD könnten bald die Sektkorken knallen, die sie am Fließband überprüft
Foto: Hendrik Schmidt/picture alliance/dpa
Fragt man Thomas Schnell, wie es sein Unternehmen mit der AfD hält, überlegt er einen Moment. „Ich frage mich oft, was meine politische Rolle als Unternehmer ist – und wo ich mich äußere und wo nicht“, sagt er dann. Und fügt hinzu: „Wichtig ist mir, dass wir grundsätzlich demokratisch sind und bleiben.“ Es gibt offenbar Themen, über die der Geschäftsführer des Chemieunternehmens Dr. Schnell lieber reden würde.
Welches Interesse man bei Dr. Schnell an guten Beziehungen zur Politik in Sachsen-Anhalt hat, zeigte im vergangenen Jahr ein Besuch von Rainer Haseloff (CDU) am neuen Standort in Genthin. Damals begrüßte der Ministerpräsident das Unternehmen aus Bayern in Sachsen-Anhalt, nachdem dieses seine gesamte Produktion aus München nach Genthin verlagert hatte. „Politik und Wirtschaft ziehen gemeinsam an einem Strang“, ließ das Unternehmen später auf LinkedIn verlauten.
Absolute Mehrheit für die AfD in Sachsen-Anhalt ist möglich
Neben Haseloff waren auch Vertreter anderer Parteien anwesend – die AfD war nicht erwünscht. Das gelte weiterhin, sagt Schnell heute, im Februar 2026. Man habe keinen Kontakt zur AfD und arbeite mit Haseloffs Nachfolger Sven Schulze (CDU) gut zusammen. Mit Blick auf die Landtagswahlen im September sagt Schnell: „Wir unterstützen den CDU-Kandidaten und am liebsten wäre es mir, wenn wir so weitermachen.“
Doch ein politisches „Weiter so“ ist wenige Monate vor der Landtagswahl denkbar unwahrscheinlich. Laut Umfragen liegt die AfD derzeit bei 39 Prozent, die CDU bei 26 Prozent. Je nach Wahlausgang könnte die AfD damit sogar die absolute Mehrheit holen. Für die CDU wäre eine Mehrheit so nur in einer Viererkoalition mit SPD, BSW und Linken möglich.
Viele Unternehmen tun sich mit einer Abgrenzung schwer
Wie für Dr. Schnell ist eine offene Zusammenarbeit mit der AfD auch für viele andere Unternehmen im Land knapp sechs Monate vor der Wahl ein rotes Tuch. Eine glaubhafte Abgrenzung von dem als gesichert rechtsextrem eingestuften Landesverband der Partei fällt vielen dennoch sichtlich schwer: Traditionsunternehmen wie die Sektkellereien Rotkäppchen-Mumm, Halloren Schokoladen oder die Salzwedeler Baumkuchenfabrik verweisen auf parteipolitische Neutralität oder sehen gänzlich von einer Positionierung ab.
Auch die im Land verwurzelte Chemieindustrie vermeidet politische Stellungnahmen. Bei den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden Sachsen-Anhalt (AWSA), der Dachorganisation von knapp hundert Arbeitgebern im Land, kennt man kein Unternehmen, das Position zur AfD bezieht. Wirtschaft getreu dem Motto: Bis hierhin lief’s noch ganz gut.
Als Thomas Schnell vor mehr als vier Jahren entschieden hat, seine Produktion aus München nach Genthin zu verlagern, lag die AfD in Sachsen-Anhalt noch deutlich hinter der CDU. Kurz zuvor hatte sie bei der Landtagswahl 2021 erstmals in einem ostdeutschen Bundesland Stimmen verloren.
Ob er sich heute, angesichts der politischen Entwicklung, erneut für einen Umzug nach Sachsen-Anhalt entschieden hätte? „Ich glaube ja“, sagt er nach einem kurzen Zögern. „Weil das für uns als Unternehmen Sinn macht und wir schauen müssen, dass wir gut in die Zukunft gehen können.“ Inwieweit das mit einer AfD-geführten Landesregierung möglich wäre, will er zumindest heute nicht sagen. Stattdessen sagt er: „Wir haben die Pflicht zur Zuversicht. Und die pflege ich weiter, bis ich weiß, dass es anders kommt.“
Eine starke AfD ist schlecht für die Wirtschaft
Vor welche Herausforderungen eine erstarkende AfD die Wirtschaft stellt, ist im vergangenen Winter in der Debatte rund um den Verband der Familienunternehmer deutlich geworden. Die Spitze des Lobbyverbands hatte im November erstmals AfD-Abgeordnete zu einer Veranstaltung eingeladen und war damit in die Kritik geraten. Nach dem Austritt von mehreren Mitgliedsunternehmen, darunter die Drogeriekette Rossmann und der Hausgerätehersteller Vorwerk, ruderte der Verband zurück und bezeichnete die Einladung als Fehler.
Käme es bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt tatsächlich zum erwarteten Erfolg der AfD, bedeutete das für viele Unternehmen eine schwierige Abwägung. Einerseits deuten Studien darauf hin, dass Regionen, in denen rechtspopulistische Parteien stark sind, mittelfristig ein geringeres Wirtschaftswachstum verzeichnen als andere Regionen. Wirtschaftswissenschaftler Tommy Krieger vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim hat das zuletzt in der Studie „Rechtspopulismus und Standortattraktivität“ (2024) untersucht.
Er spricht von einer Signalwirkung: „Die Region wird für Fachkräfte aus dem Ausland und Menschen mit politisch liberalen oder linken Einstellungen unattraktiver.“ Auf der anderen Seite würden Unternehmen das Risiko eingehen, einen Teil ihrer Kundschaft zu verlieren, wenn sie vor einer solchen Entwicklung warnen oder sich aktiv gegen die AfD positionieren, so Krieger.
Für manche Unternehmen ist es einfacher, Stellung zu beziehen
Tatsächlich haben sich in der Vergangenheit einige Unternehmen gegen rechts positioniert – oft mit der Begründung, dass man auf ausländische Fachkräfte angewiesen ist und den Wirtschaftsstandort Deutschland durch die AfD bedroht sieht. Die meisten von ihnen sitzen allerdings in wirtschaftsstarken Regionen in Westdeutschland – also dort, wo es für die AfD ganz generell schwieriger ist. Ein Gegenbeispiel ist Nomos im sächsischen Glashütte.
Der Uhrenhersteller ist eines der wenigen ostdeutschen Unternehmen, die aktiv vor der AfD warnen. Vor den Landtagswahlen 2024 in Sachsen nahm sich das Unternehmen selbst und andere öffentlichkeitswirksam in die Pflicht: „Unternehmen sind immer gern politisch, wenn es um Steuern und Subventionen geht. Und sobald es unbequem wird, sagt man: The business of business is business“, sagte die ehemalige Geschäftsführerin Judith Borowski damals der Süddeutschen Zeitung.
Vielleicht will man auch deshalb bei Dr. Schnell in Genthin im Sommer – noch vor der Landtagswahl – einen Tag der offenen Tür veranstalten. Man will zeigen, dass es hier Perspektiven gibt, dass man mit dem Umzug rund 80 neue Arbeitsplätze in der Region geschaffen hat. Von der freiwilligen Feuerwehr bis zur Politik, sei jeder eingeladen, sagt Thomas Schnell. Man wolle den Termin auch nutzen, um der Politik zu zeigen, was man als Unternehmen braucht, um hier weiterhin gut und sicher arbeiten zu können.
Ob dann auch die AfD kommen darf? „Da habe ich ein Problem mit“, sagt Schnell. „Aber ich weiß auch nicht, ob es uns was bringt, sie auszuschließen.“ Es wäre wohl an der Zeit, sich das zu überlegen.