Was ein gesunder Thymus oberhalb Herz-Krankheiten und Lungenkrebs verrät

Der Thymus war lange Zeit ein kaum beachtetes Organ. Harvard-Forscher haben die Drüse nun genauer untersucht – und überraschende Zusammenhänge nachgewiesen.

Ein kleines Organ im Brustkorb könnte eine größere Rolle für die Gesundheit spielen als bislang angenommen. Forscher zeigen: Der Zustand des Thymus steht offenbar in engem Zusammenhang mit einer längeren Lebensdauer, einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs.

Der Thymus ist ein kleines Organ hinter dem Brustbein. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von sogenannten T-Zellen, die das Immunsystem dabei unterstützen, Krankheitserreger und Krebszellen zu erkennen und zu bekämpfen. Lange galt der Thymus nach der Pubertät als weitgehend bedeutungslos, weil er mit dem Alter schrumpft und später weitestgehend durch Fettgewebe ersetzt wird.

Eine Studie stellt diese Annahme jetzt infrage. Ein Forschungsteam der Harvard Medical School analysierte mithilfe künstlicher Intelligenz mehr als 27.500 Computertomografie-Aufnahmen aus zwei großen Bevölkerungsstudien. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Nature“.

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Das Team entwickelte dafür ein Deep-Learning-Modell, das aus CT-Bildern anhand von Größe, Form und Gewebezusammensetzung des Organs einen „Thymus-Gesundheitswert“ berechnet. Dieser Wert soll zeigen, wie gut das Organ noch funktioniert.

Die Auswertung zeigte deutliche Unterschiede: Menschen mit einem gesunden Thymus hatten in den Analysen ein etwa halb so hohes Sterberisiko. Auch das Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen war um etwa 63 Prozent niedriger, während das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, um rund 36 Prozent reduziert war.

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Diese Zusammenhänge blieben auch bestehen, nachdem die Forscher Faktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen und Vorerkrankungen berücksichtigt hatten. Sie vermuten: Wenn der Thymus im Laufe des Lebens stärker abbaut, produziert der Körper weniger neue T-Zellen. Das könnte die Fähigkeit des Immunsystems einschränken, auf neue Bedrohungen zu reagieren. Etwa auf Infektionen oder Krebszellen.

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Für die Forscher ist das ein Hinweis darauf, dass der Thymus ein allgemeiner Marker für die Leistungsfähigkeit des Immunsystems sein könnte. „Der Thymus wurde jahrzehntelang vernachlässigt und könnte ein fehlendes Puzzleteil sein, um zu erklären, warum Menschen unterschiedlich altern“, wird Studienautor Hugo Aerts in einer Mitteilung zitiert.

Eine schlechtere Thymusgesundheit trat häufiger bei Menschen auf, die rauchten, stark übergewichtig waren oder typische Merkmale des sogenannten metabolischen Syndroms aufwiesen – etwa erhöhte Blutzuckerwerte, hohe Triglyceride oder Bluthochdruck. Auch chronische Entzündungen im Körper standen mit einer geringeren Thymusgesundheit in Verbindung.

Umgekehrt fanden die Forscher Hinweise darauf, dass ein gesünderer Stoffwechsel und Faktoren wie regelmäßige Bewegung mit einer besseren Thymusfunktion einhergehen könnten. Ob diese Faktoren den Thymus beeinflussen – oder ob ein insgesamt besserer Gesundheitszustand auch den Thymus schützt –, bleibt jedoch unklar.

In einer zweiten Studie untersuchten die Forscher außerdem den Zusammenhang zwischen Thymuszustand und dem Erfolg moderner Krebsbehandlungen. Dazu analysierten sie Daten von mehr als 1200 Patienten, die eine Immuntherapie erhalten hatten. Dabei zeigte sich: Patienten mit besserer Thymusgesundheit hatten ein um etwa 37 Prozent geringeres Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung und ein um rund 44 Prozent geringeres Sterberisiko.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Gesundheit des Thymus viel mehr Aufmerksamkeit verdient und möglicherweise neue Wege eröffnet, um zu verstehen, wie wir unser Immunsystem im Alter schützen können“, sagte Aerts.

Die Studie zeigt Zusammenhänge, keine direkten Ursachen. Um die Ergebnisse zu bestätigen und mögliche Ansatzpunkte für Prävention oder Therapien zu entwickeln, sind weitere Studien nötig. Dennoch liefern die Daten einen neuen Blick auf das Altern: Der Thymus könnte ein zentraler Marker dafür sein, wie gut das Immunsystem im Laufe des Lebens funktioniert – und damit auch, wie gesund Menschen altern.

Source: welt.de