Warum reagiert Russland gen den Öltanker-Zugriff und den Venezuela-Coup so verhalten?

US-Soldaten beschlagnahmen einen unter russischer Flagge fahrenden Öltanker – doch Moskau reagiert milde, wie schon beim Angriff der USA auf Venezuela. Nur aus der Kommunistischen Partei kommt Kritik – auch am russischen Außenministerium


Öltanker vor Anker auf dem Maracaibo-See in Venezuela

Foto: Margioni Bermudez/AFP/Getty Images


Eines sorgt jetzt bei erfahrenen Nutzern Moskauer Medien für Verwunderung: Die relative Milde, mit der die russische Regierung auf die Beschlagnahme des unter russischer Flagge fahrenden Öltankers „Marinera“ durch die US-Marine im Nordatlantik reagiert hat. Das US-Militär bestätigte die Beschlagnahme des Schiffes mit der Begründung, die Mannschaft habe die US-amerikanischen Sanktionen gegen Venezuela verletzt.

Die Reaktion Russlands fiel unerwartet dezent aus. Das russische Transportministerium veröffentlichte am 7. Januar eine Erklärung, das Frachtschiff „Marinera“ habe am 24. Dezember 2025 die „zeitweilige Erlaubnis“ erhalten, unter russischer Flagge zu fahren. Dies sei „auf der Grundlage der russischen Gesetzgebung und der Normen des internationalen Rechts“ erfolgt. Jedoch seien am 7. Januar „im offenen Meer“ Marine-Soldaten der USA „an Bord des Schiffes gegangen, die Verbindung mit dem Schiff ging verloren“.

Das russische Transportministerium weist darauf hin, „entsprechend den Normen der Vereinten Nationen über das Seerecht“ von 1982 seien auf offener See die „Regeln der freien Schifffahrt“ gültig. Kein Staat habe das Recht, „Gewalt anzuwenden gegen Schiffe, die in der Jurisdiktion eines anderen Staates registriert“ seien.

Womit die Abendnachrichten des russischen Staatsfernsehens begannen

Auffällig war dabei der sanfte Ton des Moskauer Ministeriums, das den USA weder Piratentum noch direkt einen Bruch des Völkerrechts vorwarf. In den Abendnachrichten des Staatsfernsehens war die Kaperung der „Marinera“ keine Spitzenmeldung. Die sonst für wortgewaltige Mitteilungen bekannte Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa war zu dem Zwischenfall mit keinem Wort zu vernehmen.

Das lag womöglich nicht nur daran, dass Russland am 7. Januar trotz Kriegszeiten entspannt das orthodoxe Weihnachtsfest feierte und die Nachrichtensendungen mit Glückwünschen des russischen Patriarchen und des Präsidenten Wladimir Putin begannen. Denn verbalen Sanftmut hatte das Außenministerium am Smolensker Platz bereits am 3. Januar angesichts des US-amerikanischen Militärschlages gegen Venezuela und der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Geheimdienste demonstriert.

Wladimir Putin hatte Nicolás Maduro im Mai 2025 noch in Moskau empfangen

Zwar kritisierte das Moskauer Außenamt das Vorgehen der USA als „Akt bewaffneter Aggression gegen Venezuela“. Doch vermied es in seiner Erklärung Worte wie Kidnapping oder Bruch des Völkerrechts. Stattdessen mahnte das Moskauer Ministerium im Ton einer päpstlichen Enzyklika, man dürfe jetzt „keine weitere Eskalation zulassen“ und müsse „den Weg des Dialogs“ beschreiten. Und es empfahl den USA, sich im Konflikt mit Venezuela „geschäftsmäßigen Pragmatismus“ zu zeigen.

Moskau sprach keinerlei Drohungen aus und forderte anders als China nicht einmal die sofortige Freilassung des gekidnappten venezolanischen Staatschefs. Dabei hatte der russische Präsident Wladimir Putin noch im Mai 2025 Maduro in Moskau empfangen und mit ihm einen Vertrag „über strategische Partnerschaft und Zusammenarbeit“ unterzeichnet.

Das Abkommen, das im November in Kraft trat, war ein Rahmenvertrag, der die Beziehungen zwischen beiden Staaten auf eine „grundlegend neue Ebene“ heben sollte. Der Pakt sah Zusammenarbeit vor allem in den Bereichen Sicherheit, Transport und Bergbau vor. Er enthielt aber anders als ein Beistandsabkommen mit Nordkorea aus demselben Jahr keine automatische militärische Beistandspflicht.

Noch am Abend des 11. Dezember führte Putin mit Maduro ein Telefongespräch, in dem er seine „Solidarität mit dem venezolanischen Volk“ ausdrückte und seine „Unterstützung für den Kurs der Regierung Maduro, der auf die Verteidigung der nationalen Interessen und Souveränität gerichtet ist unter den Bedingungen wachsenden äußeren Druckes“.

Doch als der Druck Anfang Januar unübersehbar konkret wurde, mutierte Moskaus Außenministerium zu einer Bäckerei für ganz kleine Brötchen. „Wir sind zu weit weg für Venezuela und können praktisch nichts tun“, sagt ein Moskauer Berater für Außenpolitik, welcher der Regierung zuarbeitet, gegenüber dem Freitag. Zudem, räumt er ein, liege die Priorität der russischen Führung nicht in Lateinamerika, sondern in der Ukraine. Und für den dortigen Verhandlungsprozess wolle man es sich mit den USA nicht verderben.

Gennadi Sjuganow spricht vom „internationalen Räuber“ USA

So beschränkte sich das russische Außenministerium am 7. Januar auf die flehentliche Bitte an die USA, die Seeleute der „Marinera“ möglichst bald wieder zu ihren Familien zu lassen – ein russischer Weihnachtswunsch an Santa Klaus. Die USA, mahnte das Moskauer Außenamt, sollten „human und würdig“ mit den gefangenen Seeleuten umgehen.

Etwas schärfere Worte an die Adresse der USA genehmigte die russische Staatsmacht den Führungen legaler Oppositionsparteien. So nannte der Vorsitzende der rechtspopulistischen „Liberaldemokratischen Partei Russlands“ (LDPR) Leonid Sluzkij, Nachfolger des verstorbenen Parteiführers Wladimir Schirinowski das Vorgehen der USA „Piratentum“. Und der 81-jährige Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) Gennadi Sjuganow bezeichnete die USA als „internationale Räuber“.

Sergej Obuchow kritisiert die „Liebe zu Trump“, die „ein Teil der russischen Elite“ pflegt

Unbequeme Fragen an die russische Regierung stellte der KPRF-Spitzenfunktionär Sergej Obuchow. Der Kommunist kritisierte die „zurückhaltende offizielle Reaktion des Außenministeriums“ und verwies auf die „wachsende Ungeduld von Militärbloggern“, die für scharfe Gegenreaktionen plädieren. Die KPRF, so Obuchow, sähe sich als „Avantgarde im antiimperialistischen Kampf“ gegen die „Liebe zu Trump“, die „ein Teil der russischen Elite“ pflege. Jedoch sei „das imperialistische Wesen der USA unveränderlich“.

Die „Anhänger eines Kompromisses mit dem Westen innerhalb der russischen Staatsmacht“, so der KPRF-Politiker, seien „eine Bedrohung der nationalen Sicherheit“. Man müsse, so der Kommunist, im russischen Staat „die Reihen von Trump-Liebhabern säubern“ – wobei offen bleibt, ob der rabiate Vorschlag sich auch auf den russischen Präsidenten bezieht.

Doch die fundamentalistischen Kritiker der Kreml-Politik des Taktierens gegenüber Trump sind nicht nur eine Minderheit in Russland. Sie haben auch keine praktischen Ratschläge zu bieten, wie Russland angemessen mit der Herausforderung der zunehmend unberechenbar gewordenen Vereinigten Staaten umgehen könnte.