Warum jüdische Journalisten die Israel-Berichterstattung jener Deutschen Welle monieren

Mangelnder Kontext und israelfeindliche Emotionalisierung: Der Verband Jüdischer Journalisten wirft der Deutschen Welle einseitige Nahost-Berichterstattung vor. Auch fielen Mitarbeiter mit einschlägigen privaten Beiträgen in sozialen Medien auf.

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Die Deutsche Welle sieht sich mit einer Programmbeschwerde wegen ihrer Nahost-Berichterstattung konfrontiert. Der Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten wirft dem Auslandssender vor, insbesondere in sozialen Netzwerken einseitig und verzerrend über Israel zu berichten. Die Beschwerde ging am 29. März ein und wird nun geprüft.

Im Zentrum der Beschwerde gegen die Deutsche Welle stehen Beiträge, in denen nach Ansicht des Verbands zentrale Zusammenhänge des Konflikts fehlen, Aussagen nicht eingeordnet und Inhalte emotionalisiert werden. Betroffen seien vor allem Formate in sozialen Medien, darunter auch Angebote des arabischsprachigen Programms. Neben einzelnen Beiträgen kritisiert der Verband auch Beiträge von Mitarbeitern der Deutschen Welle auf privaten Social-Media-Kanälen.

Der Journalistenverband führt mehrere konkrete Fälle an. Kritisiert wird unter anderem ein Social-Media-Video, in dem die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodriguez mit der Aussage wiedergegeben wird, die amerikanische Entführung von Präsident Nicolás Maduro habe „zionistischen Charakter“. Diese Darstellung werde unreflektiert übernommen, ohne sie als Teil der Verschwörungserzählung einer jüdischen Weltherrschaft einzuordnen.

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In einem weiteren Social-Media-Beitrag kommt die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese mit schweren Vorwürfen gegen Israel zu Wort. Sie spricht von „Staatspolitik“ bei Folter, von Vergewaltigungen und Misshandlungen von Gefangenen. Belege oder eine journalistische Einordnung dieser Aussagen fehlten, kritisiert der Verband. Auch Hinweise auf internationale Kritik an Albanese würden nicht erwähnt.

Zudem wird die Bildsprache einzelner Beiträge kritisiert. Der Verband verweist auf ein Social-Media-Video über den Hungertod eines Kindes im Gaza-Streifen. Unklar sei, aus welchen Quellen das verwendete Bildmaterial stamme. Es gebe Hinweise, dass ähnliche Aufnahmen aus dem Umfeld Hamas-naher Fotografen verbreitet worden seien. Der britische Journalist David Collier hatte in vergleichbaren Fällen darauf hingewiesen, dass einzelne Kinder bereits vor dem Krieg an schweren Vorerkrankungen gelitten hätten. Der Verband sieht darin ein strukturelles Problem: Solche Bilder wirkten stark emotionalisierend und könnten an bekannte antisemitische Narrative anknüpfen, etwa das Motiv vom „Kindermörder Israel“. Eine journalistische Einordnung oder Überprüfung der Hintergründe fehle in den Beiträgen.

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Kritik richtet sich zudem gegen Social-Media-Aktivitäten von Mitarbeitern. Eine Moderatorin der Deutschen Welle etwa habe auf ihrem privaten Facebook-Account mit Blick auf Angriffe im Libanon geschrieben, man solle sich nicht „zu früh“ freuen. „Was heute in der südlichen Vorstadt geschieht, ist zuvor in Gaza geschehen und könnte euch ebenfalls bald erreichen.“ In den begleitenden Bildern sei zudem ein Symbol der Hamas zu sehen gewesen.

Der Verband sieht darin ein wiederkehrendes Muster: Zentrale Aspekte des Konflikts – etwa die Verantwortung der Hamas oder die Vorgeschichte der Eskalation – würden ausgeblendet, während eine einseitige und in Teilen antisemitische Perspektive dominiere.

„Nehmen jede Programmbeschwerde sehr ernst“

Eine Programmbeschwerde ist ein sogenannter Rechtsbehelf, mit dem Bürger in Deutschland Verstöße gegen gesetzliche Programmgrundsätze bei Radio, Fernsehen oder Online-Angeboten rügen können. Sie richtet sich an Rundfunkräte (öffentlich-rechtlich) oder Landesmedienanstalten (privat) und muss konkret begründet sein.

Stellt das zuständige Gremium einen Verstoß gegen die Programmgrundsätze fest, kann es eine Rüge gegen die Redaktion oder einzelne Mitarbeiter aussprechen. Auch inhaltliche Korrekturen sind möglich, etwa durch Richtigstellungen oder Anpassungen der Berichterstattung.

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Die Vorsitzende des Verbands Jüdischer Journalistinnen und Journalisten, Susanne Stephan, bekräftigt die Kritik gegenüber WELT. In mehreren Beiträgen würden Aussagen „weitgehend unreflektiert“ übernommen. Besonders problematisch seien aus Sicht des Verbands Inhalte in sozialen Medien. Stephan erklärt: „Besonders die Beiträge auf den Social-Media-Accounts scheinen aber wesentliche Aspekte des Nahost-Konflikts außen vor zu lassen, insbesondere die Rolle der Hamas und anderer militanter Kräfte.“

Zugleich betont sie: „Selbstverständlich gibt es im Angebot der Deutschen Welle auch fundierte, faktenorientierte und ausgewogene Berichterstattung.“ Der Verband fordere deshalb eine unabhängige Überprüfung. Stephan: „Wir würden es deswegen in einem ersten Schritt begrüßen, wenn sich der Sender zu einer unabhängigen Evaluation seines Programmangebots bereiterklären würde.“

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Der Sender verweist auf das gesetzlich geregelte Verfahren. „Die vorgebrachten Kritikpunkte, die teils recht pauschal formuliert sind, werden nun sorgfältig geprüft“, teilte eine Sprecherin mit. Für Programmbeschwerden bei der Deutschen Welle gebe es ein festes Verfahren: Die Intendantin entscheide innerhalb eines Monats über die jeweilige Programmbeschwerde, der Rundfunkrat werde anschließend informiert. Während des laufenden Verfahrens äußert sich der Sender nicht inhaltlich. „Wir nehmen jede Programmbeschwerde und damit jeden Vorwurf, gegen unsere Programmgrundsätze verstoßen zu haben, sehr ernst“, so die Sprecherin.

Der Soziologe Jonas Hessenauer vom Berliner Tikvah-Institut hält viele der Vorwürfe für nachvollziehbar. Das Tikvah-Institut ist eine in Berlin ansässige Forschungs- und Bildungsorganisation, die sich mit Antisemitismus sowie jüdischen Perspektiven in Gesellschaft und Wissenschaft befasst. „Was hier beschrieben wird: Fehlender Kontext, Emotionalisierung, fehlende Einordnung von Zitaten – das sind alles Phänomene, die beobachten wir generell in der deutschen Berichterstattung zu diesem Themenkomplex, fast über alle Medien hinweg“, sagt er.

Kritisch sieht Hessenauer vor allem die Wirkung der Beiträge. Diese seien teils „sehr emotionalisierend, was die musikalische Untermalung, den Schnitt, die Auswahl der Bilder und die entsprechenden Texte anbelangt“. Man wolle so vermutlich ein gegen Israel gerichtetes Framing betreiben. Das zeige sich auch daran, dass Gegenstimmen oder Kontext häufig fehlten.

Gerade Auslassungen könnten die Wahrnehmung verzerren. Wenn zentrale Aspekte des Konflikts nicht vorkämen, könne das dazu führen, „dass Israel als alleiniger Aggressor gesehen wird, auch über die gesamte Konfliktgeschichte hinweg“. Wenn man über einen langen Zeitraum eine bestimmte Tendenz konsumiere, könne das die eigene Einstellung beeinflussen und unter Umständen antisemitische Ressentiments verstärken.

Maximilian Heimerzheim ist Volontär im Innenpolitik-Ressort.

Source: welt.de