Warum es den Karneval nicht mehr braucht

Der Karneval bietet immer mehr Diskussionsstoff: Das Betrinken, das Verkleiden und das Feiern stehen auf dem Prüfstand. Aber es ist ein ganz anderer Grund, der das Fest jetzt endgültig ad acta legt.

Alle Jahre wieder sieht sich der Karneval mit Diskussionen über seine Existenzberechtigung konfrontiert. Vieles an ihm scheint aus der Zeit gefallen. Braucht es das exzessive Besäufnis noch im gesundheitsbewussten Wellness-Zeitalter? Die kollektive Entgrenzung in der individualitätsfixierten Singularitäts-Ära? Die subversive Verkleidung in einer von identitätspolitischen Diskursen eingehegten Authentizitäts-Gegenwart?

Aber vor allem: Braucht es den Ausnahmezustand noch in einer Welt, in der alles Kopf steht? 

Für den russischen Literaturtheoretiker Michail Bachtin (1895–1975), der das Konzept der Karnevalisierung geprägt hat, „hat die karnevalesk-groteske Form“ eine bestimmte Funktion: Sie „sanktioniert die Zwanglosigkeit der Fantasiegebilde, erlaubt, Unterschiedliches zu kombinieren und Entferntes anzunähern, verhilft zur Loslösung vom herrschenden Weltbild, von Konventionen und Binsenweisheiten, überhaupt von allem Alltäglichen, Gewohnten, als wahr Unterstelltem. Sie erlaubt einen anderen Blick auf die Welt, die Erkenntnis der Relativität alles Seienden und der Möglichkeit einer grundsätzlich anderen Weltordnung.“ Die „karnevaleske Welterfahrung“ zerstöre „den bornierten Ernst dieser Zwänge und deren Anspruch auf zeitlose Gültigkeit“, glaubte Bachtin und mache „das menschliche Bewusstsein, die Gedanken und die Fantasie frei für neue Möglichkeiten“.

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Das, was uns während des Karnevals bewusst wird, ist aus erkenntnistheoretischer Perspektive radikal: Alles könnte ganz anders sein. Dass die Welt so ist, wie sie ist, ist rein zufällig und keineswegs in Stein gemeißelt. Indem der Karneval für einige Tage die herrschende Ordnung umkehrt, hebt er etablierte Hierarchien auf, setzt Verbote außer Kraft und unterwandert Normen. Im kostümierten Rollenwechsel, der Autoritäten verspottet, wird der Herr zum Narren und der Narr zum Herrn.

Das größte Problem für den Karneval stellt heute nicht einmal die Kritik dar, dass das gemeinschaftliche Fest, insofern es eine entlastende Ventilfunktion besitzt, letztlich den Status quo stabilisiert, statt ihn dauerhaft zu sprengen. In anderen Worten: Die Abweichung wird zeitlich begrenzt geduldet, damit die alten Verhältnisse danach nur umso gefestigter zurückkehren können.

Das größte Problem für den Karneval besteht in der zunehmenden Abwesenheit von Normalität. Wo nichts mehr normal ist, kann auch nichts mehr der Normalität lachend die Stirn bieten. Witze über Donald Trump sind häufig deshalb so unlustig, weil der amerikanische Präsident sich selbst so oft als Hanswurst stilisiert. Als seine eigene Karikatur.

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Was also hat der Karneval in einer Zeit, in der die Herrscher Narren sind, überhaupt noch zu suchen? Wenn das weltpolitische Parkett vom Infantilen, Clownesken und Regelbrechenden dominiert wird, verliert der verordnete Ausnahmezustand seinen Sinn. Die Seriosität ist mit den neuen Machthabern aus der Welt verschwunden und mit ihr das Fundament, auf dem der Karneval fußt. Wo sich der König selbst entthront, wirkt der organisierte Rollentausch wie der bloße Nachhall einer längst nicht mehr vorhandenen Ordnung.

Source: welt.de