Warum die EU 40.000 Zugtickets an Jugendliche verschenkt

Über das Programm „DiscoverEU“ vergibt die EU einmal mehr Gratis-Bahntickets an Jugendliche. Die Sache hat jedoch einen Haken.

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Durchaus davon angetan, hat die „Tagesschau“ diese Woche unter der Schlagzeile „Gratis durch Europa – EU verschenkt 40.000 Zugtickets an Jugendliche“ darüber berichtet, dass sich junge Erwachsene ab sofort wieder über das Programm „DiscoverEU“ für kostenlose Bahnfahrten durchs europäische Ausland bewerben können. Angesprochen werden mit dem Angebot junge Europäer, die zwischen dem 1. Juli 2007 und dem 30. Juni 2008 geboren sind – und im Sommer, wenn die Reise losgeht, also 18 Jahre alt sind. 

Die Aktion wurde erstmals 2018 durchgeführt, in den Jahren seitdem haben bereits mehr als 400.000 junge Männer und Frauen von den kostenlosen Tickets profitiert – und hoffentlich gute, prägende oder einfach nur schöne Erfahrungen in den europäischen Nachbarländern gesammelt.

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Beworben haben sich in demselben Zeitraum aber rund 1,9 Millionen Bürger für das Ticket. Und hier beginnt das Problem. Denn wie nahezu immer, wenn etwas umsonst angeboten wird, übersteigt die Nachfrage das Angebot, weshalb eine Auswahl unter den Bewerbern getroffen wird. Und das durch ein Quiz, bei dem die Bewerber fünf Fragen zur EU und eine Schätzfrage beantworten müssen.

Letztes Jahr wurde etwa gefragt, mit „welchem EU-finanzierten Programm“ junge Menschen Freiwilligentätigkeiten leisten können (es ist das Europäische Solidaritätskorps). Oder, was die Europäische Kommission „zur Förderung der psychischen Gesundheit und des psychischen Wohlbefindens“ veranstaltet (es ist der Europäische Monat der Vielfalt). Und schließlich, als Schätzfrage, wie viele Personen täglich die europäischen Binnengrenzen passieren (es sind beachtliche 3,5 Millionen).

Und damit bekommt die vermeintlich tolle Gratis-Aktion ein unangenehmes Geschmäckle. Denn die EU fragt damit de facto ab, was sie doch Großartiges leistet – und dies von jungen Bürgern, die noch vergleichsweise leicht zu beeinflussen sind. Böse Zungen könnten von einer „Indoktrination“ reden, aber so ähnelt das EU-Programm doch eher einer Werbekampagne einer Möbelhauskette, bei der zur Teilnahme an einem Gewinnspiel das derzeit günstigste Regalsystem benannt werden muss.

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Mehr noch, keinem demokratischen Nationalstaat würde die kritische Öffentlichkeit solch eine Aktion durchgehen lassen. Einfach mal vorstellen, in Deutschland würde der Bund ein solches Gratis-Gewinnspiel durchführen, und die Teilnehmer müssten hierfür fünf segensreiche Tätigkeiten des Bundes benennen – die Opposition wäre auf den Barrikaden, die Presse dürfte äußerst kritisch berichten und die Bürger würden sich schlichtweg für dumm verkauft vorkommen. Und schließlich gibt es noch den Bundesrechnungshof, der sicherlich alles andere als begeistert auf solch eine Zweckentfremdung der Steuermittel blicken dürfte.

Nein, jedem einzelnen Gewinner des Gratis-Tickets sei dieses gegönnt – es ist großartig, wenn Jugendliche ganz ohne ihre Eltern Erfahrungen im Ausland sammeln können –, aber die Gelder, die von der EU hierfür aufgewendet werden, wären in den bestehenden, vielleicht auch etwas langweiligen Austausch-Programmen besser aufgehoben. Und die europäische Idee ist so großartig, so wertvoll, dass die Verantwortlichen sich fragen sollten, ob ihr durch ein so durchschaubares Werbemanöver tatsächlich geholfen ist – und ob es Sinn und Zweck der EU ist, sich selbst zur Möbelhauskette zu machen.

Source: welt.de