Wahl in Baden-Württemberg: Wie die AfD ihr einziges Direktmandat geholt hat
Auf der Erststimmen-Wahlkreiskarte Baden-Württembergs sticht Mannheim I heraus: Während der Großteil des Landes tiefschwarz gefärbt ist, mit einigen grünen Sprenkeln, leuchtet der kleine Wahlkreis ganz im Nordwesten hellblau. Hier hat die AfD ihr einziges Direktmandat errungen.
Für den Mannheimer Norden ist es ein Déjà-vu: Bereits 2016 hatte die Partei den Wahlkreis direkt gewonnen – damals war das eine Sensation. Die zentrale Erkenntnis lautete: Die AfD hat ihren Sieg vor allem den Arbeitern zu verdanken. Denn der Wahlkreis ist geprägt von Industrie, in manchen Ortsteilen reiht sich Fabrik an Werksgelände an Arbeitersiedlung. Zehn Jahre später hat diese Erkenntnis nichts an Aktualität eingebüßt, auch nicht durch das neue Wahlrecht, bei dem erstmals Erst- und Zweitstimme vergeben werden konnten. Auch dieses Mal war die AfD bei den Arbeitern besonders erfolgreich.
Eine Tragödie ist das vor allem aus Sicht der SPD. Der Mannheimer Norden war über Jahrzehnte eine sozialdemokratische Hochburg. Deshalb saß der Schock umso tiefer, als der Wahlkreis 2016 an die AfD ging. Dieses Mal hat die AfD die SPD beim Erststimmenergebnis nicht etwa auf Platz zwei verwiesen, wie es damals der Fall war – sondern auf Platz vier.
Das sozialdemokratische Vorfeld erodiert
Das sei schon überraschend, findet der Politikwissenschaftler Marc Debus. Er forscht an der Universität Mannheim zu politischen Parteien und Wahlen. Zwar sei mit einem engen Rennen gerechnet worden, sagt Debus, doch nicht damit, dass der langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Fulst-Blei, der in Mannheim verankert ist, am Ende hinter AfD, CDU und Grünen lande.
Den Abstieg der Sozialdemokraten auch in deren Stammmilieus erklärt Debus vor allem mit dem Wegbrechen von Strukturen: Gewerkschaften spielen eine geringere Rolle, ebenso wie Arbeitervereine und Partei-Ortsverbände. Das gesamte sozialdemokratische Vorfeld erodiert. „Damit nimmt die Bindung an dieses Milieu ab und dementsprechend auch die Norm, SPD zu wählen, selbst wenn man mit ihr vielleicht nicht mehr so übereinstimmt“, sagt Debus. Hinzu komme der allgemeine Trend, dass Wähler heutzutage viel ungebundener seien und ihre Parteipräferenz im Zeitverlauf schneller veränderten.

Neben der Erosion der sozialdemokratischen Strukturen, die sich auch bundes- und europaweit vollzieht, gibt es im Mannheimer Norden weitere Faktoren, die der SPD bei der Wahl zu schaffen machten. Im stark migrantisch, prekär und teilweise studentisch geprägten Stadtteil Neckarstadt-West konnten Linke und auch Grüne überproportional viele Stimmen einheimsen.
Im Stadtteil Vogelstang, einer Reißbrett-Großsiedlung mit hohen Wohntürmen und kleinem Baggersee, war die AfD sehr stark. Dort leben besonders viele Russlanddeutsche. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie AfD wählten, sei Studien zufolge „signifikant höher“ als beim Durchschnitt der Bevölkerung, erklärt Debus. Der Stadtteil Neckarstadt-Ost hingegen ist grün geprägt. Er liegt nah an der Mannheimer Innenstadt, wo der zweite Landtagswahlkreis der Stadt beginnt, der den Süden umfasst und in dem die Grünen der klare Wahlsieger sind.
„Die SPD ist eingeklemmt zwischen Linken, Grünen und AfD“, sagt Debus mit Blick auf den Wahlkreis Mannheim I. Ärmere Menschen und solche mit Migrationshintergrund wählen tendenziell Linkspartei, Studenten und die urbanen Hipster Grüne, die Arbeiter geben der AfD ihre Stimme. Dadurch verlieren die Sozialdemokraten ihr Wählerpotential in alle Richtungen. Bezeichnend dafür: 2021 war der Wahlkreis an die Grünen gegangen. Es zeige sich, dass es bei der SPD „einen Entfremdungsprozess von ihrer alten Anhängerschaft gegeben hat“, so Debus.
Nach Zweitstimmen ging der Wahlkreis an die Grünen
Dennoch schnitt die SPD – trotz herber Verluste – in Mannheim I sowohl nach Erst- als auch nach Zweitstimmen mehr als doppelt so gut ab wie im Landesschnitt. Zudem war das Rennen im Wahlkreis Mannheim I äußerst knapp. Die Kandidaten von CDU (21,7 Prozent) und Grünen (21,6) lagen beide fast gleichauf mit der AfD, der Sozialdemokrat Fulst-Blei folgte mit nur geringem Abstand (17,5). Deshalb reichten 22,3 Prozent für den Sieg des AfD-Kandidaten Bernhard Pepperl.
Pepperl ist 1954 geboren, Zahnarzt im Ruhestand, Bezirksbeirat im Stadtteil Sandhofen und war früher CDU-Mitglied. Gerne würde man mit ihm über seinen Sieg und seine Pläne für den Wahlkreis sprechen, ihn fragen, wie er im Landtag auch die Menschen vertreten will, die ihr Kreuz nicht bei der AfD gesetzt haben. Nach Zweitstimmen haben in Mannheim-Nord nämlich deutlich die Grünen gewonnen, mit 27,6 Prozent fast sechs Prozentpunkte vor der AfD.
Eine E-Mail-Anfrage der F.A.Z. lässt Pepperl jedoch unbeantwortet. Die Pressestelle der Landtagsfraktion verweist bei der Bitte um eine Kontaktmöglichkeit an den Landesverband, dessen Geschäftsstelle teilt auf Anfrage mit, Telefonnummern gebe man nicht heraus. Man erklärt sich aber bereit, eine E-Mail mit dem Anliegen an Pepperl weiterzuleiten. Doch auch diese Nachricht versandet.
Im Wahlkampf war der AfD-Kandidat kaum präsent
Schon im Wahlkampf war Pepperl, der ohne Listenplatz antrat, wenig präsent, persönlich soll er kaum in Erscheinung getreten sein. Laut einem Bericht des „Mannheimer Morgens“ nahm er nur an einer Podiumsdiskussion teil, bei der er kein Wort sagte. Am Wahlabend bekannte der Kandidat demnach, er hätte mit einem deutlicheren Vorsprung gerechnet.
Die Lokalzeitung zählt Pepperl nicht zu den AfD-Hardlinern: Er verwende den Begriff „Remigration“ nicht und sehe Putin und Trump kritischer als andere in der AfD. Gleichzeitig sei Pepperl ein Anhänger von Parteichefin Alice Weidel, weshalb man ihn nicht als gemäßigt bezeichnen könne.
Der Landtagswahlkreis Mannheim I fiel nicht nur durch Pepperls Sieg auf, sondern auch durch eine geringe Wahlbeteiligung. Sie war mit 54,3 Prozent im Vergleich zur vorigen Landtagswahl zwar leicht gestiegen, lag aber dennoch 15 Prozentpunkte unter dem Landesschnitt. In ärmeren Stadtteilen wie Neckarstadt-West und Schönau war sie mit 43,6 und 45,4 Prozent noch niedriger. Geringe politische Partizipation ist typisch für Gegenden, in denen viele Menschen mit niedrigem Bildungsgrad und geringen Einkommen leben.
Source: faz.net