Wahl in Baden-Württemberg: Warum die Grünen die größten Gewinner sind

Verloren und doch gewonnen, gewonnen und doch verloren – auf diese Kurzformel lässt sich der Ausgang der Landtagswahl vom 8. März 2026 für die beiden stärksten Parteien bringen. Denn trotz einem Verlust von 2,4 Punkten im Vergleich zu ihrem Rekordergebnis aus dem Jahr 2021 lagen die Grünen am Ende um 0,5 Punkte oder weniger als 30.000 Zweitstimmen (von 5,38 Millionen) vor der CDU. Dabei konnte die Union ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis von 24,1 Prozent signifikant verbessern. Bei den Erststimmen lag sie mit 34,3 Prozent (plus 10,2 Punkte) sogar fast zehn Punkte vor den Grünen (25,5 Prozent, minus 7,1 Punkte). Bei den Zweitstimmen, die für die Berechnung der Sitzverteilung im Stuttgarter Landtag den Ausschlag geben, hatte die Union mit 29,7 Prozent gegenüber 30,2 Prozent für die Grünen das Nachsehen.

Die Erklärung für diesen Befund ist so einfach wie bezeichnend: Nicht wenige Wähler haben das von der grün-schwarzen Koalition 2022 eingeführte Zweitstimmenwahlrecht offenbar dazu genutzt, um dem Wahlkreiskandidaten der CDU mit ihrer Erststimme zum Sieg zu verhelfen, aber bei der Führung des Landes auf die Grünen zu setzen. Ob Grün-schwarz oder schwarz-grün – knapp 60 Prozent der Wähler von Tauberfranken bis zum Bodensee votierten am Ende für eine Fortsetzung der erstmals vor zehn Jahren gebildeten Koalition.

Für die SPD hingegen, die in Stuttgart noch von 2011 bis 2016 fast auf Augenhöhe mit den Grünen regierte (23,1 zu 24,2 Prozent), wurde der Wahltag zu einem Fiasko, das noch vor kurzem fast unvorstellbar erschien: nach einem Verlust von der Hälfte der Stimmen musste sich die Sozialdemokratie mit 5,5 Prozent begnügen, einem Ergebnis von knapp oberhalb der Fünfprozenthürde. Noch tiefer fiel die FDP, von 10,5 auf nur noch 4,4 Prozent der Zweitstimmen. Auf denselben Anteil kam die Linkspartei. Die AfD hingegen konnte ihre Verluste aus dem Jahr 2021 am Sonntag mehr als wettmachen und schnitt mit 18,8 Prozent der Zweitstimmen besser ab als jemals zuvor in einem westdeutschen Flächenland. Doch trotz eines Zugewinns von 9,1 Punkten hat auch sie verloren, und das nicht nur, weil sie ein Ergebnis von 20 Prozent plus x als Ziel ausgegeben hatte.

Nur eine Partei bekommt mehr Stimmen als im Februar 2025

Vergleicht man nämlich die Wahl vom Sonntag mit der Bundestagswahl am 23. Februar 2025, so zeigt sich, dass bei der Landtagswahl etwa 200.000 Wähler weniger ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben. Noch größer waren die Mobilisierungsprobleme der CDU. Von fast genau zwei Millionen Zweitstimmen bei der Bundestagswahl blieben am Sonntag 1,6 Millionen übrig. Heftige Einbußen auch bei der Linken: 430.000 Zweitstimmen waren es bei der Bundestagswahl, an diesem Sonntag nur 238.000. Für die SPD kam es am schlimmsten: 900.000 Zweitstimmen vor Jahresfrist schmolzen auf nicht einmal 300.000 zusammen.

In dieser Perspektive gibt nur einen Sieger der Landtagswahl – die Grünen: Wurden sie vor Jahresfrist als Regierungspartei in Berlin mit nur noch 866.000 Zweitstimmen (minus 3,5 Punkte) unmissverständlich abgewählt, brachten sie am Sonntag fast doppelt so viele (1,62 Millionen) Badener und Württemberger hinter sich. In absoluten Zahlen haben sie sogar gegenüber der Landtagswahl 2021 an Stimmen hinzugewonnen. Klarer kann ein Votum für die Fortsetzung der Regierung aus einer Position der Stärke heraus nicht sein – und klarer hätten die Bürger zwischen dem Wahlverhalten bei einer Bundes- und bei einer Landtagswahl nicht trennen können.

Freilich haben die Grünen in Baden-Württemberg alles getan, um die Rolle der Bundespartei in den Ampeljahren von 2021 bis 2025 vergessen zu machen, die Zugehörigkeit ihres Spitzenkandidaten, des „anatolischen Schwaben“ Cem Özdemir, als Landwirtschafts- und zusätzlich kurzzeitigem Bildungsminister zum Kabinett Scholz nicht ausgenommen. Diese Zeit hing ihm im Wahlkampf nicht nach. Vielmehr konnte er sich anders als der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel mit seiner Regierungserfahrung als geborener Nachfolger des langjährigen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann den Wählern empfehlen – und diese nahmen die Empfehlung dankbar an.

Relativ große Zufriedenheit mit der Landesregierung

Hagel konnte sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein, in einer Direktwahl gegen Özdemir auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Die Forschungsgruppe Wahlen ermittelte zuletzt einen Vorsprung von Özdemir vor Hagel von vierzehn Punkten (47:33). Letzterer hatte sowohl bei Sachverstand wie Sympathie das Nachsehen. Die Schmutzkampagne, die in den vergangenen Wochen von der Grünen Jugend ausging, schadete denn wohl auch dem auf Seriosität und ein gutes Verhältnis zur CDU bedachten 60 Jahre alte Özdemir mindestens so sehr wie dem 23 Jahre jüngeren Hagel.

Während vor Jahresfrist die Zeichen im Bund auf Wechsel standen, hielten sich Zustimmung und Kritik zur Arbeit der grün-schwarzen Landesregierung mit 48 zu 52 fast die Waage. Damit stand das Kabinett Kretschmann III besser da als die meisten Landesregierungen derzeit – und das, obwohl die Sorgen um Wohlstandsverlusten, die Zukunft der Industriegesellschaft und den Zustand der Inneren Sicherheit und des Bildungswesens in Baden-Württemberg nicht geringer sind als andernorts. Aber so groß der Kompetenzzuwachs der Union auf allen diesen Feldern auch ausfiel und der Kompetenzvorsprung der Grünen aus dem Jahr 2021 dahingeschmolzen war – der Vorsprung der Union reichte nicht aus, um die Bürger mehrheitlich für das Ziel der Union einzunehmen, in Stuttgart auch den Ministerpräsidenten zu stellen, geschweige denn, um auf diesem Weg auch der Bundespartei mehr Schub zu verleihen.

Dafür war unter den potentiellen wie den faktischen Unionswählern nicht nur die Unzufriedenheit mit der Arbeit der unionsgeführten Bundesregierung zu groß. Sie wussten auch, dass über existenzielle Fragen wie die Zukunft der Automobilindustrie oder die Sicherung des Lebensstandards kaum in der Villa Reitzenstein entschieden wird. Und auch wenn die Kompetenzvermutung zugunsten der Union auf dem Feld der Wirtschaft nach Erhebungen deutlich gestiegen ist – von einer Partei, die seit 2016 die Wirtschaftsministerin stellt, erwarten die Bürger, gleich in welcher Konstellation, keine Wunder.

Desaster für SPD und FDP

Ohnehin hatten Meinungsumfragen trotz aller Ungewissheit hinsichtlich der Stärke der beiden bisherigen Regierungsparteien seit Monaten darauf schließen lassen, dass die Farben der neuen Landesregierung die der alten sein werden. Ein dritter Koalitionspartner, etwa um die AfD in Schach zu halten, war offenkundig nicht nötig. Für die Oppositionsparteien FDP und SPD verhieß dies schon lange nichts Gutes, ebenso wenig für die Linkspartei, obwohl sie bundesweit im Höhenflug ist. Tatsächlich kamen alle drei Parteien in den letzten Wochen des Wahlkampfs unter die Räder, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Am offensichtlichsten sind diese bei der FDP. Dass deren Stammwählerpotential bundesweit mit etwa drei Prozent ohnehin nie so groß war, dass es sicher für ein Ergebnis oberhalb der Fünfprozentschwelle reicht, ist eine Binsenweisheit. Allerdings hatte die Parteiführung gehofft, ungeachtet der fehlenden Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung wenigstens in ihrem Stammland so viele Bürger hinter sich zu bringen, dass sie in der Landtagsfraktion weiterhin eine organisatorische Basis hätte. Doch auch das war zuviel der Erwartung. Fast die Hälfte der FDP-Wähler vom Sonntag stimmte in der Wahltagsbefragung von infratest-dimap der Aussage zu, die Partei habe mit ihrer Politik in der Ampelregierung dauerhaft Vertrauen verspielt. Unter allen Wählern sagten dies 71 Prozent. Und knapp die Hälfte meinte, auf die Politik der FDP könne man in Zukunft ganz verzichten.

Diesen Eindruck konnte man am Wahlabend auch angesichts des desaströsen Abschneidens der Sozialdemokratie gewinnen – wenngleich nicht zu unterschätzen ist, dass die SPD etwa 150.000 mehr Erst- als Zweitstimmen erhalten hat. Bei den Erststimmen lag die Partei bei 8,4 Prozent, bei Zweitstimmen bei 5,5 Prozent. Damit aber blieb jedes Signal aus, das die Bundespartei zu ihren Gunsten hätte auslegen können. Doch selbst wenn es ein solches gegeben hätte, es wäre schwer zu interpretieren gewesen: So stimmte knapp die Hälfte der SPD-Wähler vom Sonntag der Aussage zu, die Partei habe vor der Bundestagswahl viel versprochen, aber zu wenig davon gehalten. Genauso viele aber meinten, die Partei kümmere sich mehr um Bürgergeldempfänger als um die Leute, die hart arbeiten und wenig Geld verdienen. Was aus diesem Stimmungsbild für den Kurs der Parteiführung im Streit mit der Union über Reformen der sozialen Sicherungssysteme und deren Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft folgt, wissen Lars Klingbeil und Bärbel Bas vermutlich so wenig wie ihre Wähler.

Unterschiedliche Ergebnisse in den Altersgruppen

Aber wenn es nicht die SPD ist, wer ist dann wirklich die Partei der arbeitenden Mitte? Die Grünen sind es definitiv nicht. Deren Wähler sind zu fast hundert Prozent davon überzeugt, dass man gleichzeitig etwas für das Klima und für die Wirtschaft tun kann, sie leben bevorzugt in Großstädten und haben überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse und entsprechende Verdienstmöglichkeiten.

An der Basis der sozioökonomischen Pyramide befinden sich einerseits die Wähler, die ihre Sorgen um soziale Sicherheit am ehesten bei den Linken gut aufgehoben sehen, andererseits diejenigen, bei denen soziokulturelle Motive wie die Angst vor Überfremdung und Sorge um die innere Sicherheit hinzutreten. Diese bilden inzwischen das verlässlichste Wählerreservoir der AfD, gleich ob diese Partei vergleichsweise gemäßigt auftritt wie in Baden-Württemberg oder der völkisch-nationalistische Flügel den Ton angibt wie in den meisten anderen Landesverbänden. So ist die Alternative für Deutschland mittlerweile weit vor allen anderen Parteien die Partei der Arbeiter (von denen 37 Prozent für sie gestimmt haben). Und sie ist eine Partei der Männer. Insgesamt 22 Prozent gegenüber 15 Prozent der Frauen haben für die AfD gestimmt. Doch allzu viel zu gewinnen außer einem Direktmandat (in Mannheim) und nach Zweitstimmen einen Wahlkreis (Pforzheim) war aus dieser Konstellation heraus in Baden-Württemberg nicht.

Um das zu ändern müsste die AfD vor allem mehr Wähler in der zahlenmäßig gewichtigen und beteiligungsstarken Gruppe der Älteren für sich gewinnen. In der Gruppe der 60 bis 69-Jährigen kam sie immerhin auf 19 Prozent und damit auf ihren Durchschnittswert. Bei den Wählern im Alter von 70 Jahren und mehr waren es aber nur neun Prozent. Unterdurchschnittlich war bei der AfD auch der Anteil der Erstwähler im Alter von (erstmals) 16 bis einschließlich 24 Jahre. In dieser Kohorte machten nur 16 Prozent ihr Kreuz bei der AfD. Knapp hinter ihr liegen mit 14 Prozent die Linken. Die Grünen wurden in dieser Wählergruppe mit 28 Prozent stärkste Kraft. Überdurchschnittlich gut schnitt die Öko-Partei unter den Wählern zwischen 60 und 69 Jahren (34 Prozent) und denen im Alter von 70 Jahren und mehr ab (31 Prozent). Mit Abstand stärkste Partei in dieser Gruppe wurde allerdings erwartungsgemäß die CDU mit 44 Prozent. Bei den Jung- und Erstwählern hingegen schnitt die Union mit 16 Prozent genauso gut oder genauso schlecht ab wie die AfD. Die SPD dagegen kam bei den Wählern im Alter zwischen 25 und 44 Jahren nicht einmal auf einen Anteil von fünf Prozent. Unter den älteren Wählern waren es noch gerade einmal acht.

Alles in allem war die Landtagswahl, wie die Forschungsgruppe Wahlen schreibt, „in einem ökonomisch angespannten Umfeld auch ein Votum für politische Stabilität, aber mit etwas mehr CDU-Gewicht“. Die Fliehkräfte dieses Wahltags werden sich indes wohl schon bald auf der Berliner Bühne bemerkbar machen. Zuvor aber steht der SPD eine Bewährungsprobe bevor, die fast schon einem Existenzkampf ähnlich dem der FDP gleichkommt. Letztere muss am 22. März weniger um den Verbleib in der rheinland-pfälzischen Landesregierung kämpfen als um den im Mainzer Landtag. Die SPD muss mit ihrer Rolle als stärkste Fraktion auch das Amt des Ministerpräsidenten verteidigen. Die Grünen wiederum müssen sehen, wo sie bleiben, sollten sie mutmaßlich nicht mehr für die Regierungsbildung gebraucht werden. Wie gewonnen, so zerronnen?

Source: faz.net