Wagner in London: Der stumme Schrei jener geschändeten Erde
Wer Barrie Koskys vor zweieinhalb Jahren begonnener Inszenierung des „Rings des Nibelungen“ an der Covent-Garden-Oper von Anfang an begleitet hat, wird wissen, dass er Richard Wagners dicht gewobenen, von Antonio Pappano mit fabelhafter Feinfühligkeit umgesetzten Klangteppich assoziativer Tongebilde das szenische Leitmotiv der greisen Erda hinzusetzt. So, wie die Natur sie schuf, wohnt sie dem Geschehen fast durchgehend bei. Der kreuz und quer umherschleichenden Erdmutter ist das Entsetzen über die Korrumpierung der Umwelt durch Macht- und Raffgier ins Gesicht geschrieben. Sie lauscht ängstlich, sie deckt die Augen schauernd mit den Händen zu, sie reißt den Mund zu einem lautlosen Urschrei auf und kauert im Stamm der ausgedorrten Weltesche, traumwandelnd alles sehend und alles wissend. Gelegentlich lächelt die achtzig Jahre alte Illona Linthwaite enigmatisch, als erinnere sie sich ihrer jüngeren Tage.
In „Siegfried“, der jüngsten Etappe der Londoner Tetralogie, begegnen wir ihr gleich zu Beginn wieder. Wenn sich der Vorhang beim dumpf grölenden Paukenwirbel des Vorspiels langsam erhebt, lugen zunächst nur ihre nackten Füße hervor. Erst allmählich tritt die ganze Figur in Erscheinung, wie sie in einer bleiernen Waldödnis auf einer Schaukel wippt, während Peter Hoares die ganze Widerlichkeit der Figur erfassender Mime, fluchend, dass es ihm nicht gelinge, ein Schwert zu schmieden, das der Kraft seines Zöglings standhalte, untaugliche Klingen aus dem Fenster seiner wackeligen Baumhütte wirft – wie ein Kind seine Spielsachen, wenn es wütend ist. In schmuddeligem Mantel über Bermudashorts schlägt er in fieberhaftem Rhythmus auf seinen Stahlhelm statt auf den Amboss. Die zerbrochenen Schwertteile, die ihm Sieglinde anvertraut hat, bewahrt er in einem Plastikbeutel auf.

Kosky kitzelt die Komik aus dem Text. Als Siegfried das Schwert schließlich unter fliegenden Funken auf einer Apparatur geschmiedet hat, die aussieht wie eine der phantastischen selbstgebastelten Maschinen aus den Zeichnungen von Ronald Searle, spielt der Kindskopf mit der Waffe, wie ein Rockmusiker. In seiner Aufregung über den Lockruf des Waldvogels, den die wie Papagena mit Federn beklebte Erdmutter mimt, während Sarah Dufresne mit jugendlich hellem Sopran aus den Kulissen singt, vergisst er beim Aufbruch zum Walkürenfelsen das Schwert und muss noch einmal umkehren, um es zu holen. Den Austausch zwischen Christopher Maltmans wunderbar differenziert artikulierendem Wanderer und Alberich lässt Kosky in einer Munch-artigen Schneelandschaft stattfinden.
Vor einer Hütte, in der Solomon Howards sonorer Fafner, als Drache von Victoria Behr wunderbar theatralisch ausgestattet mit einem von goldenen Stalaktiten überkrusteten Anzug, über seinen Hort wacht, sitzen die beiden Kontrahenten unter einer Straßenlaterne wie zwei Penner an einer Bushaltestelle. Demonstrativ lässig zieht der Lichtalbe eine Chipstüte aus der Tasche und bietet Christopher Purves’ fahrigem Alberich an, sie mit ihm zu teilen.
Selten gibt Kosky mit diesen humorvollen Anstrichen die charakterlichen Einblicke seiner bis ins kleinste Detail einstudierten Personenführung preis, durch die er die langen Dialogstrecken von „Siegfried“ belebt. Bei Brünnhildes Erwachen in einer idyllischen Blumenwiese gelingt es Kosky sogar mit einem geschickten Griff, den die zauberhafte Lyrik störenden Lacher zu vermeiden, den Siegfrieds lapidare Feststellung, „dies ist kein Mann“, oft provoziert. An dieser Stelle werden dem britischen Publikum einfach die Übertitel entzogen. So, wie sie in der „Walküre“, die Liebe von Siegmund und Sieglinde durch das Streuen von Frühlingsblumen gesegnet hatte, pflegt die Mutter Natur, mit einem altmodischen Strohhut als Gärtnerin aufgemacht, die Wiese, in der das Liebespaar zu den irisierenden Klangbildern des Orchesters herumtollt. Der Einfall, Elisabet Strids Brünnhilde zwischen den Blumen zu verbergen, bis sie erwacht und Siegfrieds Überschwang mit frischem, lyrischem Ausdruck erwidert, steigert die betörende Kraft des Augenblicks.

Gewiss gibt es auch Unstimmigkeiten. In der von Rufus Didwiszus entworfenen Winterlandschaft reimt sich das Waldweben, das Pappano mit dem Orchester so anschaulich zum Klingen bringt, nicht auf die blattlose Linde, unter der Andreas Schagers Siegfried, mit heldentenoraler Pracht ebenso beeindruckend wie mit dem das Wesen des naiven Kindskopfs erfassenden Schauspiel dem Gesang des Waldvogels lauscht. Seltsam auch die Szene, in der Wotan die trotzige Erda der durchweg souveränen Altistin Wiebke Lehmkuhl aus dem wissenden Schlaf reißt. Ihr älteres Ich, deren marmorner Torso aus einem üppigen Rock im Stil der Wagner-Zeit hervorragt, windet sich in Geburtswehen, während Wotans ehemalige Geliebte aus den Krinolinen herauskriecht. Ihre Aussage, dass ihr Schlaf Träumen, ihr Träumen Sinnen und ihr Sinnen Walten des Wissens sei, dürfte das Stichwort für die Entwicklung der den Niedergang der Götterwelt rekapitulierenden oder voraussehenden Schattenfigur der Erdmutter gegeben haben.
Von Koskys Regie über das effektvolle Schattenspiel der Lichtregie von Alessandro Carletti bis hin zu den von hauchzarter Poesie zu aufwallenden Crescendi wechselnden Farben, die Pappano mit dem glänzenden Orchester erzeugt, lebt die grandiose Aufführung von einer den großen Bogen nie aus den Augen verlierenden Finesse, die sich dem symbiotischen Zusammenwirken von Bühne und Orchester verdankt. Dass sich Pappano und Kosky beim jubelnden Schlussapplaus innig umarmten, war offenkundig mehr als eine nur von momentaner Euphorie getragene theatralische Geste.
In ausgewählten deutschen Kinos ist „Siegfried“ am 31. März zu sehen.
Source: faz.net