Wacklige Waffenruhe: Libanon zwischen Selbstverteidigung und Gaza-Modell

Nach der Erklärung einer befristeten Waffenruhe ist es an der israelisch-libanesischen Front weiter zu Angriffen gekommen, wenngleich in geringerem Umfang. Dabei gab es mehrere Tote auf beiden Seiten. Zudem wurde ein französischer Soldat der UN-Friedenstruppe UNIFIL getötet.
In der Nacht zum Freitag war eine vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump verkündete Waffenruhe in Kraft getreten. Sie gilt zunächst für zehn Tage. In dieser Zeit soll der Boden für eine Vereinbarung zwischen Israel und Libanon bereitet werden, um den Anfang März wiederaufgeflammten Krieg zwischen Israel und der Hizbullah zu beenden. Die Schiitenmiliz selbst war allerdings nicht an der Vereinbarung beteiligt.
Die israelische Armee warf der Hizbullah am Wochenende vor, sie habe die Feuerpause mehrmals verletzt. Terroristen hätten sich israelischen Soldaten, die weiterhin im Süden Libanons stationiert sind, genähert und eine „unmittelbare Bedrohung“ dargestellt, hieß es in einer Mitteilung vom Samstag. Sie seien daraufhin aus der Luft und vom Boden angegriffen worden. Laut Armeeangaben wurden seit Freitag zudem bei zwei Bombenexplosionen zwei Soldaten getötet sowie zwölf weitere verwundet. In beiden Fällen waren demnach von der Hizbullah hinterlassene Sprengsätze detoniert.
Trump: Israel darf Libanon nicht mehr bombardieren
Die Armee hob hervor, dass es sich bei ihren Attacken um „Selbstverteidigung“ handele, die von der Waffenruhevereinbarung gedeckt sei. Das dürfte sich auch auf eine Äußerung Trumps bezogen haben. „Israel wird Libanon nicht mehr bombardieren“, hatte er am Freitag auf der Plattform Truth Social geschrieben. Das sei ihnen von den USA „verboten“ worden, erklärte er und fügte hinzu: „Genug ist genug!!!“ Später erläuterte ein Regierungsbeamter gegenüber der Nachrichtenseite Axios, dass Verteidigung gegen geplante oder unmittelbar bevorstehende Angriffe erlaubt sei.
Trump sagte gegenüber Axios am Freitag überdies, Israel müsse aufhören, Gebäude im Süden Libanons zu zerstören. Medienberichten zufolge setzte die Armee indessen die Zerstörung grenznaher Dörfer fort. Sie wendet dabei offenbar das Modell ihres Vorgehens im Gazastreifen auf den Süden Libanons an. Darauf deutet auch hin, dass die Armee am Samstag erstmals eine „gelbe Linie“ im Süden Libanons erwähnte. Bislang war nur im Gazastreifen von einer solchen Demarkationslinie die Rede gewesen. An und südlich der „gelben Linie“ in Libanon behält die Armee sich laut Angaben israelischer Journalisten operationelle Freiheit vor. Das schließt Angriffe auf Personen ein, die sich der Linie nähern.
Die Hizbullah drohte, israelische Verstöße gegen die Waffenruhe nicht ewig hinzunehmen. Ihr Anführer Naim Qassem erklärte am Samstagabend, man werde „nicht noch einmal 15 Monate lang geduldig die israelische Aggression erdulden, während wir auf eine fruchtlose Diplomatie warten“. Er meinte damit die Zeit nach der Waffenstillstandsvereinbarung vom November 2024, in der Israel regelmäßig Luftangriffe gegen die Hizbullah flog. „Ein Waffenstillstand bedeutet die vollständige Einstellung aller Feindseligkeiten“, sagte Qassem. „Da wir diesem Feind nicht vertrauen, werden die Kämpfer des Widerstands vor Ort bleiben, den Finger am Abzug, und auf jede Verletzung angemessen reagieren.“
Libanons Präsident will nicht mehr Schachfigur sein
Zugleich kritisierte er die libanesische Regierung dafür, dass sie mit Israel verhandelt. Hohe Kader der Schiitenmiliz drohten mit einem Volksaufstand. Libanons Präsident Joseph Aoun hatte in einer Fernsehansprache am Freitagabend bekräftigt, die Feuerpause solle zu Verhandlungen mit Israel über dauerhafte Vereinbarungen führen. Libanon sei nicht länger „eine Schachfigur im Spiel anderer und auch keine Arena für die Kriege anderer, und das werden wir auch nie wieder sein“.
Unterdessen wurde am Samstag bei einem Angriff auf UNIFIL ein französischer Soldat getötet. Ein Sprecher der Truppe, die sich mit Schuldzuweisungen zurückhält, wenn es sich um unklare Fälle handelt, erklärte: „Erste Einschätzungen deuten darauf hin, dass der Beschuss von nichtstaatlichen Akteuren (angeblich der Hizbullah) ausging.“ Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte am Samstag, es deute alles darauf hin, „dass die Verantwortung für diesen Anschlag bei der Hizbullah liegt“. Er forderte, Libanon müsse die Täter unverzüglich festnehmen. Die Hizbullah kritisierte die Schuldzuweisung als voreilig.
Nach Angaben der UN-Truppe war eine Patrouille beschossen worden, als sie im Grenzgebiet Sprengkörper räumte. Zuletzt waren die UN-Soldaten immer wieder von Beschuss getroffen worden, auch von israelischem.
Source: faz.net