Von welcher Dachterrasse dies Weltgeschehen im Blick

Schiffe in Singapur


Reportage

Stand: 09.04.2026 • 17:52 Uhr

Jeden Tag kann Hobbyfotograf Osman die Folgen des Kriegs in Nahost beobachten. Von der Dachterrasse aus blickt er auf die Straße von Singapur – wo Kriegsschiffe fahren und Irans Schattentanker plötzlich in Ortungsapps auftauchen.

Von der Dachterrasse seines Hochhausblocks in Singapur hat der Hobbyfotograf Remy Osman nicht nur eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt im Blick, sondern in gewisser Weise das aktuelle Weltgeschehen. Seit die Straße von Hormus durch Iran blockiert wurde, sieht er mit eigenen Augen, wie groß die Auswirkungen auf den Öl- und Gashandel sind.

Die Straße von Singapur verbindet den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer. Dieser Highway der Weltwirtschaft ist der schnellste Weg, um Öl und Gas aus dem Nahen Osten per Schiff Richtung Asien zu transportieren.

Mit dem Fahrstuhl fährt Osman täglich hoch in den 47. Stock. Mit Fernglas und Kamera steht der 32-Jährige bereit für das perfekte Foto. Die großen Öltanker, die hier sonst zum Alltag gehörten, sieht er nur noch selten. Stattdessen beobachtet er, wie US-Kriegsschiffe in umgekehrter Richtung in den Nahen Osten unterwegs sind. „Ich habe das Gefühl, in der ersten Reihe zu sitzen und hautnah mitzuerleben, was auf der Welt passiert“, sagt er.

Herkunft vieler Schiffe verschleiert

Das Ausbleiben der Öl- und Gastanker ist für die gesamte Region ein enormes Problem. Fast alle asiatischen Länder sind stark von Öl- und Gasimporten aus dem Nahen Osten abhängig. Etwa 80 Prozent des Rohöls, das sonst durch die Straße von Hormus kommt, ist laut Internationaler Energieagentur IEA für den asiatischen Markt bestimmt.

Inzwischen sind Tankstellen ohne Sprit, Fischern ist der Diesel zu teuer, sie bleiben im Hafen. Staatsangestellte sollen von zu Hause arbeiten, die Lebensmittelpreise steigen. Die Liste zum Energiesparen ließe sich weit fortführen.

Auf seinem Dach wartet Osman an diesem Tag auf ein ganz bestimmtes Schiff – einen Öltanker der iranischen Schattenflotte, die „Sea Star III“. Sie fährt unter iranischer Flagge, gehört zur National Iranian Tanker Company und steht damit auf der Sanktionsliste der USA.

„Das Gefühl, in der ersten Reihe zu sitzen“: Schiffsspotter Remy Osman

Der riesige Tanker schiebt sich hinter einem Hochhaus hervor in sein Blickfeld. Mit 333 Metern ist er einer der größten Rohöltanker auf den Weltmeeren, erklärt Osman. Als Teil der iranischen Schattenflotte agiert der Tanker die meiste Zeit im Verborgenen.

Die Schiffe der Schattenflotte verschleiern ihre Herkunft. Sie ändern ihren Namen, manipulieren ihr Ortungssystem, fahren unter falscher Flagge. Manche nehmen auch die Identität bereits abgewrackter Schiffe an.

Ortungssystem nur kurz angeschaltet

Singapur ist für Osman der beste Ort auf der Welt, um diese Geisterschiffe zu beobachten. Denn hier schalten sie ihr Ortungssystem für kurze Zeit an. Auch die „Sea Star III“ ist erst kurz vor Singapur plötzlich in seiner Schiff-Tracking-App aufgetaucht – wie ein U-Boot aus dem Ozean. „Man weiß also eigentlich nicht, wo sie sich auf der Welt befinden“, erklärt Osman. „Es sei denn, sie kommen an sehr wichtigen Punkten wie Singapur vorbei, wo sie gesetzlich verpflichtet sind, ihr Automatisches Identifikationssystem einzuschalten, um die Meerenge zu passieren.“

Die Straße von Singapur ist eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Jährlich fahren hier rund 100.000 Schiffe durch. Etwa ein Drittel des globalen Seehandels fließt durch den schmalen Schifffahrtsweg. Ohne Signal zu fahren, wäre daher gefährlich.

Osman sieht durch sein Fernglas, wie ganz in der Nähe ein Schiff der Singapurer Küstenwache Patrouille fährt. Doch solange sich der iranische Tanker unauffällig verhält, keine Gefahr darstellt und nicht den Hafen ansteuert, könnten die Behörden wenig tun. Die Straße von Singapur ist ein Transitgewässer, in dem laut dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) die Freiheit der Schifffahrt gilt.

Singapur positioniert sich dementsprechend auch klar zur Straße von Hormus: Man werde nicht mit Iran über eine sichere Durchfahrt verhandeln. „Es gibt ein Recht auf freie Durchfahrt. Dies ist kein Privileg, das von einem angrenzenden Staat gewährt wird“, erklärte Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan im Parlament. „Es braucht keine Erlaubnis. Es ist auch keine Gebühr zu zahlen. Es ist das Recht aller Nationen, diese Passage zu durchqueren.“

Rote Dreiecke im Südchinesischen Meer

Auf seiner Dachterrasse zoomt Osman mit seinem Teleobjektiv nah ran. Die „Sea Star III“ liegt hoch im Wasser, ihr rot-ausgeblichener Rumpf ist zu sehen. Ein Zeichen, dass der Tanker leer ist und auf dem Rückweg in den Iran. „Vermutlich hat er seine Ladung in China gelassen. Oder das Öl im Südchinesischen Meer auf andere Tanker rüber gepumpt. Da wird alles vermischt, sodass es schwer nachzuvollziehen ist, woher das Öl ursprünglich stammt.“

In seiner Tracking-App auf dem Handy zeigt er auf mehrere rote Dreiecke im Südchinesischen Meer. Jedes Dreieck ein Tanker. Hier passiere ein Großteil des sogenannten Ship-to-Ship-Transfers.

Die Fotos der Schiffe veröffentlicht er auf seinem Instagram-Account. Sie werden von Menschen weltweit geklickt. Geld macht er damit nicht, eigentlich arbeitet er in der Lebensmittelbranche. Für Osman ist es ein Hobby. Er will abbilden, was gerade in der Welt passiert.

Dafür hat er jedes Mal nur wenige Minuten Zeit. Dann verschwinden die Stahlriesen wieder hinter Hochhäusern und grünen Hügeln. Oder ganz von der Bildfläche, wie die „Sea Star III“, die wenig später wieder ihre Ortung ausschaltet.

Source: tagesschau.de