Von den Nazis solange bis zur Womanosphere: Warum autoritäre Systeme Hausfrauen nötig haben
1980 wurde die bis an ihr Lebensende reuelose „Reichsfrauenführerin“ Gertrud Scholtz-Klink zu ihrer früheren Tätigkeit interviewt. Ihr Job als Leiterin der Frauenorganisation der NSDAP von 1934 bis 1945 sei gewesen, „Frauen in ihrem alltäglichen Leben zu beeinflussen“, sagte sie der Historikerin Claudia Koonz.
Zu ihrem Publikum gehörten rund vier Millionen Mädchen in der NS-Jugendbewegung, acht Millionen Frauen in NS-Organisationen unter ihrer Zuständigkeit und 1,9 Millionen Abonnentinnen ihrer Frauenzeitschrift N.S. Frauen-Warte. Laut Koonz propagierte die Leiterin der NS-Frauenschaft ihnen gegenüber, was sie „die Küche und das Kinderzimmer“ nannte, also reproduktive und Haushaltspflichten, als essenziell für die Stärke der Nation.
In der NS-Zeit in Deutschland gab es „eine ganze Reihe von Frauenzeitschriften, die Hausfrauen verherrlichten“, sagt Koonz, emeritierte Geschichtsprofessorin von der Duke University. „Es war das Äquivalent zu den Sozialen Medien heute.“ Die Propagandazeitschrift Frauen-Warte enthielt neben Politischem auch breit ansprechende Lifestyle-Inhalte darüber, wie man einen sauberen und gut organisierten Haushalt führt und für die Gesundheit der Familie sorgt. Dazu gab es ab und an Debatten darüber, wie viel Make-up Frauen tragen sollten. Bevorzugt wurde ein ungeschminkter Look – ähnlich dem heutigen „Clean Girl“-Trend. „In einer zensierten Gesellschaft braucht man Debatten über harmlose Themen“, erklärt Koonz.
Koonz ist bestens vertraut mit den Methoden, mit denen politische Machthaber sich auf die Arbeit von Frauen auf familiärer Ebene stützen, um die staatliche Ideologie umzusetzen. In ihrem 1986 erschienenen Buch „Mothers in the Fatherland“ (deutsch: Mütter im Vaterland) beschreibt Koonz, wie Frauen im nationalsozialistischen Deutschland „im Zentrum des Geschehens standen“ und im häuslichen Bereich Ideale der weißen Vorherrschaft, der Unterordnung der Frau und der Aufopferung förderten.
Faschismus und die Familie
Denker wie der Philosoph Theodor W. Adorno sowie der zeitgenössische US-amerikanische politische Philosoph George Lakoff haben Theorien über die paternalistische Persönlichkeit von autoritären Machthabern geschrieben. Lakoff stellt dabei fest, dass in der modernen Geschichte rechtsextreme autoritäre Regime regelmäßig männliche Autorität durch eine familienähnliche Hierarchie institutionalisieren: Frauen sind Männern untergeordnet und beide gehorchen dem metaphorischen „strengen Vater“ der Nation. Zu Hause bereiten väterliche Autorität und mütterliche Unterordnung die Kinder auf eine umfassendere soziale Ordnung vor, indem sie ihnen beibringen, die Unterwerfung der Frau als Stabilisierung zu betrachten und Angst und Konformität als Preis für Zugehörigkeit zu akzeptieren.
„Es gibt eine gewisse Zurückhaltung, das, was wir aktuell erleben, als Faschismus zu bezeichnen“, sagt Kulturhistorikerin Tiffany Florvil, aber in der US-amerikanischen Rechten seien extreme autoritäre Dynamiken deutlich zu beobachten. (Tatsächlich scheinen Trumps Anhänger nicht aufhören zu können, ihn „Daddy“ zu nennen.)
Die Nationalsozialisten gaben normalen Frauen das Gefühl, auf eine Weise wertgeschätzt zu werden, die sie von freiheitlichen Parteien nicht kannten.
Die in den USA beispiellosen Deportationen von Immigranten; der Einsatz des ICE, um unrechtmäßig Menschen in Haftanstalten festzuhalten, in denen häufig Menschenrechtsverletzungen vorkommen; die Einschüchterung von Richtern, Anwaltskanzleien und Universitäten sowie Angriffe auf die fundamentalen Prinzipien der freiheitlichen Demokratie veranlassen auf Faschismus spezialisierte Historiker:innen, das Land zu verlassen.
Und es gibt erhebliche Rückschläge in der Gleichstellung der Geschlechter. Die Vorstellung, dass der Körper der Frau eine staatliche Ressource zur Erhaltung der Bevölkerung ist, scheint wieder aufzukommen. Die Regierung Trump unterstützt eine traditionelle Rollenverteilung, indem sie die Gleichbehandlung am Arbeitsplatz zurücknimmt sowie reproduktive Rechte einschränkt und Gender-Identität zu kontrollieren versucht.
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„Die ehrenhafteste Pflicht“ einer Frau „ist, ihrem Volk und ihrer Nation Kinder zu geben, Kinder, die die Linie der Generationen fortführen können und die die Unsterblichkeit ihres Landes garantieren“, sagte Nazi-Propaganda-Minister Joseph Goebbels 1933 vor einem Frauenpublikum.
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Ein rassistisch selektives Bevölkerungswachstum stand im Mittelpunkt der Agenda nationalistischer, faschistischer Regime wie Nazi-Deutschland und Benito Mussolinis Italien. Der einzige Weg zu Ehre für die meisten Frauen war, Kinder zu bekommen, formalisiert durch finanzielle Belohnungen und Medaillen für ausgewählte Mütter von vielen Kindern.
Genauso wirbt auch die Trump-Regierung mit pronatalistischen Belohnungen, wie einem 1.000-Dollar staatlich finanzierten Anlagekonto für Neugeborene. Weitere werden diskutiert, darunter eine „Nationale Mutterschafts-Medaille“ für Frauen mit sechs Kindern. Während Vizepräsident JD Vance bei einer Anti-Abtreibungs-Veranstaltung Anfang 2025 rief: „Ich will mehr Babys in den USA“, planten die Republikaner im Kongress landesweit die Abschaffung von Steuergutschriften für Kinderbetreuung und andere Unterstützungsleistungen, die Frauen die Teilnahme am Arbeitsleben ermöglichen – ein Versuch, die soziale Rolle von Frauen zu kontrollieren.
Die Politik der US-Regierung lässt darauf schließen, dass ihr Ziel nicht einfach Bevölkerungswachstum ist, sondern insbesondere die Geburt von mehr weißen Kindern. Denn indem sie die reproduktiven Rechte drastischer zurücksetzte als zu jedem Zeitpunkt in den vergangenen 50 Jahren, hat die Regierung Trump die Voraussetzung für eine höhere Müttersterblichkeit geschaffen – insbesondere für afroamerikanische Frauen, die fast dreieinhalbmal so oft betroffen sind wie weiße Frauen. Die Regierung zeigt sich zudem feindlich gegenüber People of Colour, indem sie Immigrantenfamilien auseinanderriss, Immigration einschränkte und ein Ende der Staatsbürgerschaft nach Geburtsortprinzip anordnete.
Faschistische pronatalistische Politik kommt mit einem Furnier von weißen, christlichen „Familienwerten“ daher – eine Strategie, die auch in Scholtz-Klinks Arbeit als Prototyp der Einflussnehmerin im nationalsozialistischen Deutschland zu sehen ist, indem sie die Idee eines erstrebenswerten, angenehmen, von „Kinder, Küche, Kirche“ geprägten Lebens propagierte. Noch in ihrem Interview mit Koonz 1980 leugnete die frühere Reichsfrauenführerin, dass sie und ihre Kolleginnen etwas mit Konzentrationslagern, Völkermord oder politischer Doktrin zu tun gehabt hätten – ja, dass sie sogar kaum etwas von diesen Dingen gewusst hätten. Scholtz-Klink sah ihre Aufgabe darin, Frauen das Gefühl zu vermitteln, dass heimische und reproduktive Aufgaben nicht nur Pflicht, sondern von hohem Wert sind, womit sie „der Nazi-Partei half, einfachen Frauen ein Gefühl der Wertschätzung zu geben, was progressivere Parteien nicht taten“, erklärt Koonz.
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Mutterschaft kann sehr erfüllend sein und nur wenige würden Familienleben als unwichtig bewerten. Aber autoritäre Bewegungen politisieren es seit Langem, indem sie es nicht nur als einzigen Sinn und Zweck von Frauen darstellen, sondern auch als Ersatz für Autonomie und Rechte. Nationale Instabilität verstärkt nur noch die Botschaft, dass der rechtmäßige Ort für Frauen zu Hause bei ihren Kindern ist. „Wenn Chaos herrscht“, sagt Koonz, „haben die Frauen, die die Front zu Hause verteidigen, noch mehr Verantwortung: ‚Da draußen ist Chaos, aber meine Familie hat traditionelle Werte.‘“
Womanosphere: Frauen verbreiten das Idyll der Sorgearbeit
Wenn autoritäre Regime aufsteigen, setzen sie häufig auf eine Frauenbewegung, die die Gesellschaft auf der Haushaltsebene stabil und am Laufen hält, um seine regressive Politik auf verständlichere und verlockendere Weise darzustellen. Das gilt besonders für faschistische Regime, die eine Massenbeteiligung brauchen, um ihre extrem nationalistische Agenda voranzutreiben. Heutzutage wird diese Rolle von der digitalen „Womanosphere“ übernommen.
Als Gegenstück zur „Manosphere“, einem einflussreichen Online-Bereich, der Frauenfeindlichkeit verbreitet, ist die Womanosphere ein informelles Netz aus Online-Influencerinnen, die sich mit normativer Weiblichkeit befassen. Ihr Frauenbild ist geprägt von queer-feindlicher Haltung, weißer Vorherrschaft, fundamentalistischem Christentum und traditionellem Maternalismus. Es entspricht auch der extremen, diskriminierenden Agenda des Project 2025 zur Förderung einer rechtsgerichteten Politik in den USA. Dessen Ziel es ist, historische Errungenschaften der Frauenbewegung wie Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, Bildung und Gesundheitsversorgung rückgängig zu machen.
Diese Werte werden von konservativen Millennial- und Gen Z-Influencerinnen propagiert, darunter Alex Clark, Moderatorin des MAHA (Make America Healthy Again)-Wellness-Podcasts Culture Apothecary; die selbst ernannte „professionelle Plappertante“ Brett Cooper; YouTuberin Isabel Brown; die konservative Provokateurin Candace Owens; Anti-Transgender-Aktivistin und Podcast-Moderatorin Riley Gaines; die christliche Influencerin Allie Beth Stuckey; und Publikationen wie die „rechtskonservative Variante des Frauenmagazins Cosmopolitan“ Evie Magazine. Turning Point USA, Charlie Kirks konservative studentische Organisation, veranstaltet einen jährlichen Frauen-Gipfel, auf dem Heirat, Kinderkriegen und Haushaltsführung die Hauptthemen sind.
Propaganda hinter pastellfarbenem Idyll
Die Inhalte der Womanosphere reichen von offen politischen Themen bis zu auf den ersten Blick harmloser Lifestyle-Ästhetik. Diese nostalgischen Visionen von Schönheit – Darstellungen von gesunder, ambitionierter Gartenarbeit, Kochen, Wellness und Mutterschaft, verkörpert durch „traditionelle“ Hausfrauen-Influencerinnen wie Hannah Neeleman und Sarah Therese – haben weitreichende Anziehungskraft. Während nicht alle „Cottage Core“-Influencerinnen Missionarinnen der konservativen Sache sind, spielt diese Art von Content eine Rolle in der „Alt-right” Pipeline“, in der befreiende Neuerungen wie Geburtenkontrolle als „toxisch“ dargestellt werden und der ideale Status verheiratet, barfuß und schwanger ist.
Die Inhalte der Womanosphere betonen die Freuden des Zuhauses und der Mutterschaft, während sie die zunehmende soziale und politische Entrechtung der Frauen ausklammen. Letztlich verstärken sie faschistische Werte wie Geschlechterhierarchie und die Pflicht gegenüber der Nation. Für Koonz wirkt das wie mehr vom gleichen Konzept: „Kinder, Küche und Kirche“ fürs digitale Zeitalter.
In der Womanosphere ist das Zuhause ein Frauen-Ort: Gute, normale Frauen wollen dort bleiben. Diese digitale Bewegung spiegelt, was die feministische Medienexpertin Jilly Boyce Kay „reaktionären Feminismus“ nennt, ein anti-progressiver Backlash, der argumentiert, „Bindung, Zuneigung und Schutz“ seien die „evolutionär-vorbestimmten Interessen“ der Frau, mit wenig Spielraum auch nur für kleine Abweichungen.
Die Womanosphere setzt auf individualistische Strategien, um gegen den vermeintlich liberalen Status quo zu rebellieren. Sie verstärkt damit seit jeher bestehende Geschlechterhierarchien. Wenn eine Frau finanziell von ihrem Ehemann abhängig ist, so die Argumentation, ist sie frei von der Last einer bezahlten Beschäftigung und kann sich ganz dem häuslichen Leben widmen, anstatt ihre Zeit zwischen Beruf und Haushalt aufzuteilen. Der erdrückende Druck auf Frauen, sowohl zu arbeiten als auch den Hauptteil der Hausarbeit zu machen, ebenso wie die öffentliche Gesundheitskrise des Eltern-Burnouts machen diese Argumente verlockend.
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Aber die Inhalte der Womanosphere neigen dazu, komplexe materielle Realitäten zu verdecken. Etwa existieren die Bedingungen, die in den 1950er Jahren Haushalte mit einem einzigen Verdiener besser realisierbar machten, heute nicht mehr. Zudem beschneiden Angriffe auf die reproduktiven Rechte die Zukunftsmöglichkeiten, die Frauen wählen können. Und ohne finanzielle Unabhängigkeit sind sie nicht in der Lage, Situationen von häuslicher Gewalt zu verlassen.
Die Womanosphere-Influencerinnen vertreten oft die Ansicht, dass es klug sei, sich vom Arbeitsmarkt zurückzuziehen, während sie gleichzeitig mit ihren Inhalten Geld machen.
Frauen wie Scholtz-Klink ergriffen die historisch seltene Gelegenheit, sich in autoritären Regimes als Sprachrohre zu profilieren. Heute sind Influencerinnen nicht mehr darauf angewiesen, von offizieller Stelle beauftragt zu werden (obwohl politische Gruppen Content Creator durch häufig undurchsichtige Unterstützung mitfinanzieren). Die Aufmerksamkeitsökonomie bietet ihre eigenen Anreize, und die konträre Haltung von Frauen, die für Geschlechterparität kämpfen, kann algorithmisches Gold wert sein.
Die Heuchlerei ist offensichtlich: Womanosphere-Influencerinnen vertreten oft die Ansicht, dass es klug sei, sich „vom Arbeitsmarkt zurückzuziehen, während sie gleichzeitig mit ihren Inhalten Geld machen“, erklärt die feministische Theoretikerin Sophie Lewis, Autorin des kürzlich erschienenen Buchs „Enemy Feminisms: Terfs, Policewomen, and Girlbosses Against Liberation“.
Womanosphere-Influencerinnen posten häufig unbekümmert frauenfeindliche Inhalte. Kürzlich präsentierte Alex Clark, die sich ihrer „cleveren“ Taktik rühmte, Ideologie durch Wellness-Inhalte zu verbreiten, einen Gast. Der Mann behauptete, dass es Frauen „regelrecht tötet“, wenn sie „den männlichen Bereich betreten“ – indem sie Wut, Durchsetzungsfähigkeit oder Autorität zeigen. Als Beweis zitierte er die steigenden Brustkrebszahlen. Für ihre eigene Gesundheit, wird in dem Video-Clip suggeriert, sollten Frauen also fügsam und ruhig bleiben.
Aber patriarchalische Politik schadet Frauen, selbst denen, die sich daran beteiligen: Die rechtsextreme Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene aus Georgia sagte im August gegenüber der Daily Mail, dass es „Frauen in unserer Partei gibt, die es wirklich satthaben, wie republikanische Männer republikanische Frauen behandeln“. Auch republikanische Frauen stellen fest, dass sie keine Abtreibung machen lassen können, wenn sie sie brauchen.
Die Womanosphere-Influencerin Cooper erzählte der New York Times, dass rechtskonservative Kolleginnen sie für „verrückt“ erklärt hätten, weil sie während der Schwangerschaft arbeitete. Die kanadische Influencerin Lauren Southern, die feminismus- und immigrationskritische Inhalte postete, veröffentlichte kürzlich Memoiren, in denen sie zugab, dass sie in ihrer traditionellen Ehe emotional gefoltert wurde. „Die unglücklichsten Menschen, die ich kennengelernt habe, stecken in dieser seltsamen, lächerlichen traditionellen Dynamik fest“, sagte Southern in einem Interview im Mai dieses Jahres.
Wenn der Staat versagt, springen Frauen ein
Faschismus mag Frauen verraten, aber er braucht dennoch ihre Unterstützung. „Was alte und neue Faschismus-Regime gemeinsam haben, ist, dass sie dazu neigen, in den Lücken, die der Staat nicht füllen kann, Frauen einzusetzen“, sagt die Historikerin Diana Garvin.
Mussolinis faschistisches Italien schuf von den 1920er bis zu den 1940er Jahren ein Bild der Modernisierung, des Wirtschaftswachstums und der landwirtschaftlichen Fülle. Nachdem Mussolini jedoch seine Handelspartner verprellt hatte, trug Italiens Abhängigkeit von einheimischen Produkten zu einer so gravierenden Nahrungsmittelknappheit bei, dass die Italiener nicht einmal mehr genug Weizen hatten, um Pasta herzustellen. 2022 erschien ihr Buch „Feeding Fascism: The Politics of Women’s Food Work“. Darin schreibt Garvin, die propagandistische Darstellung des Staates vom häuslichen Glück habe die systemische Abhängigkeit von der unbezahlten Arbeit der Frauen im Haushalt verschleiert. Von Müttern wurde erwartet, dass sie den Lebensmittelmangel durch ihren Einfallsreichtum und harte Arbeit auffangen.
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Italienische Lifestyle-Magazine wie La Cucina Italiana bemühten sich, die durch Mussolinis schlechte Regierungsführung verursachte Nahrungsmittelknappheit in eine Quelle individuellen Stolzes umzuwandeln, indem sie Bilder von kleinen Mädchen zeigten, die preisgekröntes Gemüse angepflanzt hatten, oder Rezepte für Gerichte mit Reisresten von gestern veröffentlichten. Die Regierung wollte, dass für ihr Versagen Frauen einsprangen und „glücklich darüber sind“, sagt Garvin.
Ähnliche Anstrengungen könnten in den USA erforderlich sein, da Donald Trump die Reste eines ohnehin dürftigen sozialen Sicherheitsnetzes aushöhlt. Die Regierung hat die Finanzierung der Gesundheitsversorgung und der Umweltschutzbehörde gekürzt, das Bildungsministerium aufgelöst und damit den Zugang zu Bildung und die Chancengleichheit für Kinder eingeschränkt. Zudem hat er Systeme heruntergestuft, die die Lebensmittelsicherheit gewährleisten sollen, einschließlich Personalabbaus bei der Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde.
Unter dem Vorwand einer Rückkehr zu solidem Individualismus entzieht sich die Trump-Regierung der Verantwortung für die Bedürfnisse der amerikanischen Bevölkerung. Im Juli postete das US-Ministerium für Innere Sicherheit in den Sozialen Medien Kitsch-Kunst, die ein Siedler-Paar mit einem Baby in einem Planwagen zeigt, mit der Unterschrift: „Denken Sie an das Erbe Ihres Heimatlandes“. Die Botschaft dahinter: US-Amerikaner:innen sollen stolz auf ihre Belastbarkeit sein, wenn sie allein gelassen werden.
Influencerinnen der Womanosphere bringen Frauen dazu, Pflichten zu romantisieren, und ermutigen sie, feministisches politisches Engagement als „woken“ Unsinn abzutun. Sie tragen dazu bei, die nationale Debatte davon abzulenken, wie die Regierung in Gemeinden investieren könnte: durch Sozialleistungen wie Wohnsicherheit, bezahlte Elternzeit, Medicare für alle und universelle, bezahlbare Kinderbetreuung.
Das Versäumnis der Demokraten, Frauen angemessen zu unterstützen und wertzuschätzen, hat es der Rechten ermöglicht, aus der weitverbreiteten Unzufriedenheit Kapital zu schlagen und Frauen davon zu überzeugen, weniger von einem Land zu erwarten, das ihnen eigentlich mehr geben könnte.
Ohne angemessenen Zugang zu medizinischer Versorgung, Essen und Bildung übernehmen Mütter am Ende die Rolle von Hauslehrerinnen, Bäuerinnen und Ärztinnen.
Wenn angemessener Zugang zu medizinischer Versorgung, Nahrung und Bildung fehlt, kann es passieren, dass Mütter am Ende zu Lehrerinnen, Bäuerinnen und Ärztinnen werden. Traditionelle Influencer beschönigen diese ungerechte Arbeitsbelastung als Hommage an das Leben auf dem Land (und nutzen es, um Heilmittel zu vermarkten, deren Wirkung nicht nachgewiesen ist), anstatt es als das zu benennen, was es ist: die vom Staat hinterlassene Lücke schließen.
Kürzungen im Bildungsbereich erscheinen weniger bedrohlich, wenn man überzeugt ist, dass es seine Rolle ist, die eigenen Kinder zu Hause zu unterrichten; eine weniger sichere und teurere Lebensmittelversorgung wirkt auch weniger problematisch, wenn man glaubt, dass jeder seine eigenen Nahrungsmittel anbauen und alles selbst anfertigen sollte. Der US-Gesundheitsbehörde Center for Disease Control Gelder zu kürzen wirkt nicht so schlimm, wenn man konditioniert wurde, Impfstoffen zu misstrauen, und glaubt, dass man die Masern eines Kindes mit „Kräutermitteln oder alter Nahrungsmittelmedizin“ kurieren kann.
Die Regierung Mussolinis wollte außerdem „Frauen unbedingt aus den Berufen der Mittelschicht verdrängen, um diese Arbeitsplätze für Männer freizumachen, da es echte Arbeitslosigkeitsprobleme gab“, erklärt Garvin. Das Land nutzte damals das negative Stereotyp der „donna-crisi“ oder „Krisenfrau“, von einer urbanen und unabhängigen Frau, die dem aktuellen „Feminismus-Opfer“ der amerikanischen Alt-right-Bewegung oder US-Vizepräsident JD Vances „kinderlosen Katzen-Damen“ ähnelt, um arbeitende Frauen zu diskreditieren. Doch während die Mussolinis Propaganda das Bild von Frauen der Mittel- und Oberschicht vermittelte, die von der Arbeit verschont blieben, war die Realität laut Garvin viel berechnender: Das faschistische Italien wollte Frauen der Unterschicht in die Arbeitswelt holen, weil sie schlechter als Männer bezahlt werden konnten.
Diese Frauen glauben, das Patriarchat wird sie schützen
Im Juli beschloss die Trump-Regierung neue Arbeitsanforderungen für Medicaid, das staatlich-föderale Krankheitsversorgungsprogramm für mehr als 77 Millionen Menschen mit geringem Einkommen. 80 Prozent davon sind Frauen mit einem Altersmedian von 40 Jahren. Landwirtschaftsministerin Brooke Rollins hat vorgeschlagen, diese Bürger könnten auf US-Farmen arbeiten, um ihren Versicherungsschutz aufrechtzuerhalten und damit abgeschobene Arbeitsmigranten ersetzen. Trotz all ihrer Versprechen von häuslichem Glück schickten klassische europäische faschistische Regime Hausfrauen in Fabriken und auf Felder, wenn Arbeitskräfte benötigt wurden. Immer sind es Frauen, von denen am Ende erwartet wird, die Last des Versagens der Nation zu tragen.
Frauen, die zu gehorsamen Hausfrauen werden, übernehmen diese Rolle möglicherweise freiwillig, ja sogar gerne. Sie glauben vielleicht, eine fundamentale Wahrheit in der Annahme zu sehen, dass Abhängigkeit der Preis für Sicherheit ist, und vertrauen darauf, dass das Patriarchat sie beschützen wird, solange sie sein Haus einwandfrei sauber halten und ihm mit einem Lächeln auf dem Gesicht Brot backen.
Doch viele machen dabei die Rechnung ohne den Einfluss heuchlerischer Propaganda auf ihre Entscheidungen – oder die Folgen, die sich aus der Unterwerfung unter eine Tyrannei ergeben, die sich gegen sie wenden könnte.
Statt Freiheit, Gleichheit, Macht und Wahlmöglichkeiten bietet die Trump-Regierung Frauen Schmeicheleien und eine doppelzüngig vereinfachende Weltanschauung, die ihre Handlungsfähigkeit leugnet. Während Frauen entscheidend für das MAGA-Projekt sind, haben einige seiner Unterstützer zu erkennen begonnen, dass das traditionelle Leben nicht nur eine idyllische Fantasie der Vergangenheit ist, sondern ein Vorbote einer trostlosen Zukunft. Das Leben im patriarchal geprägten Heim könnte weniger rosig ausfallen, als es angepriesen wurde.