Vom Mythos zum Problemtier: Die Geschichte von Mensch und Wolf war immer katastrophal
Es gibt Menschen, die haben unter den Tieren Freunde und Feinde; so geht es mit der Natur. Und es gibt Tiere, die haben unter den Menschen Freunde und Feinde, was, dialektisch genug, sehr häufig dazu führt, dass auch unter den Menschen selbst Freund- und Feindschaften ausbrechen. So geht es mit der Kultur.
Zu den Tieren, die unter den Menschen Freund- und Feindschaften auslösen, gehören – neben Haien, Bibern, Geiern oder Bären – ganz prominent die Wölfe. Den einen erscheinen sie als eine wundervolle Rückkehr vertriebener Natur, den anderen als Gefahr für Nutztier und Mensch.
Die einen bewundern die intelligente Rudeljagd, die anderen fürchten tückische Angriffe. Es gibt, wie so oft, eine materialistische Kosten-/Nutzenrechnung, und es gibt, ebenso häufig, eine idealistische Werteabwägung. Aber vielleicht gibt es, zwischen Faszination und Furcht, auch noch eine tiefere Dimension. So führt die Spur von Freund- und Feindschaft zum Tier hinab ins Wurzelwerk von Mythos und Märchen.
Vom Wolf zur Schlange, jedes Tier hat in jeder Kultur eine andere Eigenschaft
Denn der Wolf steht, wie beinahe auch jedes andere Tier, auch in einer symbolischen Semantik. Der Fuchs ist schlau, der Esel störrisch, das Schwein genießerisch, der Rabe weise, der Adler stolz, die Gazelle grazil, der Ochse geduldig, der Hund treu, das Pferd edel, die Schlange…
Nun ja, es kommt darauf an. Denn es gibt in den verschiedenen Kulturkreisen durchaus Unterschiede in den Zuschreibungen. Immer jedenfalls geht es sowohl um das Tier vor meinen Augen als auch um das Tier in mir. Und es ist durchaus nicht ausgemacht, vor welchem von beiden man mehr Angst haben muss.
Da helfen in der Zivilisationsgeschichte nur Bilder und Erzählungen. Tiere spielten in den Schöpfungsgeschichten ihre Rolle, Tiere waren die fantastisch treuen Begleiter und noch fantastischeren Versucher in den Heldenreisen, und das Paradies ist immer für Menschen und Tiere gleichermaßen da. Die liegen die Löwen bei den Lämmern, und vielleicht auch die Menschen bei den Wölfen.
Wölfe und Menschen teilen eine gemeinsame Geschichte
Das Verhältnis der Menschen zu den Wölfen jedenfalls war stets besonders innig. Einerseits, weil Wölfe und Menschen gewisse Territorien gemeinsam bewohnen, und andererseits, weil der Wolf als Vorfahr des kultivierten Hundes gilt. Und der nordische Gott Wotan hatte neben zwei Raben einen Wolf an seiner Seite, den niemand anderer als er berühren durfte.
Der Wolf ist die Wildheit, aus der wir stammen, wie die Wolfsjungen der Art des Dschungelbuchs, wie die Gründer einer später verdammt heiligen Stadt: Romulus und Remus. Der Wolf ist die Wildheit, die bezwungen werden muss, vom kleinen Peter oder dem Zivilisationsflüchtling, der mit ihm zu tanzen wagt. Der Wolf ist das Wilde, das aus dem Menschen hervorbricht, bei Vollmond vielleicht, wo aus dem Bürger der Werwolf wird. Der Wolf verkörpert den Hunger, der in die Gier umschlägt, die drei Schweinchen oder das Rotkäppchen zu fressen, oder, in Cartoon-Form darf man’s ja zeigen, beim Anblick der Schönen die Contenance verliert.
Der Wolf ist das Phallischste unter den sexuellen Tieren. Der Autor der ersten Rotkäppchen-Version, Charles Perrault, hatte durchaus einen pädagogischen Hintersinn in seine Geschichte eingebaut: „Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten. Ich sage ‚Wolf‘, aber es gibt da verschiedene Arten von Wölfen. Da gibt es solche, die auf charmante, ruhige, höfliche, bescheidene, gefällige und herzliche Art jungen Frauen zu Hause und auf der Straße hinterherlaufen. Und unglückseligerweise sind es gerade diese Wölfe, welche die gefährlichsten von allen sind.“
Diese Wölfe, die sich einen Schafspelz umhängen oder Kreide fressen, um ihre Beute zu täuschen. Diese Wölfe, die vor allem so gefährlich sind, weil sie im Rudel jagen, in der Urform von Gemeinschaft, wie die Horde des Menschen: Ihre Überzahl organisierend, umzingeln sie das Opfer und lassen sich auch durch den Verlust von einem oder zweien der ihren nicht abbringen. Wo Wölfe sind, da ist Blut. Etwas anderes ist der einsame Wolf. Ausgestoßen oder autark, jedenfalls Sinnbild heroischer Einsamkeit. Zum Wölfischen zurückkehren, das ist der Traum der Barbaren und der Tech-Milliardäre. Ja, das Wölfische ist die wahre Natur des Menschen, jedenfalls des Mannes.
Wie der Wolf ein politisches Tier wurde
Nicht zuletzt ist der Wolf daher ein politisches Tier, das Tier, das Adelsgeschlechtern Namen und Wappen gibt, das Tier, das es den Faschisten angetan hat. Die Nazis haben kein anderes Tier so verehrt, nicht nur weil er für die das Wesen der germanischen „Urwildnis“ war, sondern auch als direkte Analogie der Aggression.
Im Jahr 1928 verkündete Joseph Goebbels den Angriff auf den Reichstag mit den Worten: „Wir kommen nicht als Freunde, wir kommen als Feinde, wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.“ Und als sich schon das Ende des Dritten Reiches ankündigte, arbeitete er am (Wieder-)Aufbau einer Partisanengruppe, die sich nach dem gleichnamigen Roman von Herman Löns Wehrwolf nannte: „Hass ist unser Gebet, und Rache unser Kriegsschrei“.
Auch Adolf Hitler – sein Vorname soll sich vom „Leitwolf“ ableiten – hatte ein besonderes Faible für den Wolf. In der US-amerikanischen Propaganda tritt er denn auch gern als Wolf auf, der die Behausungen der Schweinchen zerstört, bis er sich an Schweinchen Schlau als hochgerüstetem Bunkerbewohner buchstäblich die Zähne ausbeißt. Die türkischen Faschisten nennen sich „Graue Wölfe“ und erkennen sich an einem „Wolfsgruß“, den skandalöserweise ein Fußballspieler nach erfolgreichem Torschuss in Deutschland zeigt.
In der populären Kultur der Gegenwart freilich sind Wölfe eher freundliche Gesellen, denen man mit ökologischer Achtsamkeit zu begegnen hat. Die aktuelle Umdeutung des bekannten Märchens sieht einen Pakt zwischen Rotkäppchen und dem guten Wolf gegen den bösen Jäger vor. Und in der Young-Adult-Fantasy wird seit Stephenie Meyers Twilight-Saga die Verwandlung in den Teenwolf gern als Metapher für die sexuellen Impulse verwendet, die man als Heranwachsender gefälligst zu kontrollieren hat, so wie eben auch der Vampir seinen Blutdurst unterdrücken muss.
Sonst wird dich der Jäger holen
An Ambivalenz und Vieldeutigkeit kann der Wolf als Fantasietier also mit Drachen und Einhörnern locker mithalten, er ist weder eindeutig monsterhaft gefährlich wie ein Hai oder ein Krokodil, noch eindeutig edel wie ein Löwe oder ein Adler. Aus den Wäldern kommt sein Geheul, das lange als Todesbotschaft galt, in einer Mischung aus Faszination und Schrecken. Er gehört zur Romantik, wenn auch vielleicht zur schwarzen Romantik.
Seit geraumer Zeit nun ist der Wolf aber auch im wirklichen Leben wieder da. Nur ist die Welt, die er einst verlassen musste, bei seiner Rückkehr empfindlich enger geworden. Sie leidet an einem eklatanten Mangel an Wildnis. Es wird für beide Seiten schwieriger, sich aus dem Weg zu gehen. Schon ist wieder vom Jäger und vom Erschießen die Rede. Und dabei verschwimmen aufs Neue die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Mythos.
Die Geschichte von Mensch und Wolf war immer dramatisch, oft durchaus nützlich für beide Seiten. Nur harmonisch und friedlich, das war sie nie. Eines nämlich kann ein Wolf nie, nämlich selbstverständlich, also langweilig sein. Irgendwann kann er nicht mehr anders, der Wolf, als in die Städte der Menschen einzubrechen. Denn mit dem Wolf kann nicht, wie vielleicht erhofft, ein Teil der Natur zurückkehren, die die Menschen so fachgerecht zerstört haben. Sie ist verschwunden, oder verändert, wie die Märchen und Mythen. Nun ist er vor allem „ein Problem“. Das hat er nicht verdient, der Wolf.