Vom „Museum of Trance“ zu „Ostzone Noir“: Die Künstlerin Henrike Naumann dachte stets weitläufig

Ob in Port-au-Prince, Sarajevo, Kyjiw oder Tiflis: Henrike Naumann folgte furchtlos jeder Einladung. Unsere Autorin Gitte Zschoch erlebte das, als sie die Künstlerin 2016 nach Kinshasa holte


Henrike Naumann während ihrer Künstlerinnenresidenz in Kinshasa (l.); Örtliche Schreiner mit einem ihrer Möbelstücke

Foto: Goethe-Institut Kinshasa


Am letzten Tag von Henrike Naumanns Künstlerresidenz in Kinshasa saßen wir am Ufer des Kongo. Auf dem Weg zum Flughafen verweilten wir noch einmal hier – der erste Moment von Freizeit, ein Anflug von Tourismus nach einem arbeitsreichen Monat.

Kinshasa war für uns beide eine erste, wichtige berufliche Station. Für Henrike Naumann war es einer der ersten bezahlten Aufträge als Künstlerin. Wir sprachen über prekäre Verhältnisse im Kulturbetrieb: über Institutionen, die Künstlerinnen im Austausch für Sichtbarkeit und Ruhm verpflichten, darüber, welche Vertragsbedingungen gestellt würden und welche man akzeptieren müsse.

Als ich ein Jahr vorher, 2015, in Kinshasa angekommen war, hatte ich die Niederlassung des Goethe-Instituts nach 30 Jahren Absenz wieder eröffnet. An der Kunstakademie gab es kleine Bungalows: die Möglichkeit, Künstlerinnen und Künstler für längere Zeit einzuladen. Henrike Naumann hatte zuvor in Port-au-Prince gearbeitet, ihr „Museum of Trance“ faszinierte mich, denn es drehte den ethnologischen Blick, den Menschen auf „Afrika“ oft haben, um auf ein europäisches Phänomen.

Eine bedingungslose Offenheit zeichnete Henrike Naumann aus

Vor Ort zeigte sich schnell, was Henrike Naumann auszeichnete: eine bedingungslose Offenheit. Sie interessierte sich für Dinge, die nicht unbedingt naheliegen. Möbel zum Beispiel. Also fuhren wir nach Binza, einer Straße in Kinshasa, in der unzählige Möbelhersteller ihre Werkstätten hatten. Auch der Grand Marché faszinierte sie. Vor allem: Designermode. Und La Sape, die Sapeurs von Kinshasa.

Besonders angetan war sie von Versace. Versace war im Stadtbild vor allem über sein Logo, die Medusa, omnipräsent – eine Figur, deren Schlangenhaare sie an die kunstvollen Frisuren vieler Frauen in Kinshasa erinnerten. Henrike beobachtete, wie sich eine Luxusmarke im Alltag transformiert: als öffentliches Gut, als Wunsch nach einem Lebensstil, als ein Stück individuell beanspruchter Luxus.

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Ihre Ausstellung Intercouture wurde zu einer Sammlung von Beobachtungen und einem gemeinschaftlichen Werk. Henrike Naumann lud Künstlerinnen und Künstler aus Kinshasa ein, neue Arbeiten zu entwickeln, eigene Archive zu öffnen oder Performances zu erarbeiten.

Möbel selbst zeigte sie letztlich nicht, sondern Fotografien: Bilder, die Schreiner und Möbelmacher von ihren Produkten anfertigten, um sie zu dokumentieren. In ihnen, so schrieb ihr Partner Clemens Villinger – weiterhin ein wichtiger Mitdenker ihrer Arbeit – im Ausstellungstext, manifestiere sich die Teilhabe der Handwerker an der Aufladung der Möbelstücke mit Bedeutung, Status und Macht in den Räumen, in denen sie eingesetzt werden.

Sie war furchtlos und außergewöhnlich

Auch in den Mitteln lag eine Haltung: In einer Stadt mit unsicherer Stromversorgung und ungleichen Zugängen zu Technik entschied sich Henrike bewusst für einfache Technik, für analoge Verfahren, für eine Praxis, die den Kontext ernst nimmt.

Henrike dachte gleichzeitig immer groß und außergewöhnlich. Furchtlos folgte sie nicht nur den Einladungen nach Port-au-Prince oder Kinshasa. Sie reiste zur Kyjiw Biennale, half nach der Vollinvasion, Kunstwerke nach Berlin zu bringen, und entdeckte mit Neugier und politischem Gespür Kontexte in Sarajevo, Athen oder Tiflis.

Letztere durch die kollaborative ifa-Ausstellung Evrovizion, die seit 2021 vor allem in den östlichen Regionen Europas zu sehen ist. Hier war mit Triangular Stories eine frühe, wichtige Arbeit von ihr präsent. Und auch in den USA arbeitete sie furchtlos: Im Sculpture Center in New York setzte sie sich kritisch mit Macht und Gegenwart auseinander – immer „out of the box“, nie bequem.

Henrike Naumanns Ausstellung „DDR Noir“ sollte erweitert um die Welt touren

Folgerichtig war, dass mit Henrike Naumann eine jener ifa-Ausstellungen hätte entstehen sollen, die später um die Welt touren. Ihre Installation DDR Noir war als Grundstock einer Ausstellung gedacht – eine Reise in den ehemaligen Ostblock, mit einer ersten Station in Kuba, wo ihr Großvater Karl Heinz Jakob 1961 Teil einer DDR-Kunstdelegation war.

Dass wir die Tourneeausstellung nicht mehr umsetzen können, bleibt ein schmerzhafter Verlust. Umso mehr ist es eine Ehre für das ifa, Henrike Naumanns letzte Ausstellung bei der Biennale in Venedig gemeinsam mit Sung Tieu und der Kuratorin Kathleen Reinhardt umzusetzen.

Gitte Zschosch ist seit 2021 Generalsekretärin des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, das seit 1971 für den Deutschen Pavillon auf der Venedig Kunstbiennale verantwortlich ist