Vom Konzert in den Knast: Warum Putin Jagd uff Satan macht – und uff Heavy Metal

Im Moskau löste die Polizei kürzlich das Konzert einer Metal-Band auf, zehn Personen wurden festgenommen. Seit einem Gerichtsentscheid von 2025 können solche Bands als Teil einer „internationalen satanistischen Bewegung“ verfolgt werden


Satanistische Symbole sind im Metal nicht unüblich

Foto: rubberball/gettyimages


Grelles Licht von Einsatzkräften blendet den Mann, der sonst eher die Dunkelheit zu schätzen weiß: Ein Video zeigt, wie Polizisten mit schwerer Ausrüstung die Gesichter einiger Männer abfilmen. Manche von ihnen halten die Hände nach oben, andere hinter ihrem Kopf. Einige sind im Gesicht schwarz und weiß geschminkt.

„Corpsepaint“, „Leichenfarbe“, heißt das Make-up, mit dem sich Metal-Bands, vor allem im Black Metal, für einen morbiden Showeffekt auf der Bühne herrichten. So auch die Band Nechist, (Нечисть, deutsch: „Böse Geister“), deren Konzert in dem Moskauer Nachtclub Eclipse im Februar von örtlichen Behörden aufgelöst wurde. Laut Informationen des oppositionellen russischen Exilmediums Meduza sollen mindestens zehn Menschen festgenommen worden sein. Was ihnen genau vorgeworfen wird, sei unklar. Regierungsnahe Medien wie die Zeitung Iswestija berichten, auf dem Konzert seien „satanistische Symbole“ gezeigt worden. Iswestija veröffentlichte auch das Video, das die Festnahme zeigt.

Auch ein Comicfestival wurde wegen Satanismus-Verdacht abgesagt

Satanistische Symbole sind im Metal nicht unüblich – spätestens seit der ersten Platte von Black Sabbath von 1970, auf der bewusst mit solchen Motiven und Narrativen gespielt wurde. Überall auf der Welt thematisieren Metal-Bands allerlei Morbides, zeigen umgedrehte Kreuze oder Pentagramme. Gemäß einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Russlands im Juli 2025 können solche Bands aber nun als Teil einer „internationalen satanistischen Bewegung“ verstanden und verfolgt werden.

Das Gesetz geht auf den Religionswissenschaftler Roman Silantjew zurück. Laut Meduza und anderen Quellen ist Silantjew Begründer der Pseudowissenschaft „Destruktologie“. Als „destruktive Ideologien“ bezeichnet er unter anderem Dschihadismus, Feminismus und Satanismus. Infolge des auf Silantjews Ideen aufbauenden Gesetzes geraten nun Privatpersonen und Veranstaltungen, so etwa auch das Comic-Festival Necronomicon in St. Petersburg, ins Visier der staatlichen Behörden. Presseberichten zufolge soll das Necronomicon-Festival von staatlicher Seite abgesagt worden sein, nachdem Vorwürfe geäußert wurden, dass sich dort „Satanisches“ abspiele.

Nur: Eine „internationale Satanismus-Bewegung“ existiert nicht. Weder gibt es eine zentrale Organisationsstruktur noch Wortführer*innen. Insofern muss das Gesetz als autoritäres Werkzeug verstanden werden, ganz ähnlich wie in den USA, wo die Behörden seit dem Mord an dem rechten Aktivisten Charlie Kirk laut Anordnung von Präsident Trump angehalten sind, gegen eine ebenso nichtexistente Terrororganisation namens „Antifa“ vorzugehen.

Eigentlich hatte Metal sein Schock-Potenzial schon lange verloren

Obwohl das Genre sein Schock-Potenzial eigentlich schon seit Jahrzehnten eingebüßt hat, ist Metal damit auf dem Weg, in Russland wieder zu einer subversiven Musikrichtung zu avancieren. Das Land hat eine große Metal-Szene, nicht alle gehören Subgenres an, die regulär mit satanistischen Symbolen arbeiten. So wie das Satanismus-Gesetz derzeit aber ausgelegt wird, könnten dennoch viele Bands davon betroffen sein – selbst wenn sie „nur“ okkulte, prä-christliche oder heidnische Symbole in ihrer Kunst benutzen.

Das Vorgehen des russischen Staates gegen „extremistische“ Organisationen in Zusammenarbeit mit der russisch-orthodoxen Kirche steht in einem größeren Kontext. Schon seit Längerem beobachten Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen, dass Staat und Kirche in Russland zunehmend zusammenarbeiten, um eine Art religiöses Monopol der russisch-orthodoxen Kirche zu schaffen. Wenige Monate nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 bezeichnete schon Präsident Putin „den Westen“ und seine „moralischen Normen“ in einer Rede als „satanisch“.