Vom Geschmack des westdeutschen Bildungsbürgertums

Seine Entwürfe für den Elektrogerätehersteller Braun sind weltberühmt. Seine Möbel sind weniger bekannt, aber bei Sammlern gefragt. Besonders bei einem, der seine schönsten Stücke nun in Berlin ausstellt – und alles über Dieter Rams weiß.

Im Deutschen Design Museum, einem privaten Ausstellungsraum des Unternehmers, Designers und Buchautors Rafael Horzon in Berlin, ist eine sorgsam kuratierte Retrospektive von Dieter Rams zu sehen – mit Möbeln und Geräten, die gerade mal zwei Prozent der Sammlung ihres Leihgebers abdecken. Tatsächlich ist der Software-Unternehmer Sebastian Lüders mit tausenden Stücken der größte Sammler von Rams-Möbeln der Welt.

Nun stellt er Teile aus seinem Bestand erstmals aus. Lüders reist den ikonischen Regalböden, Sesseln und verblüffenden Sonderanfertigungen des inzwischen 93-jährigen Produktgestalters seit Jahren hinterher – und es ist erstaunlich, wie vertraut und hoffnungsfroh einem Rams’ Entwürfe hier und heute begegnen. Verkörpern sie doch den guten Geschmack des westdeutschen Bildungsbürgertums der Nachkriegszeit, für den es bis heute keine würdige Nachfolge gibt. Schon immer teuer, sind die Preise in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen, speziell für Vintage-Stücke und besondere Editionen der Klassiker.

Dazu zählen die Regalserie 606, die Rams 1960 für die Firma Vitsoe + Zapf entwarf, oder die eigens darauf abgestimmten Stereoanlagen – von den unverkennbaren Lautsprechern und Reiseweckern ganz zu schweigen. Rams, dessen „Zehn Thesen für gutes Design“ so etwas sind wie die Zehn Gebote für jeden ernsthaften Gestalter, verband von 1961 bis 1995 als leitender Formgeber beim Elektrogerätehersteller Braun technischen Fortschritt mit einem sachlich-klaren Look, was ihm in Japan die größte Fangemeinde außerhalb Deutschlands bescherte.

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Auch Rams ließ sich von Japan inspirieren. Weshalb man in der Schau neben der gestochen scharfen Schönheit seiner berühmten Weltempfänger, seines Sessel- und Regalprogramms in verschiedensten Farben und Materialversionen auch außerirdisch wirkende Rundmöbel aus angegilbten Plastikscheiben sieht, die wirklich nichts mit Rams zu tun haben scheinen.

Es handelt sich um das „Stapelprogramm“ aus den 1970er- bis 1980er-Jahren. Der Hersteller beschreibt es so: „Mit wenigen Elementen – japanisch – stapeln Sie für und mit Ihren Kindern, stapeln Sie weiter für Terrasse, Balkon, am Swimming Pool … oder stapeln Sie noch höher für einen Drink an der Bar.“ Doch erscheint das Ganze eher wie ein Experiment, zumal die Produktion bald wieder eingestellt wurde.

Sei’s drum: Genau so etwas interessiert Lüders, der 1983 geboren und in Berlin aufgewachsen ist und alles, wirklich alles, über Rams’ Design weiß und erklärt, warum das „Stapelprogramm 740“, entworfen 1974, für ihn besonders spannend ist: „Es besteht aus Polystyrol und war hauptsächlich für den Außenbereich gedacht. Die meisten Stapelelemente sind mittlerweile verschwunden, das Suchen und Finden ist ein Abenteuer.“ Rams habe in seinem Garten in Kronberg im Taunus noch immer „niedrige braune Hocker und Tische“ im Einsatz. „Ich konnte meine ersten Elemente, Barhocker in Lichtgrau, dort ganz in der Nähe kaufen.“ Laut alter Prospekte gebe es aber auch eine blaue Variante.

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Wer also glaubt, alles von Dieter Rams zu kennen, einfach weil bei dem Namen automatisch ein paar Klassiker vor dem inneren Auge aufscheinen, wird staunen, welche Überraschungen diese Ausstellung noch bereithält.

„Dieter Rams“, bis zum 14. März 2026, Deutsches Design Museum, Berlin

Source: welt.de