Volkswagen: Škoda glänzt, Porsche strauchelt

Die Rede von Oliver Blume dauert nur wenige Minuten, als er am Dienstag in Wolfsburg zum Punkt kommt. In der „Autostadt“ am Mittellandkanal, einem Zwischending aus Museum und Erlebnispark neben dem historischen Volkswagenwerk, hat der Volkswagen-Konzernchef zuvor die Fortschritte der jüngsten Zeit aufgezählt. Er hatte die „sehr gute Arbeit der Teams“ gelobt und die Wirksamkeit seiner Sparprogramme hervorgehoben. Dann ändert sich der Ton.

„Es war bei Weitem noch nicht genug, vor uns liegt noch viel Arbeit“, sagt Blume den Journalisten, die zur Jahrespressekonferenz gekommen sind. Der globale Rahmen ändere sich, gewohnte Sicherheiten brächen weg, frühere Geschäftsmodelle funktionierten nicht mehr. Blume, so viel ist in diesem Moment klar, will zeigen, dass er beim Umbau von VW nicht nachlässt.

Europas größter Autokonzern hat ein Jahr hinter sich, das sich im besten Fall als durchwachsen beschreiben lässt. Der operative Gewinn ist um mehr als die Hälfte auf knapp neun Milliarden Euro gesunken, die Rendite liegt bei mageren 2,8 Prozent – der niedrigste Wert seit dem Dieselskandal im Jahr 2015. Nun wird an allen Ecken gespart.

Von früheren Höchstständen ist VW an der Börse weit entfernt

Quer über die Konzernmarken fallen durch die in den vergangenen Jahren und Monaten beschlossenen Programme rund 50.000 Stellen weg. Investitionen werden auf das Notwendigste beschränkt, alle Ausgaben auf den Prüfstand gestellt. Vor allem in den europäischen Fabriken sollen die Kosten endlich auf ein wettbewerbsfähiges Niveau sinken.

So wollen Blume und sein Finanzvorstand Arno Antlitz schon im laufenden Jahr eine höhere Marge von vier bis 5,5 Prozent erreichen. Bis Ende des Jahrzehnts sollen es acht bis zehn Prozent werden. So sehen es zumindest die neuen Mittelfristziele vor. Die Börse goutiert solche Aussichten, nach einem ersten Rückgang am Dienstagvormittag erholt sich der Kurs der VW-Vorzugsaktie und notiert am Nachmittag mit rund 90 Euro leicht im Plus.

Von den Höchstständen früherer Jahre ist VW an der Börse aber um Lichtjahre entfernt, und Finanzchef Antlitz macht in der Autostadt in Wolfsburg unmissverständlich klar, dass der Gegenwind durch Wettbewerb und globale Krisen eher noch stärker wird. Die amerikanischen Zölle, die das VW-Ergebnis allein im vergangenen Jahr mit fünf Milliarden Euro belastet hätten, gingen nicht mehr weg, betont er. In Europa verschärfe sich der Preiskampf. Und in China sei erst von nächstem Jahr an wieder mit mehr Gewinn durch neue Modelle zu rechnen.

Premiummarken befinden sich im Tal

Wie stark sich die Kräfteverhältnisse im weltumspannenden Netz des Konzerns verschoben haben, zeigen die Ergebnisse der Marken. Die Volumenmarke Škoda, die stark auf Europa fokussiert ist und mit niedriger Kostenbasis in Tschechien produziert, hat vergangenes Jahr eine ordentliche Umsatzrendite von mehr als acht Prozent erreicht. Ihr Modell Enyaq war zuletzt das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland, und auch die Verbrennerfahrzeuge verkaufen sich gut.

Die Marke VW, eines der Sorgenkinder im Konzern, strahlt mit einer Marge von drei Prozent zwar keinerlei Glanz aus, liegt aber selbst mit diesem recht schwachen Ergebnis noch oberhalb der einstigen Renditeperle Porsche. Die hat sich von ihren hochtrabenden Zielen rund um den Börsengang vor etwa drei Jahren noch weiter entfernt. Mit einer Gewinnspanne von nur noch 0,3 Prozent – in absoluten Zahlen entspricht das einem Ergebnis von 90 Millionen Euro – liegt sie nahe der Nulllinie. Auch die Premiummarke Audi, die einst zuverlässig zweistellige Renditen brachte, kommt bislang nicht aus dem Tal heraus.

Blume, der bis zum Jahreswechsel Porsche parallel zum VW-Konzern geführt hatte, betont in Wolfsburg, dass aus seiner Sicht alle Weichen für eine erfolgreichere Zukunft gestellt sind. Die Schwierigkeiten von Porsche hätten vor allem mit der Weltpolitik zu tun, etwa mit Trumps Zöllen, die die Exporte nach Amerika belastet hätten, erklärt er auf der Bilanzpressekonferenz. Das Management habe reagiert und die Modellpolitik angepasst, auch wenn es Porsche und den Mutterkonzern VW viel Geld gekostet habe.

Blume sieht Fortschritte durch neue Modelle

So hatte die Neuausrichtung der Sportwagenmarke das Konzernergebnis im vergangenen Jahr mit mehreren Milliarden Euro belastet, neben den US-Zöllen einer der wichtigsten Sondereffekte, die zum Gewinneinbruch des VW-Konzerns beigetragen hatten. Auch in den anderen Marken sieht Blume viele Fortschritte, vor allem durch neue Modelle. Die Produktoffensive der vergangenen Jahre setze der Konzern dieses Jahr mit 20 neuen Fahrzeugen fort, in China laufe eine komplett neue Generation von Elektroautos an, und auch im Rest der Welt werde VW mit weiterentwickelter Technik und hoher Qualität wieder stärker bei den Verbrauchern punkten können, gibt sich der Vorstandschef optimistisch.

Als Paradebeispiel nennt er die neue elektrische Kleinwagenfamilie „Urban Car Family“ der Marken VW, Škoda und Seat/Cupra. Diese geplanten Fahrzeuge für Preise um 25.000 Euro seien „mehr als eine Modellreihe“, betont er. Sie seien „Ausdruck der Kompetenzen und Möglichkeiten des Volkswagen-Konzerns“, wenn die Führung markenübergreifend zusammenarbeite. Die Unsicherheiten sind aber weiter riesig. In China geht der Preiskampf mit großer Härte weiter, und in Amerika haben sich frühere Expansionspläne durch Trumps Zollpolitik vollends zerschlagen. Blume hatte sich zuletzt schon von dem Ziel verabschiedet, in den Vereinigten Staaten einen Marktanteil von zehn Prozent zu erreichen.

Ein Auto vom Typ ID.4 wird auf dem Produktionsband montiert.
Ein Auto vom Typ ID.4 wird auf dem Produktionsband montiert.dpa

In Wolfsburg und an anderen deutschen Standorten rumort es zudem in der Belegschaft. Die Folgen des Sparkurses kommen mit Wucht bei den Beschäftigten an. Viele sind unzufrieden mit der Vertretung durch die dominante IG Metall, die in dieser Woche auf den Betriebsratswahlen womöglich einigen Abrieb hinnehmen muss.

Für Turbulenzen sorgt auch die Vergütung des Managements. Schon zum Jahresbeginn war bekanntgeworden, dass VW einen höheren Mittelzufluss ausweisen würde als gedacht, eine Folge eiliger Kostenarbeit im vergangenen Jahr, die im Schlussquartal laut Finanzchef Antlitz nochmals verstärkt worden war, um das Kreditrating zu retten. Zu den Folgen gehört, dass bestimmte Schwellen im Vergütungssystem überschritten wurden und sich die Manager über Boni freuen können, die andernfalls weggefallen wären.

Vorstandsvergütungen fallen niedriger aus

Blume reagiert in Wolfsburg beinahe gereizt auf das Thema. Das Management, so beteuert er, leiste einen Beitrag zum Sparkurs und habe schon vor Monaten eingewilligt, die eigene Vergütung um elf Prozent zu senken. In seinem Fall kommen Rückgänge hinzu, die durch die Krise von Porsche bestimmt sind. So sank sein Jahresgehalt laut Geschäftsbericht in der Summe auf etwas mehr als sechs Millionen Euro nach neun Millionen Euro im Vorjahr.

Auch die anderen Manager verdienten weniger, wobei eine fast kurios wirkende Besonderheit hervorsticht. Der frühere VW-Chef Herbert Diess steht wegen besonderer Umstände seines Abgangs noch immer auf der Gehaltsliste – einschließlich Altersvorsorge und variabler Vergütung kam er 2025 auf neun Millionen Euro, mehr als der amtierende VW-Chef Blume. Die Arbeitnehmervertreter um Betriebsratschefin Daniela Cavallo halten jedenfalls daran fast, dass der hohe Cashflow den Beschäftigten in Form einer „Anerkenunngsprämie“ zugute kommen soll. Die Verhandlungen darüber liefen „vielversprechend“, lässt sie sich zitieren.

Blume und Antlitz setzen nun große Hoffnungen darauf, dass ein neues Steuerungsmodell die Abläufe im Konzern strafft und klarere Entscheidungen in vielen wirtschaftlichen und technischen Fragen ermöglicht. Blume bekommt neue Aufgaben im Vorstand zugeschustert: Beschaffung, Produktion und Vertrieb sind ihm fortan direkt zugeordnet. Das dürfte auch ein Versuch sein, seine Position im Management zu stärken, nachdem er durch den Rückzug von der Porsche-Spitze die strategisch wichtige Führung einer großen Marke verloren hatte. Durch die vielen Krisen wirkte der Manager zuletzt zunehmend angeschlagen, und auch aus der mächtigen Aktionärsfamilie Porsche/Piech kamen Signale, die für Blume alarmierend sein müssen. Die Familien, so hieß es, seien hochnervös und beobachteten genau, ob auf die Versprechen ihres Vorstandschefs auch bald echte Erfolge folgen.