Vogelparadies in welcher Toskana: Catwalk welcher Flamingos
Der kleine Flamingo schaut sich um, so als ob er sich versichern wollte, dass die Mutter ganz nah bei ihm ist. Dann geht die Show los. Er stolziert über den Catwalk, der halb aus Sumpfwiese, halb aus kniehohem Schilf besteht, setzt eines seiner spindeldürren Beine vor das andere, anmutig, wie es noch nicht einmal Supermodels auf den Laufstegen von Mailand und Florenz hinbekommen. Blick durch das Fernrohr. Da ist die Mama, und ja, sie beobachtet das Kleine. Und obwohl beim Betrachter der Szenerie keinerlei Kenntnis darüber vorhanden ist, wie Mütterflamingos schauen, wenn sie ergriffen sind, ist doch völlig klar, dass dem so ist. Wie könnte es anders sein, bei diesem Anblick?
Ein regnerischer Vormittag in der Toskana, in einem Sumpfgebiet nahe dem Strand von Bolgheri. Über den Hügeln im Hinterland, wo die Trauben für einen der besten Weine Italiens wachsen, liegt ein zerrissener Mix aus Wolken und Nebel. Er lässt die Gemäuer der Borghi noch mystischer wirken als sonst. Matteo Tamburini – Schiebermütze, Hornbrille – lenkt seinen Pick-up durch einen kleinen Tunnel, der unter dem Küstenhighway hindurchführt. Noch eine Linkskurve auf dem von Pfützen gesäumten Schotterweg, dann ist plötzlich alles weit weg: die Weingüter, die brausenden Autos, die Hotels in erster Strandreihe.
Schon Puccini ging hier auf die Jagd
Der diplomierte Naturwissenschaftler stoppt den Wagen vor einem Aussichtsturm, springt heraus, öffnet die knirschende Holztür des Gemäuers, steigt eine enge Treppe empor. „Hier haben sich schon der Graf und Giacomo Puccini getroffen“, sagt er. Der Graf? Gemeint ist Giuseppe della Gherardesca, dessen Schwiegersohn Mario Incisa della Rocchetta Mitte des vergangenen Jahrhunderts an der ikonischsten Zypressenallee des Landes das legendäre Weingut „San Guido“ gründete. Zum Ausgleich ging man traditionell auf die Jagd. Wildenten, Fasane.
Ein schwerer Schreibtisch, Staub auf dem Computerbildschirm. In einem Regal ein skelettierter Tierschädel. Angsteinflößende Unterkieferhauer. „Von einem Biber“, erklärt Tamburini. Ein paar Eierschalen. Der 43-Jährige zuckt mit den Achseln. Er habe bis heute keine Ahnung, von wem die stammen. Dann schnappt er sich sein Fernrohr, steigt die morsche Holztreppe hoch, öffnet eine Luke und klettert auf das rutschige Dach hinaus.
Blick über den „Padule“, wie eine Sumpflandschaft in der Toskana genannt wird. Ein Naturparadies, wo Süß- und Salzwasser aufeinandertreffen. Ein Zugvogelrastplatz. Ein Flamingo-Catwalk. Umgeben von Küste, Dünen, Wiesen, Weiden, Äckern, Eschenwäldern, Ulmen, Pinienhainen – 440 Hektar. Ein Rundgang: sechs Baracken, Schlitze im Holz. Blicke auf das Wasser, das Schilf, die Vögel.

Mehr als 250 Arten leben in dem Habitat oder besuchen es zuweilen: Spießente, Graugans, Stelzenläufer, Sumpfschnepfe, Goldregenpfeifer, Bruchwasserläufer, Grünschenkel, Rohrweihe, Wanderfalke, Schlangenadler, Mäusebussard, die seltene Rohrdommel, der Sichler, der Löffler, der Rotkopfwürger, der Schilfrohrsänger. Aber auch Europäische Sumpfschildkröten, Griechische Landschildkröten, Kammmolche, Wildhasen, Baummarder, Rehe, Stachelschweine, Wildschweine und Wölfe. Ebenso die Vierstreifennatter, die seltene größte Schlange Italiens.
„Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte die Familie genug von der Jagd“, erzählt Tamburini. „Mario Incisa della Rocchetta gründete den italienischen Ableger der Naturschutzorganisation WWF mit und machte 1959 aus seinem Sumpf das erste private Naturschutzgebiet des Landes.“ Zur Einweihung gibt sich sogar Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, die Ehre. Der Ort wird zum Freiluftlabor mit Artenzählungen, Studien zu Vögeln, Amphibien, Reptilien, Messungen von Wasser- und Bodenqualität. Beobachtung der Resilienz.
Ein Kanal, ein Kanu, daneben der Pfad. Über das Wasser sind der Graf Giuseppe della Gherardesca und der Schöpfer von „Tosca“, „Turandot“, „Manon Lescaut“ seinerzeit ins Dickicht hineingeglitten. Über Holzlatten läuft Tamburini nun tiefer ins Gebüsch. Ein für Laien unmöglich zuzuordnender Chor aus Vogelgezwitscher. „Ein Zwergtaucher“, identifiziert der Wissenschaftler zielsicher, „ein Wintergoldhähnchen, ein Kiebitz.“
Jahrzehntelang rückt dieser Flecken Natur in den Hintergrund. So viel anderes ist zu tun. Da sind der Wein, das Gestüt. Rennpferde, 30 Vollblüter. 15 Zuchtstuten. Doch das Land verkaufen? Es vielleicht vermarkten? Hotels bauen wie nördlich und südlich? Nein, nein. Das wäre den Erben nie eingefallen. Auch der Strand bleibt unberührt. Ohne Liegen. Ohne Beachbars. Beinahe menschenleer.
„Ein paar Nudisten tummeln sich da“, sagt Tamburini, „wir haben nichts gegen sie. Eigentlich ist es ganz gut, dass sie kommen. Sie halten die Massen ab.“ 1950er-Jahre, 1960er-Jahre, Tourismusboom. Dolce Vita. Nördlich und südlich des „Padule“ sprießen die Hoteltürme in die Höhe, am Strand vor dem Sumpf und in den von Wacholder umrankten Dünen brütet ungestört der Seeregenpfeifer. Bis heute. In der ganzen Toskana gibt es geschätzt noch etwa 30 Exemplare.
Einblicke für Schulklassen und Touristen
Jüngst hat die Familie beschlossen, das Paradies auf Vordermann zu bringen und Besuchern sanfte Einblicke in das Naturschauspiel zu ermöglichen. Geführte Rundgänge, strengstens limitiert. Für Schulklassen, Vogelbeobachter, Fotografen und auch Touristen. Stets nur kleine Gruppen, stets nur von November bis April.
„Wir sind um Biodiversität bemüht, doch das ist komplizierter, als es klingt“, sagt Tamburini. Seit einigen Jahren sind er und zwei Mitstreiter für die Arbeit im Sumpf verantwortlich. „Drum herum hat der Mensch in das Land eingegriffen, also gibt es kein Zurück mehr. Jetzt müssen wir schützen, begleiten – auch entnehmen, wenn sich manche Art zu schnell vermehrt.“
Der Naturforscher geht über den Holzlattenpfad weiter, zum ersten Aussichtspunkt. Er holt erneut das Fernrohr hervor, lädt ein, hindurchzusehen. Da, ein Purpurreiher. Da, ein Kormoran. Da, der stolzierende kleine Flamingo. „Sechs, höchstens sieben Monate alt“, schätzt der Forscher. Nach einer Weile kehrt das Junge zu seiner Mama zurück. Gemeinsam wandeln sie weiter. In die Nebelschwaden hinein. Im Hintergrund die Pinien, die Zivilisation. Weit weg, verschwommen.
Source: faz.net