Vier Jahre Befreiung von Butscha: „Augen öffnen für die Gräueltaten“

Verwandte von in Butscha Ermordeten vor einer Gedenkstätte.

Stand: 31.03.2026 • 05:20 Uhr

Butscha steht als Symbol für Mord und Folter an ukrainischen Zivilisten durch Russlands Soldaten. Heute vor vier Jahren wurde der Vorort Kiews wieder befreit – und offenbarte die russischen Gräueltaten. Die Aufarbeitung dauert an.

Serhij Achmetow erinnert sich noch genau. Es ist der 5. März 2022, als die russischen Besatzer mit den ersten Durchsuchungen in Butscha beginnen. Mit den Plünderungen, den Übergriffen auf die Zivilbevölkerung.

Vier Jahre ist es heute her, dass der ukrainischen Armee die Befreiung von Butscha gelingt und der Kiewer Vorort damit zum Synonym für systematische Kriegsverbrechen russischer Soldaten gegen die ukrainische Zivilbevölkerung wird.

In der Nacht vom 5. Auf den 6. März haben sie hier in diesem Haus übernachtet und bei den Nachbarn, weil es frei war. Am Morgen gingen sie, und ich bin von Haus zu Haus gegangen und habe gesehen, dass sie alles durchsucht hatten. Sie hatten mitgenommen, was ihnen gefiel“, erzählt Achmetow.

Verschleppung, Prügel, Erniedrigung

Deshalb habe er einem Freund geschrieben, dass die russischen Soldaten sich wie eine wilde Horde benähmen. Es ist eine Aussage, die dem heute 53 Jahre alten Achmetow später zum Verhängnis werden sollten. Russische Soldaten durchsuchen sein Telefon, finden die Nachricht und verschleppen Achmetow.

Er wird zuerst nach Belarus gebracht. Dann weiter nach Russland. Drei Jahr ist er als Zivilist in russischer Gefangenschaft, bevor es 2025 gelingt, Achmetow auszutauschen.

Am Anfang haben sie uns ordentlich verprügelt. Danach eher erniedrigt. Sie haben uns gezwungen, Sport zu treiben. 100 Kniebeugen, 200, 300, 500.“ Sie seien unterernährt gewesen. „Ich habe in einem Jahr etwa 30 Prozent Gewicht verloren, 25 Kilogramm. Ich war nur noch Haut und Knochen. Konnte gehen, aber nicht schnell. Rennen war unmöglich.“

Hunderte Zivilisten erschossen oder zu Tode gefoltert

Fünf Wochen dauert die Besatzung der Stadt Butscha 2022 an. Mehr als 450 Zivilistinnen und Zivilisten werden getötet, gibt die Stadtverwaltung an. Die meisten von ihnen seien erschossen oder zu Tode gefoltert worden.

Bei der juristischen Aufarbeitung der von russischen Soldaten begangenen Kriegsverbrechen versuche man in Butscha die Fälle zusammenzulegen, erklärt der stellvertretende Generalstaatsanwalt Andrij Leschtschenko.

„Nachdem wir Zeugenaussagen analysiert und auf einer Karte verzeichnet haben, ist uns klar geworden, dass die meisten Morde in drei Stadtteilen von Butscha begangen worden waren. Nach weiterer Analyse von Beweisen und in Zusammenarbeit mit der ukrainischen Armee und den Geheimdiensten konnten wir feststellen, dass an diesen Orten Truppen von ein und derselben Einheit stationiert waren. Mit ein und demselben Kommandeur“, so Leschtschenko.

„Butscha keine Ausnahme“

Ende vergangenen Jahres kann der ukrainische Staat so erstmals eine Verdachtsmitteilung gegen einen Kommandeur der russischen Streitkräfte äußern. 17 Morde werden der Einheit aus der 76. Luftlandedivision der russischen Armee zugeordnet. Täter aber werden in den meisten Fällen lediglich in Abwesenheit verurteilt.

Viele russische Soldaten, die unter Verdacht stehen, Kriegsverbrechen in der Region Kiew begangen zu haben, sind später in anderen Regionen der Ukraine eingesetzt worden. Staatsanwalt Leschtschenko glaubt daher, dass Butscha keine Ausnahme ist – sondern lediglich ein Symbol für das brutale Vorgehen Russlands gegen die Ukraine.

Ich glaube, wir werden noch Zeugen grausamer Verbrechen, die die Russen in den besetzten Gebieten begangen haben“, meint Leschtschenko. Von Butscha wisse jeder, weil es befreit wurde:

Gerade die Befreiung von Butscha ermöglicht es uns, Beweise zu sammeln und die Augen zu öffnen für die Gräueltaten, die begangen wurden. Genauso wie in Isjum in der Region Charkiw. Oder in Cherson während der Besatzung.

Source: tagesschau.de