Victor Hugo hätte dasjenige in jemanden verliebt sein

Verschlankt auf die Handlung der ersten 150 Seiten präsentiert Eric Besnard einen Stoff, den in Frankreich jedes Kind kennt: „Les Misérables“ von Victor Hugo. Ein Film der bescheidenen Mittel, der mit seiner substanziellen Botschaft an eine große europäische Tradition anknüpft.

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Hier ist Schmalhans Küchenmeister. Hier wird auf Sparflamme gekocht. Das spektakuläre große Fressen, genannt „Les Misérables“ („Die Elenden“), mit seinen unzähligen Figuren und Geschichten, das in Frankreich noch immer jedes Kind kennt, und sei es nur in einer der vielen Filmfassungen oder als Musical: Hier wird es zur ganz kargen Kost. Aus grauen Bildern, in Dunkel gehüllten Innenräumen. Der 1964 geborene Regisseur Eric Besnard reduziert es auf die Vorgeschichte. Vorgenommen hat er sich von 1.700 Seiten die ersten 150.

Übrig blieb die Saga von Jean Valjean (so lautet auch der Filmtitel im französischen Original), charismatisch finster verkörpert von Grégory Gadebois. Das ist die Saga vom Sträfling, der es nach oben schafft und dann seinerseits den Verfolgten hilft. Dem Totgesagten, der länger lebt als so mancher andere in diesem Epos. Und um dessentwillen Victor Hugo, der seinen Landsleuten bis zum heutigen Tag als ihr größter Dichter gilt, dieses jede Dimension sprengende Werk in Angriff nahm. Es erschien 1862. Hier entfaltet der Mann, der mit dem Historienroman „Notre Dame de Paris“ („Der Glöckner von Notre Dame“) 1831 Weltruhm erlangte und 1885 mit einem Staatsbegräbnis geehrt wurde, wie es Frankreich für einen Künstler noch nie gesehen hatte und auch nie wieder erleben sollte, sein weltanschauliches Credo.

Wie könnte man dieses Credo zusammenfassen? Am besten mit seinen eigenen Worten. In der Mitte der „Misérables“, an einer der vielen Stellen, wo der Autor innehält und das turbulente Geschehen, das er vor dem Leser ausgerollt hat, noch einmal rekapituliert und reflektiert, in der Mitte der „Misérables“ also stehen folgende Sätze, die in ihrer sentenziösen Plastizität für Victor Hugo typisch sind: „Die Entbehrung erzeugt Macht der Seele und des Geistes. Die Armut ist die Amme des Stolzes. Das Unglück ist eine gute Milch für die Großgesinnten.“

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Bester Beleg für diese These: der von Hugo ersonnene Jean Valjean. Neunzehn Jahre hat er erst im Gefängnis, dann in einer Strafkolonie verbracht. Sein Verbrechen war ein sogenannter Mundraub: Schon immer in Armut lebend, stahl er, um sich und seine Familie durchzubringen, einen Laib Brot, wofür er in eine Bäckerei einbrach. Ohne Geld, ohne Aussicht auf Arbeit irrt er nun, im Jahr 1815, als nach der endgültigen Niederlage Napoleons die Bourbonen auf den französischen Thron zurückkehren, durch das südliche Frankreich.

Das tiefe Frankreich

Eric Besnard zeigt ein „France profonde“ (ein tiefes, ländliches Frankreich), in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint: entvölkerte Dörfer, mittelalterlich wirkende Menschen, die ihr bisschen Hab und Gut geizig zusammenhalten, ohne Mitleid für den noch unbemittelteren Valjean. Den demütigen und verfolgen sie. Ein Kräuterweiblein weist ihm schließlich den Weg zu einem Haus, in dem ein Priester lebt, der in der Bevölkerung als mildtätig und barmherzig gilt. Valjean klopft an bei diesem Bischof Myriel, der freiwillig auf seine Privilegien verzichtet hat und mit den Armen als Armer lebt, und siehe da: Valjean wird aufgenommen von einem Mann, den der Schauspieler Bernard Campan mehr als Wanderprediger denn als hohen Würdenträger anlegt.

Besnard inszeniert das schon von Hugo vorgegebene Schwarz-Weiß von allgemeiner, durch nichts zu erweichender Bosheit hier und lichtvoller, durch nichts zu erschütternder Gutherzigkeit dort als klassisches Melodram der großen Gefühle: Gegen alle Einwände seiner Umgebung, unbeeindruckt vom ungehobelten, aggressiven Gebaren Valjeans verrichtet Myriel, dieser heiligmäßige Mann der Kirche, sein Liebeswerk an einem Geschundenen. Noch als Valjean mit dem Silberbesteck Myriels abhaut, verzeiht der Bischof dem Wiederholungstäter, als der von Polizisten zurückgeführt wird. Mehr noch: Er schenkt ihm das Silber und rät ihm, es zu verkaufen und mit dem gewonnenen Geld ein neues Leben zu beginnen.

Geradezu predigthaft endet der Film mit einem pathetisch aus dem Off gesprochenen Glaubenssatz im Hinblick auf Valjean: „Er hatte die Chance, ein guter Mensch zu werden, weil ihm geholfen wurde.“ Und wir sehen den ehemaligen Sträfling am Ende den Blick zum Himmel emporheben, aus dem ein Lichtstrahl dringt. Hugo hätte das vermutlich gefallen. Schreibt er nicht irgendwo in den „Misérables“: „Wir grüßen den Knieenden. Einen Glauben braucht der Mensch. Wehe dem, der an nichts glaubt.“ Wir Skeptiker, Ironiker, Satiriker von heute können uns hingegen ein Schmunzeln bei soviel ungebrochener Inbrunst kaum verbeißen. Aber warum eigentlich?

Das Kino hat schon immer ohne Scheu vor Pathos, Orgelklang und gleißendem Licht die Macht der Liebe angebetet, allerdings überwiegend die Liebe in der Gestalt des Eros. Hier ist es nun die Liebe im Sinne der Agape, die wortreich besungen wird. Das passt in eine Zeit, die den Traum von der sexuellen Befreiung ausgeträumt hat, die zurückwill zu großen Erzählungen von einer Wirkmacht jenseits der politisch-gesellschaftlichen Vereinbarungen. Und diese Wirkmacht gibt es ja auch, anders als Politiker und Politikgläubige vermeinen.

Agape, also eine Nächstenliebe ohne Berechnung und Interessen, könnte bei dem, was auf uns zukommt, wieder sehr viel wichtiger werden als bisher. Und ist es ein Zufall, dass dieser Lobpreis der Agape aus dem Hauptwerk eines Mannes herausdestilliert wird, der wie kein anderer Dichter des 19. Jahrhunderts das Hohelied der Armen und Bedürftigen sang und sich übrigens auch unermüdlich für die Abschaffung der Todesstrafe und andere Reformen einsetzte?

Wohl kaum. Victor Hugo steht für das humanitäre, philanthropische Frankreich, das so vielen Verfolgten und Bedrängten Zuflucht bot. Ein französischer Regisseur unserer Tage knüpft nun mit diesem Film der bescheidenen Mittel, jedoch einer substantiellen Botschaft an eine große europäische Tradition an. Sie stammt aus Frankreich, woher auch sonst.

„Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ läuft im Kino.

Source: welt.de