Verteilung von Reichtum: Sechs Mythen via die Erbschaftsteuer
1. Die Erbschaftsteuer sorgt für Chancengleichheit
Deutschland ist eine Erbengesellschaft, heißt es oft: Die Hälfte bis drei Viertel der Vermögen seien geerbt und nicht selbst erarbeitet – je nachdem wer die Schätzung gerade anstellt. Das ist jedenfalls mehr als in kapitalistischeren Ländern wie den USA, wo viele neue Unternehmen ihren Gründern große Reichtümer bescheren. Wer die Erbschaften kürzt, steigert damit allerdings nicht unbedingt die Chancengleichheit.
Schon lange tobt der Streit, wie bei der Entwicklung eines Kindes Gene und Umwelt zusammenwirken – einig sind sich alle in einem: Geld mag zwar eine Rolle spielen, aber nur selten geht es dabei um Erbschaften. Mancher bekommt in seinen Dreißigern von den Eltern einen Zuschuss zum Hauskauf. Die vollen Erbschaften entstehen meist erst dann, wenn sich die Erben selbst schon dem 60. Geburtstag nähern – und auch ihre Kinder schon fast erwachsen sind. Zwar arbeitet mancher potentielle Erbe schon in jungen Jahren weniger, aber so etwas passiert „nur begrenzt“, wie Forscher des Instituts zur Zukunft der Arbeit festgestellt haben. Erbschaften trügen vor allem bei angestellten Frauen dazu bei, dass sie Teilzeit statt Vollzeit arbeiten. Bei Männern und selbständigen Frauen sahen sie keinen Effekt.
Die statistische Ungleichheit wird durch Erbschaften sogar eher gesenkt. Für Schweden haben die Forscher gezeigt: Die kleinen Erbschaften heben das Vermögen ihrer Empfänger so weit an, dass die Mittelschicht gegenüber der Oberschicht gestärkt wird.
2. Deutschlands Reiche haben viele Yachten
In Deutschland sorgt gerade etwas anderes für Ärger: Die reichsten Leute zahlen oft weniger Erbschaftsteuer als die Wohlhabenden. Die Reichsten können sich zunutze machen, dass Unternehmen besondere Befreiungsregeln genießen. Das kann dazu führen, dass manche Familien ihr Vermögen überhaupt erst in einem Unternehmen verpacken.
Tatsächlich sind die großen Vermögen in Deutschland zum allergrößten Teil in den Unternehmen gebunden, überwiegend aber nicht aus diesem Grund. Die Reichen in Deutschland – das sind vor allem die Eigentümer von Familienunternehmen. Die Soziologin Isabell Stamm von der Berliner Humboldt-Universität hat in vielen Forschungsprojekten gezeigt, dass sich die Reichen in Deutschland geradezu über ihr Familienunternehmertum identifizieren.
So viele große Vermögen gibt es gar nicht. Aus Daten des Statistischen Bundesamts hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft vor fünf Jahren für die F.A.S. ermittelt: Schon wer mit 80 Jahren 400.000 Euro Vermögen außerhalb eines Betriebes hat, gehört zu den reichsten zehn Prozent.
3. Firmen müssen in Familienhand bleiben
Familienunternehmer wollen sich nicht gerne besteuern lassen. Sie argumentieren: Wenn Firmenerben mehr Steuern zahlen müssten, dann hätten sie weniger Geld zum Investieren. Dann seien die Unternehmen nicht mehr so zukunftsfähig. Vielleicht würden die Erben ihre Unternehmen sogar verkaufen.
Die Ökonomen Dominika Langenmayr und Philipp Krug haben allerdings festgestellt: Es gibt durchaus Erben, die für die Steuer keinen Kredit aufnehmen wollen, sondern angesichts eines Steuerbescheides lieber ihr Unternehmen verkaufen. Das ist dann vielleicht besser so. Diese Erben, die nur halbwegs überzeugt sind, wären auch als Firmenchefs nicht so geeignet wie externe Käufer.
4. Die Erbschaftsteuer entlastet den Staatshaushalt
Vergangene Woche hat die SPD ein neues Konzept für die Erbschaftsteuer vorgestellt. Wie viel Geld das dem Staat bringen würde, ist noch nicht klar – denn die Partei hat zwar die Höhe der Freibeträge genannt, aber noch keine Steuersätze.
Schon in den vergangenen Jahren haben allerdings verschiedene Experten ausgerechnet, was die Erbschaftsteuer bringen könnte. Vor der letzten Bundestagswahl zum Beispiel hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung abgeschätzt, was die SPD an Erbschaftsteuer-Verschärfung fordern könnte. So kam das Institut auf rund 4,5 Milliarden Euro an möglichen Mehreinnahmen. Weil die Familien dann Möglichkeiten suchen würden, um weniger Steuern zu zahlen, blieben auf Dauer rund 3,5 Milliarden Euro. Damit könnte man gerade mal die jüngste Mehrwertsteuersenkung für die Wirte ausgleichen. Theoretisch. Denn die Erbschaftsteuer fällt vollständig den Ländern zu.
5. Die Deutschen wollen mehr Erbschaftsteuer
Für höhere Erbschaftsteuern auf große Vermögen gibt es im Land durchaus eine Mehrheit, aber sie ist nicht riesig. Die Meinungsforscher von Forsa haben im September nur 57 Prozent Zustimmung ermittelt– eine „kleine Mehrheit“, nennt das Forsa-Chef Peter Matuschek.
Ob das Thema für unterschiedliche Vermögen unterschiedlich gesehen wird, wurde nicht erfragt. Sicher ist: Gerade die Familienunternehmen, die in Deutschland privilegiert werden, haben auch in der Bevölkerung großen Rückhalt.
Da gibt es Potential. Die Deutschen finden selbst erarbeitetes Vermögen sympathischer als geerbtes, aber der Unterschied ist nicht groß. Das hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung ermittelt. Noch unbeliebter ist Vermögen, das durch Heirat erworben wurde – und am verpöntesten ist Börsen-Reichtum. Wie die Bundesbürger also erarbeitetes Vermögen besteuern wollen, wenn es vererbt wird? Das wäre noch mal eine eigene Frage wert.
6. Die SPD schlägt einen hohen Freibetrag vor
Eine Million Euro kann jeder steuerfrei erben und geschenkt bekommen, so schlägt es die SPD vor – als Höchstbetrag fürs ganze Leben. Bisher zählt das Finanzamt alle zehn Jahre neu, allein weil es die Papierakten nicht länger vorhalten wollte. Das soll sich nach dem Willen der SPD ändern – so viel ist bekannt und findet auch Zustimmung. Weniger aufgefallen ist bisher, was das in der Praxis heißt.
Bisher konnten Kinder von jedem Elternteil 400.000 Euro steuerfrei erben. Das hat nicht für jedes Einfamilienhaus im Speckgürtel großer Städte ausgereicht, aber doch für viele. Im SPD-Konzept wären damit schon 800.000 Euro des Lebens-Freibetrags ausgeschöpft. Und dann stirbt im Alter der Ehepartner. Dann gibt es bisher weitere 500.000 Euro an Freibetrag. Nach dem Konzept der SPD wäre aber jetzt nicht mehr viel Freibetrag übrig – und es wäre gar nicht so unwahrscheinlich, dass auch in der Mittelschicht Erbschaftsteuern auf das Vermögen des eigenen Haushaltes anfallen. Insofern ist eine Million Euro Freibetrag weniger, als es im ersten Moment scheint.