Verirrter Meeressäuger: Der Wal ist motiviert!

Als Tierschützer ein Luftschiff charterten und zwecks Sabotage der Fangversuche Orangen in den Rhein warfen, hatte die kollektive Anteilnahme längst ihren Gegenspieler: den Direktor des Duisburger Zoos, der mit allzu groben Methoden vorging und von der Sache auch noch profitieren, den 1966 im Rhein aufgetauchten Belugawal nämlich zur Attraktion seines Tierparks machen wollte.

Dr. Gewalt, wie der Mann passenderweise hieß, versuchte zunächst, das Tier mit zusammengeknoteten Tennisnetzen einzukesseln, das klappte nicht. Dann beschoss er ihn mit einem Betäubungspfeil. Das klappte, betäubt war der Wal aber nicht – zum Glück, er hätte ertrinken können. „Verhaftet Dr. Gewalt“ forderte die „Bild“-Zeitung. Der Wal schwamm weiter durch den Rhein.

„Wir fiebern alle mit“

60 Jahre später verfolgte nicht nur die „Bild“ angefasst – „Mit dem Wal kamen die Tränen“ –, wie sich erneut ein Meeressäuger in deutschen Gewässern, in die er gar nicht gehörte, in eine missliche Situation manövriert hatte. Der Deutschlandfunk meldete in seinen Nachrichten, dass das gestresste Brummen, das der vor Timmendorf gestrandete Buckelwal von sich gab, noch Hunderte Meter entfernt zu hören sei. Auf dem fast 40 Meter langen Werbebildschirm am Hamburger Hauptbahnhof erschien alle paar Minuten ein Luftbild des Wals, der sich erst in die Ostsee verirrt hatte und dann auf einer Sandbank steckengeblieben war.

Live-Ticker wurden eingerichtet: Ein Saugbagger ist auf dem Weg. Der Saugbagger ist jetzt da. Der Saugbagger saugt, doch die Sandbank ist zu fest. Der Wal macht einen guten Eindruck. Der Wal macht einen schlechten Eindruck. Ein Schaufelbagger ist auf dem Weg. 0,1 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der Wal überlebt, sagt der Meeresbiologe. Der Schaufelbagger ist da, er schaufelt eine Rinne. Der Wal ist motiviert!, sagt der Meeresbiologe, er muss jetzt mitmachen. „Wir fiebern alle mit dem Wal mit“ fasst Ministerpräsident Günther bei seinem Besuch die Gefühlslage zusammen.

Gerettet ist er noch längst nicht

Am Freitagmorgen ist der Wal weg. Er hat mitgemacht und damit nicht nur sich geholfen. Das Land, das derzeit verzagt auf Benzinpreisanzeigen, Wahlergebnisdiagramme, Insolvenzmeldungen und Donald Trumps Tweets starrt, spürt für einen Moment: Wenn man gräbt und buddelt, umdenkt und Gerät organisiert, nicht aufgibt, obwohl die Aussichten miserabel scheinen, dann passiert auch etwas.

Gerettet ist der Wal längst nicht. Das Geleit aus der Lübecker Bucht hinaus gestaltete sich am Freitag schwierig, er schwamm immer wieder Richtung Festland, und der Weg in die Nordsee ist weit. Zudem hat er die Reste eines Stellnetzes im Maul und schlimmstenfalls in der Speiseröhre sowie eine – wohl vom Ostseewasser mit seinem niedrigen Salzgehalt – stark angegriffene Haut.

Das Einzelschicksal berührt, das der Gruppe weniger

Doch was in Gang gesetzt wird, um einem einzelnen Tier zu helfen – nach einer erfolgreichen deutschen Booteskorte würde hinter der Landesgrenze Dänemark übernehmen –, erinnert auch daran, welch enorme Fürsorge für die bedrängte nicht-menschliche Umwelt sich wecken lässt. Zwar gibt es für die allgemeine Anteilnahme die ernüchternde Diagnose eines „Identifiable Victim Effect“ – ein einzelnes Schicksal berührt, das einer abstrakten Gruppe oft nicht.

Das gilt für die Natur wie für Menschen und wurde vor Jahren untersucht unter anderem an der Berichterstattung eines Nachrichtensenders, der einem in einen Brunnen gefallenen Kleinkind deutlich mehr Sendezeit widmete als den zeitgleich passierenden Massakern an den Tutsi in Ruanda.

Doch die Aufmerksamkeit ist da und könnte Wissenswertes in die öffentliche Wahrnehmung spülen: dass möglicherweise das 50 Meter lange Stellnetz, von dem der Buckelwal kurz vor seiner Strandung befreit worden war, mit für seinen Irrweg verantwortlich war. Dass jedes Jahr um die 200.000 Wale und Delfine sterben, weil sie in Netzen hängenbleiben und ertrinken. Dass der Lärm von Schiffsmotoren die Tiere orientierungslos machen kann.

Der Belugawal aus dem Rhein fand schließlich allein den Weg ins offene Meer. Während der vier Wochen im Fluss, damals mehr ein Abwasserkanal, hatten sich für alle sichtbar auf seiner Haut Ekzeme gebildet. In der Umweltgeschichte der Bundesrepublik gilt die Wal-Episode als kleiner Meilenstein, der das Bewusstsein für Umweltverschmutzung schärfte. Der Rhein ist heute deutlich sauberer.

Source: faz.net