Verbotene Zonen welcher Literatur: „Oberhalb den Sex, den Romane verschweigen“
Stefan Busch spürt den verborgenen Sexszenen der Weltliteratur nach. Ein großartiger Essay über das Weglassen. Es geht darin auch um „Lolita“, einem Roman über Kindesmissbrauch, der durch seine Auslassungen das Unsagbare sichtbar macht
Es geht um Sex, von dem höchstens in Andeutungen und Auslassungen, in Ellipsen erzählt wird
Foto: Ted Aljibe/gettyimages
Ob in Hemingways Roman Fiesta eine Fellatio versteckt ist – unklar. Die Hauptfigur Jake ist nach einer Kriegsverletzung schließlich impotent. Aber was genau passiert im Taxi, oder in jenem Moment, in dem die Krankenschwester Brett den Grafen Champagner holen schickt und mit Jake allein bleibt? Hemingways Eisberg-Technik, diese hohe Kunst des Weglassens, taucht in Stefan Buschs anregendem Essay Über den Sex, den Romane verschweigen zwar nicht explizit auf – aber sie erinnert dran, wie oft man sich als Leser solche Fragen gestellt hat.
Diesem „Winken mit Zaunpfählen“, postkoitalen Kapiteln, den frivolen drei Pünktchen und den verdächtigen Gedankenstrichen (etwa der berühmte in Kleists Novelle Die Marquise von O….), widmet sich Busch in seinem Ritt durch die Weltliteratur – von Homers Odyssee bis zum „wohl konsequentesten Sexbeschreibungsverweigerer der Gegenwartsliteratur“, Peter Handke. Der wiederum hat ja behauptet, er komme von Homer – aber eben auch von Tolstoi. Und gerade der Großmeister hat die erste intime Begegnung zwischen Anna Karenina und Wronski durch zwei Zeilen (!) mit züchtigen Punkten verpixelt.
Ehebruch-Quickies im Salon
Man sieht: Es geht Busch nicht um schlecht erzählten Sex (dafür wäre das Buch viel zu schmal) – man denke nur (fremd-)beschämt an Martin Walsers lüsterne Altmänner-Fantasien im Stil von „Hast du den Steifen drin. Ich habe den Steifen drin“, die Busch anfangs zitiert. Es geht ihm um Kopulationen, die literarisch nur als Schattenriss vorbeihuschen. Um Sex, von dem höchstens in Andeutungen, Auslassungen, also in Ellipsen erzählt wird.
Jene Leerstellen, die man gedanklich ausfüllen darf. Darunter etwa die stundenlange Fiakerfahrt in Flauberts Madame Bovary, bei der zugezogene Vorhänge den unausgesprochenen Vorgang im Inneren verbergen. „Dann, gegen sechs, hielt die Droschke, in einer Gasse des Beauvoisine-Viertels, und ihr entstieg eine Frau, die mit heruntergelassenem Schleier fortging, ohne den Kopf zu wenden“, heißt es im Roman.
Die Fontane’schen Ehebruch-Quickies im Salon oder im Treibhaus, dessen Klima die Protagonistin einmal aus der Bahn wirft: „… diese weiche, schlaffe Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes lockerte sich.“ Auch der schwerkranke Joseph Roth fand in seiner wunderbar traurigen letzten Erzählung Die Legende vom heiligen Trinker (1939) berührende, ganz und gar implizierte Worte für die „elliptische Präsentation“ des beschriebenen Liebesaktes in einem Pariser Hotelzimmer: „Er setzte sich an den Rand des Bettes, und das schöne Mädchen hatte nichts dagegen. Sie legte sogar das Buch aus der Hand, und Andreas blieb bis zum Morgen in Zimmer siebenundachtzig.“
Wer von Pornografie spricht, hat „Lolita“ nicht gelesen
Und natürlich darf bei diesem Best-of des gekonnten Verschweigens Nabokovs Meisterwerk Lolita nicht fehlen, die Geschichte über jene verbotene „amour passion“ des 1910 in Frankreich geborenen Literaturwissenschaftlers Humbert Humbert zu der am Anfang dieser abscheulichen Beziehung im Jahre 1947 zwölfjährigen Dolores. Busch fasst die vielen Debatten über den Roman treffend zusammen: „Die Einzelheiten der pädophilen Grausamkeiten durfte und wollte Nabokov nicht zeigen, aber die Leser werden nicht nur in die Lage versetzt, sondern gezwungen, auf die Details der Perversitäten zurückzuschließen.“
Auch den dümmsten Vorwurf, den man diesem Buch machen kann, weist Busch pointiert zurück: „Mit der simplen Version der Anklage, es handele sich um Pornografie, und die sei unmoralisch, lohnt sich keine Beschäftigung, schon weil, wer hier von Pornografie sprach, den Roman nicht gelesen haben konnte.“ Etwas pflichtschuldig hingegen hechelt sich Busch am Ende des 160-seitigen Essays durch die deutschsprachige Gegenwartsliteratur: Charlotte Gneuß’ Gittersee (2023), Lutz Seilers Kruso (2014) oder Iris Wolffs Lichtungen aus dem vergangenen Jahr werden auf Ellipsen hin durchsucht. Buschs profunde und lockere Bestandsaufnahme zeigt aber auch hier, dass die Literatur, wenn es um Sex geht, am liebsten alles erzählt: außer Sex – sei es aus ästhetischen Gründen oder aus Angst vor juristischen Scherereien, die in der Moderne zum Glück in aller Regel als überwunden gelten.
Über den Sex, den Romane verschweigen Stefan Busch Dittrich 2025, 176 S., 16 €