„Vater Staat kann Scheide lecken“ – Kebekus startet mit Wut-Ausgabe in neue Staffel

Carolin Kebekus startet die neue Staffel ihrer Show mit dem Thema Wut, die gerade bei Mädchen problematisiert wird. In der Debatte um sexualisierte digitale Gewalt wirft sie Bundeskanzler Merz vor, „sich zum Komplizen der Gegenbewegung“ zu machen.

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Was lange gärt, wird endlich Wut. Die jüngste Debatte um sexualisierte digitale Gewalt beschäftigt auch Carolin Kebekus. „Was Collien Fernandes angetan wurde, hat gewirkt wie ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagte die Komikerin in dieser Woche gegenüber der „Rheinischen Post“. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mit so vielen Freundinnen, mit Familie, auch mit Männern über Missbrauch und Gewalt in Beziehungen gesprochen habe.“

Wenn sich Männer von der Diskussion überfordert zeigten oder fragten, was sie überhaupt beitragen könnten, antworte sie: „Vielleicht lasst ihr unsere Wut erst mal gelten.“ Weibliche Wut werde in unserer Gesellschaft immer noch negativ abgestempelt – „vielleicht auch als ein bisschen krank, ein bisschen hysterisch. Hat sie vielleicht ihre Tage? Ist sie zu emotional?“

Das Thema beschäftigt die Kölnerin auch in der „Carolin Kebekus Show“. Zuletzt hatte sich diese zunehmend von einer satirischen Late-Night-Show hin zu einer Personality-Show entwickelt, die vornehmlich Kebekus’ Mutterrolle behandelte. Unter dem Slogan „Wir müssen wütender sein“ kündigte die Komikerin nun auf Instagram den Start einer neuen Staffel an. Wo die Wut herkomme, gebe es noch viel mehr, leitete sie das Thema der Sendung ein. „Denn ich bin eine Frau. Glaubt mir, wir haben da einiges angestaut.“

Wie inzwischen eingeübt, wählte Kebekus zunächst einen persönlichen Aufhänger für ihre emotionale Thematik. Ihr zweijähriges Kind sei zwar „ultra süß“, neige aber auch zu Tobsuchtsanfällen. Und schon im Kleinkindalter werde diese Wut unterschiedlich bewertet – je nach Geschlecht. Während männliche Wutausbrüche mit einem „starken Willen“ in Verbindung gebracht und damit positiv bewertet würden, lösten ähnliche Verhaltensweisen bei Mädchen Sorgen aus: „Das ist aber ungewöhnlich. Die zickt aber herum. Ist da was mit der Bindung nicht okay? Wart ihr damit mal beim Arzt?“ Mit anderen Worten: Weibliche Wut wird pathologisiert.

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„Bevor eine Frau wütend wird, muss viel passieren“, erklärte sie hinter ihrem Late-Night-Schreibtisch. „In unserem Kopf sind ganz viele Stimmen, die uns davon abhalten wollen, einfach mal komplett auszurasten: Angst, Scham, Verdrängung und natürlich der Frauenhass der Gesellschaft, der auch in unserem Kopf immer wieder dazwischenfunkt.“ Kebekus nutzte diese Aufzählung für einen der wenigen gespielten Witze der ansonsten ernsthaft gehaltenen Show, indem sie die konkurrierenden Emotionen im Stil des Pixar-Films „Alles steht Kopf“ darstellte.

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„Dabei ist Wut ja etwas Gutes“, betonte die Komikerin, „denn Wut sagt uns ja: Hier stimmt etwas nicht. Ich brauche Veränderung.“ Frauen hätten schon lange viele Gründe, um „komplett auszurasten“ – etwa den aktuellen Fall um die Moderatorin Collien Fernandes und ihren früheren Ehemann Christian Ulmen. „Der öffentliche Umgang ist immer der gleiche – mit allen Reaktionen, allen Deutungen und allen Stationen“, kritisierte Kebekus die mediale Debatte der vergangenen Wochen.

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Am Anfang stehe ein mutmaßlicher Übergriff, zu dem sich eine „mutige Frau“ äußere. In der Folge entstünden zwei Lager: Das Team „mutmaßlicher Täter“ unterstelle eine Kampagne oder schiebe der betroffenen Frau die Schuld zu. „Dieses Team macht mich sehr, sehr wütend“, unterstrich Kebekus. Das Team „mutmaßliches Opfer“ frage hingegen, warum eine Frau es in Kauf nehmen sollte, öffentlich beleidigt und bedroht zu werden. „Ich weiß nicht, ob es bemerkt wird, aber ich bin in diesem Team.“

Es entstehe eine Bewegung, die sich auch in Demonstrationen zeige. „Spätestens jetzt, wo Zigtausende auf die Straße gehen, setzt die Gegenbewegung ein: irre Überschriften, absurde Behauptungen, alles wahnsinnig kreativ – Hauptsache, kein Mann war schuld“, kritisierte sie. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz zählt für Kebekus dazu. Dieser hatte erklärt, es gebe eine „explodierende Gewalt in unserer Gesellschaft“ und diese vor allem mit Zuwanderung in Verbindung gebracht. „Unfassbar, er will aus der Sexismus-Debatte eine Migrationsdebatte machen. Damit macht er sich zum Komplizen der Gegenbewegung.“

„Was passiert dann?“, fragte die Kölnerin rhetorisch. „Jetzt passiert das Schlimmste: Die öffentliche Debatte verebbt. In den Schlagzeilen ist plötzlich ein Wal, ein Wolf oder ein Flug zum Mond.“

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Um dem insgesamt eher gesitteten Frontalunterricht einen kämpferischeren Anstrich zu geben, holte Kebekus die Linguistin Reyhan Şahin auf die Bühne, die „viel Wut in ihrer Möse“ habe. Als Jugendliche habe sich bei ihr viel angestaut, erzählte die Gelegenheitsrapperin, bis sie „geplatzt“ und zu Lady Bitch Ray geworden sei. Gemeinsam zählten die beiden Frauen ihre liebsten Beschimpfungen auf – was allerdings eher spielerisch als zornig wirkte.

Breitbeiniges Selbstbewusstsein zeigten Şahin und Kebekus am ehesten noch mit ihrem „Wut“-Song, den sie zum Abschluss mit dem anklagenden Lied „Nicht alle Männer“ kombinierten, mit dem die Rapperinnen Ebow und Mariybu kürzlich viral gegangen waren. „Die Scham muss jetzt die Seite wechseln“, fordert Kebekus darin im Stile Pelicots – um anschließend unapologetisch zu ergänzen: „Wir sind proud, Brüste raus. Vater Staat kann Scheide lecken.“

Source: welt.de