Vater des Hanau-Opfers Vili-Viorel Păun: Nicht Hass, sondern Gerechtigkeit

„Eins, zwei, drei“, zählt Niculescu Păun die Bordsteine ab, die Parkplatz und Grünfläche trennen. Er dreht sich um, streckt den Arm aus, fast so, als halte er eine Waffe. Hier erschoss er Vili und lief dann direkt weiter.“

Auf dem Supermarktparkplatz stehen abgebrannte Kerzen und verwelkte Blumen. Auf einem Kreuz liest man den Namen seines Sohnes: Vili-Viorel Păun, dazu den Geburts- und Todestag. Geboren wurde er 1997 in Rumänien, ermordet wurde er bei einem rechtsterroristischen Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau. Niculescu Păun lebt mittlerweile die Hälfte des Jahres wieder in Rumänien, mit seiner Frau Iulia und Adoptivsohn Rareș. Durch das Gedenken an seinen Sohn bleibt er eng mit Deutschland verbunden. Das Gedenken für die neun Todesopfer von Hanau musste hart erkämpft werden.

Ein Auto fährt mit einem offenen Seitenfenster heran und unterbricht Păun. Aus den Lautsprechern dröhnt „I like to move it, move it“ des US-amerikanischen Hip-House-Duos Reel 2 Real. Păun lächelt matt. „Guck, er genießt sein Leben“, sagt er. „Das ist normal – aber ich glaube, er macht das extra.“ Um ungestört zu sprechen, steigt er auf die Rückbank seines Minivans, mit dem er seit Jahren zwischen Hanau und dem rumänischen Singureni pendelt.

Nach dem Anschlag fuhr er mit diesem Wagen immer wieder die Strecke zwischen Heumarkt, dem ersten Tatort, und Kesselstadt, dem Ort, an dem Vili starb, ab. „Um zwei Uhr nachts, um drei, um fünf. Ich dachte, so muss Vili dem Täter gefolgt sein.“

Der Name seines Sohnes erinnere ihn an den Frühling

Vater Păun sucht nach dem Tod seines Sohnes nach weiteren Spuren. Hagen Kopp von der Initiative 19. Februar erinnert sich an einen Tag im Mai 2020, etwa drei Monate nach dem Anschlag. Păun erschien bei der Initiative und hielt triumphierend das Handy seines Kindes hoch. „Damit öffnete sich ein neues Feld, das die Dimension des Notruf-Versagens aufdeckte“, sagt Kopp. Während der Verfolgung rief Vili-Viorel mehrfach die Polizei an. Zweimal wählte er dabei die Nummer falsch. Die drei weiteren Anrufe blieben unbeantwortet. Der Untersuchungsausschuss stellte später fest, dass der Notruf in Hanau veraltet und unterbesetzt war.

Niculescu Păun kann das bis heute nicht fassen. „Fehler sind menschlich – aber seit 2001 weiß man, dass das Notrufsystem nicht funktioniert.“ Auch nach dem Anschlag versagten die Behörden. Im Obduktionsbericht stand sein Name, nicht der seines Sohnes. „Ich war offiziell fünf Tage für tot erklärt. Du musst kein Studium haben, um zu sehen, dass der junge Mann auf deinem Tisch kein 44-Jähriger ist.“ Statt der Wertsachen seines Sohnes erhielt die Familie später die Kleidung eines anderen Opfers, Said Nessar Hashemi.

Seit fünf Jahren kämpft Păun für Aufklärung – für seinen Sohn, dessen Namen „Veilchen“ bedeutet. Der Name erinnere ihn an den Frühling, an die Zeit, in der alles wieder lebt. „Sein Lachen wird mich bis ins Grab verfolgen“, sagt er, lächelt und scheint Vili vor sich zu sehen. Sein Sohn sei immer selbstlos gewesen. Einem Kollegen aus Rumänien schenkte er sein Handy, damit dieser mit der Familie sprechen konnte. Vili hatte Pläne: Er wollte heiraten und Vater werden. 2019 bestellte er eine Kette mit dem Namen „Rareș“ – so wollte er seinen Sohn nennen. Zu Deutsch: Rarität.

Drei Jahre nach dem 19. Februar 2020 adoptierte das Ehepaar einen Jungen. „Die Idee mit der Adoption hatte ich, weil ich irgendwie meine Frau retten musste“, sagt Păun. Im Dokumentarfilm Das deutsche Volk erzählt er, dass sie nicht mehr schlafen konnten. Iulia habe nicht mehr leben wollen. Das Baby wurde ein Neuanfang und ein Versuch, wieder Lebensmut zu finden. Nach dem dritten Jahrestag rief der Bürgermeister ihres rumänischen Wohnorts an und vermittelte ihnen das Baby. „30 Minuten später waren wir auf dem Weg in die Heimat.“

Den Anschlag nicht vergessen lassen

Bis Passau schwieg sich das Paar an. „Wir waren mit unseren Gedanken beschäftigt“, sagt er. „Einer davon war: Vili soll nicht vergessen werden, wenn wir diesen neuen Jungen treffen.“ Er lacht kurz, trocken, ungläubig, als könne er selbst nicht fassen, dass ihm dieser Gedanke kam. Dann fügt er hinzu: „Das ist menschlich. Und unsere traurige Geschichte.“ In Wien sagte er zu seiner Frau: „Der Kleine soll Rareș heißen.“ Iulia stimmte sofort zu.

Sein zweiter Sohn hat blondes Haar und blaue Augen. „Deutschland gefällt nichts anderes“, sagt er im Film. Später erklärt er, er habe „arrogant“ gesprochen, wollte dabei die Ideologie des Täters betonen. Trotzdem hofft er, dass Rareș weniger Anfeindungen erlebt. Er soll in Deutschland zur Schule gehen. Aber ich habe Angst, dass ich wieder einen großen Fehler mache. So wie bei Vili.

Das fragile Familienglück zeigt Marcin Wierzchowskis Dokumentarfilm Das deutsche Volk über Hanau, der bei der diesjährigen Berlinale Premiere feierte. Sein erster Film Hanau – eine Nacht und ihre Folgen erhielt 2022 den Grimme-Preis. „Der Pole mit der Kamera“, wie ihn die Angehörigen nennen, begleitet das Gedenken an die Opfer ab dem ersten Tag.

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Am Revers von Păuns Sakko steckt ein Pin: „Initiative 19. Februar Hanau“. Sie prägte die Strategie von #saytheirnames – die mantraartige Wiederholung der Opfernamen, damit sie sich ins kollektive Gedächtnis brennen. Die Initiative ist Păuns politische Heimat geworden. Wenn er über die erinnert, die den Anschlag nicht vergessen lassen, sagt er stets: „Und ihre Solidarität“. Damit meint er Aktivisten, Journalisten, die Zivilgesellschaft. Es klingt, als habe er diesen Satz oft gesagt, als sei er Teil seines Plans, Brücken zu bauen statt zu spalten. Păun kämpft nicht nur für sich und die Angehörigen, sondern auch für das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat.

Neu ist das politische Klima

Dieser Brückenschlag hat Gründe. Fünf Jahre nach dem Anschlag bleibt die Erinnerung umstritten. Bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung sagte Emiş Gürbüz, Mutter des ermordeten Sedat Gürbüz: „Deutschland und die Stadt Hanau schulden mir ein Leben.“ Sie meinte die Versäumnisse und den strukturellen Rassismus, die Angehörige bei Polizei und Behörden feststellten.

Ermittlungen zeigten, dass ein Fluchtweg auf Anordnung der Polizei versperrt war, der Notruf unterbesetzt und 13 der 20 SEK-Beamten in rechten Telegram-Gruppen aktiv waren. Viele weitere Nachlässigkeiten hätte sie nennen können. Doch all das war nicht neu, Gürbüz prangert das Vorgehen der Behörden seit fünf Jahren an. Neu ist das politische Klima, in dem schärfer gegen Migranten polemisiert wird. Kommunalpolitiker warfen Gürbüz vor, anlässlich einer Rede bei der Berlinale geäußert zu haben, „dass sie Deutschland, Hanau und den Oberbürgermeister hasse“.

Die kommunale Koalition aus CDU, SPD und FDP verurteilte Gürbüz’ Worte scharf. Und drohte, Gedenkveranstaltungen künftig zu verbieten. Die Initiative 19. Februar zeigte sich „entsetzt und enttäuscht“, dass die emotionale Rede einer Angehörigen zur Bestrafung aller genutzt wurde.

Umgedrehte Deutschlandfahne

Niculescu Păun betont, dass er nicht hasse, sondern Gerechtigkeit suche. Doch die, sagt er, komme nicht durch Reden von Politikern. Das sind Worte nur für euch.“ Für uns – die nicht direkt betroffen sind. Gerechtigkeit, sagt er, bedeute ein Gericht. Wie die anderen Angehörigen ist er enttäuscht, dass es keine Verhandlung über das Verhalten der Polizei gab.

Um das zu ändern, stellte Păun im Januar 2025 erneut Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen drei Polizisten. Zwei Gutachten stützen ihn. Doch die Staatsanwaltschaft Hanau lehnte Ermittlungen ab. Am 19. Februar 2025 verjährt der Fall. Păuns Anwalt Sebastian Scharmer sieht darin eine politische Entscheidung. Păun plant nun den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

Am späten Nachmittag wird Păun müde. Seine Sätze werden kürzer, der Blick nachdenklicher. Er steigt in seinen Van mit der umgedrehten Deutschlandfahne. Ob Statement oder Versehen: Das lässt er offen.

Der Film Das Deutsche Volk ist ab dem 4. September 2025im Kino zu sehen.