Vaclav Smil weiterführend „Speed“: Hat die Menschheit ihre Maximalgeschwindigkeit erreicht?

Ein Waschmittelhersteller wirbt damit, sein Produkt „Magic Wash“ reinige Wäsche in fünfzehn Minuten. Im Bundestag wird über ein „Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz“ debattiert, und vom Berliner Hauptbahnhof erreicht man den BER-Flughafen nun dank einer neuen Bahnanbindung fünfzehn Minuten schneller. Auch wenn Letzteres eine Bauzeit von sieben Jahren beansprucht hat: Geschwindigkeit hat immer noch den Status eines Allheilmittels.

Neu ist Geschwindigkeit weder als Phänomen noch als Sujet. Während die Futuristen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Rennwagen anbeteten, setzte sich ein Philosoph wie Paul Virilio zwei Weltkriege später gesellschaftstheoretisch mit der Beschleunigung auseinander. Virilio entwickelte einen eigenen, letztlich nur von ihm bespielten Wissenschaftszweig, die Dromologie, eine so avancierte wie assoziative Medien- und Machtkritik, in deren Zentrum „la vitesse“ steht. Eliten nutzten demnach technologisch-militärische Beschleunigungen, um ihre Vorrangstellung auszubauen. Das geschehe so rückhaltlos, heißt es in „Geschwindigkeit und Politik“ (1980), dass ein Zustand des „rasenden Stillstands“ begonnen habe: „Die Geschwindigkeit als Wesen des dromologischen Fortschritts ruiniert den Fortschritt, die Permanenz des Krieges um Zeit schafft einen totalen Frieden, den Frieden der Entkräftung.“

Ein „Was ist was“-Buch für Erwachsene

Der kanadische Forscher Vaclav Smil, Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba in Winnipeg und Autor einer Vielzahl interdisziplinärer Monographien zu den Themen Umwelt, Energie, Bevölkerung, Wirtschaft und Technik, möchte Virilios dialektischer Diagnose gar nicht widersprechen. Zumal es eher wenige Bücher gebe, die Geschwindigkeit nicht als einen von vielen Faktoren der Modernisierung betrachten, sondern als deren wichtigste Grundlage. Mit Blick auf Virilio heißt es von dem Datenfanatiker jedoch, er möchte von dessen Generalisierungen und Mythologisierungen der Geschwindigkeit lieber Abstand nehmen.

Vaclav Smil: „Speed“. How It Explains the World
Vaclav Smil: „Speed“. How It Explains the WorldViking

Es sind denn auch vielmehr die ingenieurstechnische Präzision und der vergleichende Blick auf die biologischen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten, die diesen Überblick so lesenswert machen. „Speed. How It Explains the World“ wirkt zu großen Teilen wie ein wissenspralles „Was ist was“-Buch für Erwachsene, bevor auch Smil auf der Grundlage seiner Analysen zu der Schlussfolgerung kommt, die Zukunft könne nicht allein in der weiteren Beschleunigung aller Prozesse liegen. Das Wachstum sei nämlich nahe an seine absolute Grenze gelangt. Konkretes Beispiel: Fluggeschwindigkeiten von etwa 900 km/h zu überschreiten, sei trotz neuerlich aufflammender Überschallträume wirtschaftlich und ökologisch nicht vertretbar.

Nur in bestimmten Bereichen, etwa der Medizin, könne „Speed“ noch Vorteile generieren, heißt es. Wachstum durch Effizienzsteigerungen sei allerdings weiterhin möglich. Smil schließt also explizit nicht an eher raunende Theorien über das Erreichen der „Singularität“ an, wie sie etwa Ray Kurzweil vertritt. Kurzweil hat als Zeitpunkt der Ablösung des Menschen durch die Künstliche Intelligenz das Jahr 2045 prognostiziert. Smil interessiert sich hingegen für real messbare Beschleunigungen, und auch die können schwindelig machen.

Die Moderne ist nicht die erste Hochgeschwindigkeitsphase

Der Autor wählt den ganz weiten Weg – und beginnt mit dem Urknall. Er erzählt tatsächlich eine Weltgeschichte unter dem Blickwinkel der Geschwindigkeit, seien es in km/h messbare Bewegungen im eigentlichen Sinne, seien es weiter gefasste Entwicklungen, bei denen es um das Tempo von Veränderungen geht. Inhaltlich ist das alles aus mehreren Disziplinen kompiliert. Viele der im Detail nachgerechneten Ergebnisse erstaunen in der Tat: Dass es über neunzig Prozent der Zeit kein signifikantes Bevölkerungswachstum gegeben hat, gehört ebenso dazu wie die Einsicht, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit nicht konstant ansteigend war, sondern pulsierend.

So entstanden die meisten heute bekannten Tierstämme in der „nur“ fünf bis vierzig Millionen Jahre dauernden „kambrischen Explosion“ vor circa 541 Millionen Jahren, obwohl die Geschichte unseres Sonnensystems schon vor 4,6 Milliarden Jahren begonnen hat. Die exponentielle Beschleunigung in der Moderne ist also nicht die erste Hochgeschwindigkeitsphase.

Immer wieder stellt Smil langsame Bewegungen wie tektonische Verschiebungen oder Fließgeschwindigkeiten von Flüssen (5 bis 10 km/h) explosionsartigen Bewegungen wie dem pyroklastischen Strom bei Vulkanausbrüchen oder Tsunamiwellen (jeweils mehrere Hundert km/h) entgegen. So entwickelt man ein Gespür für das Spektrum natürlicher Geschwindigkeiten. Der Autor formalisiert die „reproduction speed“ vieler Arten bis hinab zum Kopulationstempo von etwa Fröschen. Er zählt alle erwartbaren Rekorde in der Tier- und Pflanzenwelt auf, bevor es um die menschliche Fortbewegung und ihre zunehmende Motorisierung geht (Gamechanger: Gasturbine).

Am beeindruckendsten ist der Fortschritt der Kommunikation

Ausführlich wird auch die Geschwindigkeit der Nahrungsmittelproduktion untersucht. In die Herstellung eines Kilogramms Weizen mussten die alten Römer etwa 25 Minuten Arbeit investieren, um 1800 waren dank neuer Gerätschaften noch 5 Minuten nötig. Heute sind es etwa 2 bis 3 Sekunden. Die gigantischen Zugewinne an Geschwindigkeit finden alle in der Zeit ab 1850 statt, zuerst von Dampfkraft angetrieben, dann von Elektrizität und Dieselmotoren. Auch der Einfluss von Erfindungen wie dem Präzisionskugellager spielt eine Rolle.

Die beeindruckendste Beschleunigung haben natürlich die Kommunikation und die Datenverarbeitung erfahren. Auch hierzu finden sich viele Berechnungen, die selbst das menschliche Denken (bis zu 20 Bit/s) auf Computing-Einheiten umrechnen. Warum das periphere Nervensystem etwa 100 Millionen Mal schneller reagiere, sei noch nicht ganz geklärt, schreibt der Autor. Es sind dann aber die gigantischen Supercomputer, die Billionen von Kalkulationen pro Sekunde ausführen, auf die das Kapitel über die ultimative Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten zuläuft. Das alles, so schließt Smil, habe wohl zu der Auffassung geführt, dass jede Stagnation im Beschleunigungsprozess ein Problem darstelle. Doch die viel größeren Probleme seien heute soziale Ungleichheiten, die Umweltverschmutzung und der Klimawandel.

Die aktuelle Slow-Life-Bewegung hält der Autor für ein elitäres Nischenphänomen. Dennoch plädiert er nachdrücklich und nach all den Daten nachvollziehbar dafür, Be- und Entschleunigung auf dem höchsten politischen und technologischen Level zusammenzudenken: „Ich will argumentieren, dass das Streben nach Geschwindigkeit aus heutiger Sicht nicht darin bestehen sollte, wahllos immer schnellere Zyklen anzustreben, sondern vielmehr in einer wohlüberlegten Kombination aus weiteren Verbesserungen, durchdachten Grenzen und gerechtfertigten Rückschritten.“ Ein mehr als bedenkenswerter Einspruch gegen die blinde Dromophilie von Wachstumsfanatikern, die den Unwuchten des Hyperdrive-Tempos damit beikommen wollen, einfach noch schneller zu sein als die negativen Folgen des Fortschritts. Und sei es mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Bill Gates und der Techbranche gefällt Vaclav Smils Tritt auf die Bremse diesmal vielleicht nicht ganz so gut.

Vaclav Smil: „Speed“. How It Explains the World. Viking, New York 2025. 368 S., br., 18,– €.

Source: faz.net