USA I | Rückkehr des imperialen Anspruchs: Wie die USA unter Trump wieder zur Militärmacht wird

Kriege zu beenden, anstatt sich in „ewige Kriege“ verwickeln zu lassen, war sein Programm. Acht davon will Donald Trump in seiner gerade einmal ein gutes Jahr währenden Amtszeit beendet haben. Um eine Lösung in der Ukraine bemühte er sich mit einiger Energie und dem Blick für das Machbare, wenngleich er von den „Europäern“ und Wolodymyr Selenskyj immer wieder ausgebremst wird. Sogar den Friedensnobelpreis beanspruchte er und bekam ihn zu seiner Enttäuschung vorerst nicht.

Die Medaille des eigens für ihn geschaffenen „Friedenspreises der Fifa“ hängte er sich stolz selbst um. Noch im Wahlkampf 2024 erklärte Trump, seine Gegner hätten eine Welt im Frieden geerbt, aber daraus eine des Krieges gemacht. In der Geschichte der US-Außenpolitik ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Paradigmen abrupt ändern. Dies galt für den „pragmatischen Realismus“ von James Monroe, Harry Truman, George Bush senior, in Maßen Joe Biden. Sie setzten auf internationale Stabilität, auch durch ein militärisches Engagement.

Die USA unterhalten 800 Militärbasen weltweit

Oder man vertrat einen „liberalen Internationalismus“, wie das Woodrow Wilson gegen Ende des Ersten Weltkrieges tat. Barack Obama, der 2009 ins Amt kam, setzte auf multilaterale Institutionen und versuchte, dem Freihandel mehr Geltung zu verschaffen. Auch ein „missionarischer Neokonservatismus“ – Musterbeispiel war George Bush junior –, der eine neoliberale internationale Ordnung durch den massiven Einsatz amerikanischer Macht militärisch zu sichern suchte, und ein „amerikanischer Nationalismus“, der einen engen, isolationistischen Interessenbegriff zugrunde legte, kamen immer wieder vor.

Protagonist in dieser Hinsicht war Andrew Jackson, Präsident von 1829 bis 1837, dessen Porträt schon während der ersten Amtszeit Donald Trumps im Oval Office hing. Zu Recht führte dessen Wiederwahl im November 2024 zu großer Besorgnis bei der transatlantischen Expertenriege. Gemäß seinem „Amerika First“-Dogma sah Trump in der Welt keine globale Gemeinschaft, sondern eine Arena, in der Nationen, Unternehmen und andere Akteure miteinander hart und rücksichtslos um Vorteile ringen.

Heute steht Trump für eine Abkehr vom langjährigen Konsens in der US-Außenpolitik, wonach eine stabile liberale internationale Ordnung ein System darstellt, von dem besonders die USA profitieren. Stattdessen vertritt er die Auffassung, die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kosten seien entschieden zu hoch, die sein Land als Garantiemacht dieses Systems tragen müsse.

Zugleich sieht er die Vereinigten Staaten als „unentbehrliche Nation“. Dabei gilt diese Zuordnung keineswegs der klassischen Vorstellung, nach der ohne Unterstützung der USA jedes multilaterale Bemühen von Rang scheitern muss. Dafür gibt es in der postwestlichen Welt mittlerweile zu viele einflussreiche Akteure und Gegenbeispiele.

Das Label „unentbehrlich“ meint auch nicht die Intention von Madeleine Albright, einst Außenministerin der Clinton-Regierung, die 1998 in typischer Hybris meinte: „Wir stehen aufrecht und blicken weiter in die Zukunft als andere Länder.“ Der Glaube an die „Unentbehrlichkeit“ resultiert in Trumps Welt vielmehr aus einem überbordenden Militärpotenzial.

Die USA sind für fast 40 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben verantwortlich, sie verfügen über gut 800 Militärbasen weltweit und sind infolgedessen wie keine Nation sonst zur globalen Projektion von Macht fähig. Der geplante Aufwuchs der Militärausgaben auf unvorstellbare 1.500 Milliarden Dollar jährlich soll diese Dominanz dauerhaft absichern. Es werden damit die Voraussetzungen geschaffen, um nahezu jedem ernsthaften Interesse notfalls im Alleingang nachgehen zu können, auch wenn der Abstand zum Konkurrenten China in den vergangenen Jahren kleiner geworden ist.

Nach Afghanistan waren die „Regime-Change-Kriege“ verpönt

Mit George Walker Bush konnte Trump lange Zeit wenig anfangen, obschon sein erster Sicherheitsberater, John Bolton, einer der prominentesten Vertreter war und zumindest bis zu seinem Rauswurf 2019 häufig das Ohr des Präsidenten fand. In seiner zweiten Amtszeit hat Trump in nur zwölf Monaten Angriffe auf fünf Länder angeordnet – auf Somalia, den Irak, den Jemen, auf Venezuela und zweimal Iran. Die nach dem Afghanistan-Debakel verpönten „Regime-Change-Kriege“ führt er nun selbst. Er geht dabei Risiken ein und beschwört sie international herauf, wie lange kein Präsident vor ihm.

Von Angriffen auf vermeintliche Drogenschmuggler in der Karibik über die gewaltsame Entführung eines Regierungschefs bis hin zur gezielten Tötung eines Staatsoberhauptes war bereits fast alles dabei. Zwar pausiert derzeit die angekündigte, notfalls gewaltsame Übernahme Grönlands, aber es würde kaum überraschen, wenn die bald wieder auf die Agenda kommt.

Wohl nicht zuletzt die erstaunlich reibungslose Gefangennahme und Deportation von Nicolás Maduro im Januar und die für die USA so gut wie verlustfreie Iran-Operation „Midnight Hammer“ im Juni 2025 taten offenkundig einem Charakter wie Trump nicht gut. Es sieht so aus, als hätten ihn die singulären Möglichkeiten, die das US-Militär besitzt, dazu verleitet, nun gegen den Iran an die Grenzen des Machbaren zu gehen und vabanque zu spielen.

Eine atemberaubende Wende, die jenen recht gibt, die in Trump einen unberechenbaren und zu allem fähigen Hasardeur sehen. Wenn sich die USA wieder einmal das Recht nehmen, Regierungen zu stürzen und ihnen suspekte Systeme umzupflügen, dann scheint die Metapher vom „aggressiven Weltpolizisten“ Bestätigung zu finden. Die damit verbundene Hybris ist frappierend.

Es bleibt bei einer Außenpolitik des Imperial Anspruchs

Zwischen 1776 und 2026 hat die Weltmacht USA gut 400 militärische Interventionen in anderen Ländern zu verantworten – die meisten davon haben mehr Probleme verursacht als gelöst. Da ist es wenig tröstlich, dass es Trump bei seinen Feldzügen – bisher jedenfalls – nicht um klassische Besatzung oder die zeitweilige Übernahme der Zivilverwaltung geht, sondern um eine Art von ferngesteuertem Eingreifen.

Man kann darin eine Generalprobe für eine Militärstrategie sehen, mit konventionellen Präzisionswaffen Enthauptungs- und Erstschläge gegen die militärische Infrastruktur eines Gegners zu führen. Naheliegend, dass dabei gewonnene Erfahrungen in entsprechende Counterforce-Strategien gegenüber Russland und China einfließen können, was mit massiven Abwehrreaktionen rechnen lässt.

Frieden durch Stärke war Trumps Programm, nicht das Muster, mit Stärke Kriege zu führen. Die gute Nachricht: Seine Basis wird ihm das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ohne Weiteres durchgehen lassen. Zwar gibt es mit Außenminister Marco Rubio einen einflussreichen Anhänger des klassischen Interventionismus, und es spricht Bände, dass dieser zugleich das Amt des Nationalen Sicherheitsberaters ausübt.

Mit Vizepräsident J.D. Vance gibt es allerdings ein Gegengewicht. Zwar kritisiert er Trump nicht offen, hat aber mit seiner isolationistischen Grundhaltung viele Anhänger. Geht das Iran-Abenteuer schief, droht bei den Midterm-Wahlen im November die Mehrheit des Kongresses wieder an die Demokraten zu fallen. Das dürfte Donald Trump nicht daran hindern, eine Außenpolitik des imperialen Anspruchs zu verfolgen. Die Flurschäden sind enorm und beängstigend.