USA | Es war einmal Amerika: Holger Starks Plädoyer pro den Abschied vom großen Bruder
Ausgerechnet der stellvertretende Chefredakteur der transatlantisch orientierten „Zeit“ begrüßt den Bruch mit der Militärmacht: Holger Stark sieht in seinem Buch „Das erwachsene Land“ die Chance, sich vom Schutzschirm der USA zu lösen
Das interessanteste Kapitel des Buches „Das erwachsene Land“ heißt „Ein unsinkbarer Flugzeugträger mitten in Europa“
Foto: Christoph Stache/Getty Images
Mit seiner radikalen Neuausrichtung in der Außen- und Sicherheitspolitik der USA löst Donald Trump fast täglich Schockwellen unter europäischen Politikern aus. Dass auf den langjährigen Partner kein Verlass mehr sei, glauben mittlerweile auch einst überzeugte Transatlantiker. Einen vielsagenden Beitrag dazu liefert Holger Stark, einst Spiegel-Korrespondent in Washington, jetzt Vize-Chef der Zeit. Stark fordert nichts weniger als den Abzug der US-Truppen aus Europa. In Das erwachsene Land regt er an, sich unabhängiger von den USA zu machen. „Die Amerikaner sind keine Freunde mehr“, konstatiert er. Mit der zweiten Amtszeit Trumps gehe eine Epoche unwiderruflich zu Ende.
So neu ist der neue Kurs der US-Außenpolitik allerdings nicht. Bereits 2020 hatte der Präsident eine deutliche Reduzierung der Militärpräsenz in Deutschland angekündigt. Ein Drittel der 35.000-Mann-Truppe wollte er nach Polen verlegen, der Rest sollte in die Heimat zurückkehren. Die Europäer zahlten viel zu wenig für ihre Sicherheit, schimpft Trump immer wieder.
Nur die die Sowjetunion sollte damals in Schach gehalten werden
Als Reaktion haben die NATO-Mitglieder gigantische Aufrüstungsprogramme angeschoben. Stark stellt Fragen, die unter politischen Akteuren in Berlin und Brüssel bestenfalls hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden. Warum sind hierzulande so viele US-amerikanische Soldaten stationiert? Warum lagern in Büchel nahe der Grenze zu Luxemburg Atombomben? Ist das im deutschen Interesse? Bereits im Kalten Krieg, so seine These, sei das vorrangige Ziel des US-Engagements keineswegs gewesen, (West)Deutschland zu verteidigen – „auch wenn sich das manch transatlantischer Romantiker schöngezeichnet hat“. Vielmehr sollte die Sowjetunion im geopolitischen Kräftemessen in Schach gehalten werden.
Das interessanteste Kapitel des Buches heißt „Ein unsinkbarer Flugzeugträger mitten in Europa“. Die offenherzige Formel hat Ben Hodges geprägt, der bis 2017 die Streitkräfte der USA auf dem Kontinent kommandierte. Er meint damit die für die weltweite Kriegsführung wichtigen Basen in Deutschland. Das Luftwaffen-Drehkreuz in Ramstein und das benachbarte Militärkrankenhaus in Landstuhl bilden den wichtigsten Stützpunkt außerhalb der USA.
Über die Westpfalz läuft fast die gesamte Logistik für US-Operationen in Asien und Afrika. Ein weiterer Baustein des „Flugzeugträgers“ ist der Truppenübungsplatz im fränkischen Grafenwöhr. Auf dem früheren Wehrmachtsgelände trainieren heute neben amerikanischen auch ukrainische Soldaten.
Holger Stark fordert mehr Mut und Selbstbewusstsein
In Deutschland befinden sich das Europa- und das Afrika-Kommando der US-Armee, hinzu kommt die Abhörzentrale der NSA in Wiesbaden. Das alles, betont Hodges, sei „ein Geschenk“, es biete „die Flexibilität zu handeln“. Militärkollegen schwärmen von einem strategic sweet spot, von einzigartigen Bedingungen, die teilweise besser seien als in den Vereinigten Staaten selbst. Die Haltung zur US-Präsenz stehe „für alles, was die deutsche Amerika-Politik so ambivalent macht“, resümiert Stark.
Noch jede Bundesregierung sei bemüht gewesen, die Soldaten im Land zu halten: „Sie hat gebettelt und gebangt, nach Washington geschaut, als hätten Eltern ihrem Kind angedroht, es bei ungezogenem Verhalten allein im Wald zurückzulassen.“ Statt sich paralysieren zu lassen, fordert Stark mehr Mut und Selbstbewusstsein. Im Jahr 2020 hätten Trumps Leute am Ende auf den Truppenabbau verzichtet, „sie wussten, was sie an Deutschland haben“. Die USA sind überhaupt nicht interessiert, aus Europa abzuziehen. Denn so können sie viel bequemer in fernen Erdteilen Krieg führen.
Für den „Flugzeugträger“ müsste die deutsche Politik die Amerikaner eigentlich mit Milliardensummen zur Kasse bitten. So weit geht der Zeit-Redakteur in seiner lesenswerten Streitschrift allerdings nicht: Diese radikale Forderung passt dann doch nicht in sein immer noch „atlantisch“ geprägtes journalistisches Umfeld.
Das erwachsene Land. Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance Holger Stark Propyläen 2026, 336 S., 26 €