USA | Endzeitfaschismus im All: Was denken Peter Thiel, JD Vance und Curtis Yarvin wirklich?

I. Von Trump zu Vance

Dass Donald Trump, obwohl er es gern bestreitet, als US-Präsident die Vorgaben des von der Heritage Foundation erstellten „Project 2025“ umsetzt, ist weithin erkannt worden. Die Methoden, derer sich Trump vom ersten Tag an bediente: Umbau der US-Exekutive, massenhafter Austausch ihrer Beamten, Einsatz des US-Militärs zur inländischen Strafverfolgung, wie auch die Ziele, die er verfolgt: Massendeportation von Migrant:innen, Christianisierung der Gesellschaft, Abschaffung von Diversitätsprogrammen, Förderung fossiler Brennstoffe, all das und vieles mehr wurde vorher im 900 Seiten starken „Project“ bis ins Einzelne entworfen, ausgearbeitet, operationalisiert und systematisiert. Nicht zuletzt aus diesem aufwendigen Vorlauf erklärt sich die rasende Geschwindigkeit, mit der Trump die Umwälzung der USA zu gelingen scheint.

Aber das ist nur ein Anfang, ja vielleicht nur ein Vorspiel. Die Voraussicht rechtsextremer Visionäre, die es in den USA zuhauf gibt, reicht über Trumps Horizont und die Agenda der Heritage Foundation weit hinaus. Und es sind nicht bloß Gedankenspiele, was sie planen, vielmehr sind ihre Leute bereits im Machtzentrum der Trump-Regierung platziert. Die Visionäre setzen auf JD Vance, Trumps Vizepräsidenten, der auch tatsächlich die besseren Startchancen hat, wenn es einmal gilt, Trump zu beerben. Und das könnte bald sein: 2028, bei der nächsten Präsidentschaftswahl.

Vance, der in einer Arbeiterfamilie aufwuchs und dort mit Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Scheidung der Eltern, Alkoholismus, Drogenkonsum und häuslicher Gewalt Bekanntschaft machte, verdankt seine ganze politische, zuvor auch ökonomische Karriere dem Multimilliardär Peter Thiel, einer Schlüsselfigur des Silicon Valley. Thiel, von dem Vance sagt, er erscheine ihm als „der vielleicht klügste Mensch“, dem er je begegnet sei, und Elon Musk gründeten einst den Online-Bezahldienst Paypal. In Trumps ersten Präsidentschaftswahlkampf hatte Thiel noch kräftig investiert, im zweiten überließ er das anderen, da dachte er selbst schon weiter, an 2028. Da investierte er nur noch in Vance.

Curtis Yarvin, der Philosoph der Dunklen Aufklärung

Thiels Gedanken sind der Ausgangspunkt einer antidemokratischen politischen Philosophie, die schon 2007 und 2008 – das waren die Jahre der letzten Weltwirtschafts- und Weltfinanzkrise – von Curtis Yarvin, einem Blogger und Software-Entwickler, zur später von dem Philosophen Nick Land so genannten „dunklen Aufklärung“ ausgearbeitet wurden. Auch in Yarvins Start-up-Unternehmen Tlon hatte Thiel investiert. JD Vance nennt Yarvin seinen Freund und sagt, er sei von dessen Ansichten stark beeinflusst. Yarvin wiederum sagt, er könne sich Vance als „König von Amerika“ vorstellen. Er sagte das in einem Interview mit der New York Times, woran man ermessen kann, dass Leute wie er in den USA durchaus nicht als Spinner gelten.

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Dabei ist der Ausdruck „König“ noch untertrieben, denn Könige, wie wir sie aus der europäischen Geschichte kennen, regierten stets zusammen mit Beraterkreisen, aus denen im Lauf der Zeit die Parlamente hervorgingen. Aus der Königsherrschaft wurde die „konstitutionelle“ Monarchie, ja zuletzt eine Figur wie Charles III. in Großbritannien, der nur noch Repräsentationsaufgaben wahrnimmt. Yarvin will es andersherum: Der Herrscher soll ein völlig unbeschränkter Diktator sein, wahrlich wie Stalin in der einstigen Sowjetunion. Er selbst sagt: wie, nein, als der CEO eines Unternehmens. Der Staat insgesamt soll in eine private Aktiengesellschaft umgewandelt werden.

Die Regierten ihrerseits hätten insofern so viel „Freiheit“ wie der CEO, als jeder völlig auf sich gestellt wäre, mit Siegen und Niederlagen ganz aus eigener Kraft und Ohnmacht, ohne dass so etwas wie ein Gemeinwesen ihm dreinredete.

Aber nicht nur Freie soll es geben, sondern für die „ghetto blacks“, wie Yarvin sie mit rassistischer Verachtung bezeichnet – gemeint sind Schwarze Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen –, will er die Sklaverei wieder eingeführt sehen.

Es ist ein Rückschritt, eine Rücknahme von Fortschritt

Das alles könne nur durchgesetzt werden, wenn, so Yarvin, zuvor die etablierten Universitäten und Massenmedien entmachtet seien: „die Kathedrale“, deren „Brahmanen“ den Menschen diese grundfalschen Werte wie Demokratie und Fortschritt, Gleichheit und Gerechtigkeit eingeimpft hätten. Die Entmachtung müsse total sein und mit einem Schlag erfolgen, wie beim „hard reset“, sagt er, eines Computers. Das wäre in der Tat das Gegenteil des Programms der europäischen Aufklärung, „dunkle“ Aufklärung eben statt des „enlightenment“, der Erleuchtung und Helle des Lichts, wie Aufklärung auf Englisch heißt. Um mit Adrian Leverkühn, einer Figur aus Thomas Manns Roman Doktor Faustus zu sprechen: Die neunte Symphonie (von Beethoven) würde zurückgenommen.

Mit dem Namen Leverkühn, Lebenskühnheit, hatte Thomas Mann auf Friedrich Nietzsche angespielt. Bei dem liest man: „Denn, glaubt es mir! – das Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuss vom Dasein einzuernten, heißt: gefährlich leben! Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unerforschte Meere! Lebt im Kriege mit euresgleichen und mit euch selber! Seid Räuber und Eroberer, solange ihr nicht Herrscher und Besitzer sein könnt, ihr Erkennenden! Die Zeit geht bald vorbei, wo es euch genug sein durfte, gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben! Endlich wird die Erkenntnis die Hand nach dem ausstrecken, was ihr gebührt – sie wird herrschen und besitzen wollen, und ihr mit ihr!“

Ist das Yarvins philosophischer Hintergrund? Die Sache ist komplizierter. Wenn er von „Brahmanen“ und „der Kathedrale“ spricht, greift er nicht deshalb ins Religiöse, weil er es wie Nietzsche nur delegitimieren wollte. Das würde der Gedankenwelt seines Stichwortgebers Peter Thiel widersprechen, denn der argumentiert auch theologisch. Auf religiösen Bahnen hat Yarvin selbst sich zwar nicht bewegt, wohl aber hat JD Vance es getan.

Und dann kommt Carl Schmitt ins Spiel

Was Thiel theologisch interessiert, hat schon Carl Schmitt beschäftigt, den man Hitlers Kronjuristen genannt hat: die neutestamentliche Figur des „Aufhalters“, katechon. Was der Aufhalter aufhält, das heißt, wessen Hervortreten er mit aller Kraft verzögert, weil es so böse oder gefährlich ist – denn verhindern kann er es nicht –, das ist zum einen der Antichrist, der die Menschen gleißnerisch mit falschen Friedensversprechungen täuscht, und zum andern Harmageddon, die endzeitliche Entscheidungsschlacht.

Peter Thiel hat seine ganz persönliche Theologie in einem Interview mit der Weltwoche erläutert: Der Antichrist verfälsche das Christentum, indem er es übertreibe. Der Marxismus zum Beispiel sei eine solche Übertreibung gewesen. Nach demselben Muster argumentiert aber auch Vance, wenn er behauptet, christlich zu sein, sei eine Haltung, der zufolge „man zuerst seine Familie liebt, dann seinen Nächsten, dann seine Gemeinschaft, dann seine Mitbürger – und erst danach den Rest der Welt. Ein großer Teil der radikalen Linken hat das völlig auf den Kopf gestellt.“ Das war im Februar, und Robert Prevost, der wenig später zum Papst gewählt wurde, widersprach umgehend.

Ein impliziter Rückgriff auf Schmitt kann auch Yarvin insofern unterstellt werden, als Schmitt einen Demokratiebegriff entwickelt hat, der von Antidemokratie nicht mehr unterscheidbar ist. Demokratie, so Schmitt, bedeute weiter nichts als Mehrheitsherrschaft. Eine Demokratie könne zugleich eine Republik sein, also Gewaltenteilung, überhaupt „checks and balances“ beinhalten, müsse aber nicht. In einer Demokratie, die nicht zugleich Republik ist, gibt es zum Beispiel keinen Minderheitenschutz, denn die Mehrheit herrscht absolut, kann auch mit der Minderheit machen, was sie will. Mit den „ghetto blacks“ zum Beispiel.

Ferner müsse Demokratie, so Schmitt weiter, nicht Parteiendemokratie sein, ja überhaupt nicht parlamentarisch verfasst sein, denn aus ihrem genannten einzigen Prinzip, dem der Mehrheit, folge das alles nicht. Vielmehr könne der Demos auch mehrheitlich einen Duce, einen Führer, bestellen. Wobei dann auch noch zu klären bleibt, wer sich zum Demos zählen darf und wer nicht.

Demokratie? „Komnmt drauf an“

Wenn derart der Unterschied zwischen Demokratie und Antidemokratie bis zur Unkenntlichkeit verwischt wird, nimmt es nicht wunder, dass JD Vance auf die Frage, ob er für die Demokratie eintrete, antworten konnte: Das komme darauf an, was man darunter verstehe. Yarvin aber gab seinem Satz, er könne sich Vance als „König von Amerika“ vorstellen, etwas wie einen demokratischen Anstrich dadurch, dass er hinzufügte, Vance verkörpere ja schlechthin alle US-Amerikaner und repräsentiere sie insofern, als er einerseits in der untersten Schicht aufgewachsen sei und andererseits durch sein Universitätsstudium zur Elite aufgeschlossen habe. Das ist eine etwas andere Rechtfertigung, als Hitler sie sich gab: Hitler, der mit Sozialisten und Kommunisten konkurrieren musste, hätte sich mit einer Zurechnung auch zur Elite geschadet; aber auch er unterstrich seine niedrige Herkunft, zudem seinen Status als bloßer Gefreiter im Ersten Weltkrieg.

Was Vance als US-„König“ tun würde, gibt er heute schon zu erkennen: „Wie ein Tumor“, sagt er, müsse die noch vorhandene politische Elite aus der Zeit vor Trump aus dem US-amerikanischen Leben herausoperiert werden. An ihre Stelle soll eine „amerikanische politische Religion“ treten. Wenn wir alles zusammennehmen, müssen wir denen recht geben, die im hörenswerten Podcast des Deutschlandfunks über Peter Thiel zu Wort kommen, besonders in „Antichrist“, der sechsten und letzten Folge: Das wird eine Religion sein, die nicht bloß Gesinnung sein will, sondern sich als „Theokratie“ instituieren wird. Der mit Peter Thiel persönlich bekannte österreichische Theologe Wolfgang Palaver spricht von einem „Glaubensstaat, wo eine katholische Elite den Leuten vorschreibt“, was sie zu tun und zu lassen haben.

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Außenpolitisch würde Vance die USA nach Thiels Geheiß zum „Aufhalter“ des „Antichristen“ machen. Der Antichrist ist in Thiels Deutung jegliche Tendenz, die auf eine Weltregierung und deren Friedensversprechen zielt. Thiel denkt da an die UNO, aber auch an die EU, von der er befürchtet, ihr Prinzip des Staatenzusammenschlusses könnte der ganzen Welt zum Vorbild werden. Eine solche Weltordnung könnte ja eines Tages alle Tax-free-Schlupflöcher geschlossen haben, die es weltweit noch gibt.

Im April 2020 hat Vance seine Konversion zum Katholizismus bekannt gegeben. Mit dieser christlichen Konfession, überhaupt mit dem Christentum hat Vance’ Gedankenwelt zwar wenig zu tun, doch ist er da in den USA keine Ausnahme. In der Bewegung des „katholischen Integralismus“, der er sich zurechnet, hat er das Streben nach Theokratie schon vorgefunden, das übrigens genauso den Evangelikalismus beflügelt.

In Vance’ Denken gibt es Echos der Gnosis

Überhaupt wird man sagen dürfen, dass der eigentlich protestantische (puritanische) Evangelikalismus in den USA eine so starke Macht ist, dass er auch den Katholizismus des Landes hat infizieren können. Man hat ferner den gnostischen Zug in Vance’ Denken hervorgehoben. Die Gnosis bedroht das Christentum während dessen ganzer Geschichte: Sie lehrt, dass in einer verkommenen Welt nur einzelne göttliche Funken noch glimmen; wer sich als einen solchen erkennt, wird nur mit seinesgleichen und mit Gott Kontakt halten, aber so etwas wie ein Gemeinwesen – das über die Gemeinde der Funken hinausgeht – als Lüge oder Feind ansehen.

Wie die Evangelikalen die USA in einen Gottesstaat verwandeln wollen, und auch, welche Rolle Trump dabei zugedacht ist, wurde in einer kürzlich erschienenen Spiegel-Titelstory breit ausgeführt. Trump als „Heilsbringer“, ein „Mann, der zu ehelicher Untreue, Habgier, Lüge und Neid neigt und regelmäßig die Hälfte aller zehn Gebote missachtet“? Tatsächlich erhielt er bei der Präsidentschaftswahl 2024 die Stimmen von 81 Prozent aller weißen Evangelikalen. Das ist zwar eine seltsame Wahl, doch wie der Spiegel zitiert, „hatte der texanische TV-Prediger Lance Wallnau, einer der bestvernetzten Evangelikalen des Landes, schon 2016 geschrieben“, Trump als „Gottes Chaos-Kandidat“ „sei für einen ‚speziellen Zweck‘ vom Allmächtigen gesalbt worden“.

Unter Trump ist zum Beispiel der Evangelikale Pete Hegseth Kriegsminister geworden: ein Mann, „den Tätowierungen eines AR-15-Gewehrs, zweier gekreuzter Musketen, eines Jerusalemkreuzes und der Spruch ‚Deus vult̒“ (Gott will es) zierten, „mit dem mittelalterliche Kreuzfahrer einst in die Schlacht zogen“.

II.Auf dem Weg zum Mars

Warum das alles? Was für befremdliche Ideen – wo kommen sie her, warum werden sie gerade heute so mächtig? In den USA wenigstens vorerst, aber wer weiß, ob sie nicht auch nach Europa überschwappen? Und was sind das eigentlich für Ideen? Eine so starke Performance, kann es denn anders sein, als dass sie auf die gewaltige Kraft einer neuen oder neu sich Bahn brechenden Weltsicht verweist, einer grundstürzenden Philosophie, die es „in sich hat“ – auch wenn ihre derzeitigen Wortführer wie Thiel, Vance oder Yarvin nur imstande sind, sie bröckchenweise, wie einst die Vorsokratiker, zur Mitteilung zu bringen?

Aber vielleicht sind diese Ideen gar nicht so großartig. Nehmen wir etwa Nietzsche, der, wie oben zitiert, die Einzelnen ermutigt, „Räuber und Eroberer“ zu sein, „herrschen und besitzen“ zu wollen, wie es einem Peter Thiel ja gelungen ist und wovon sich ein JD Vance eine Scheibe abschneiden darf. So platt, wie es sich anhört, ist die Sache bei Nietzsche indessen keineswegs. Nietzsche philosophiert vielmehr aus dem Bewusstsein heraus, dass „Gott tot ist“ – „wir haben ihn getötet“, fügt er hinzu –, es also keinerlei Gründe für Moral mehr gibt außer solchen, die die Menschen selbst setzen, oder eher noch, zu denen sie sich bequemen.

Gott ist tot. Oder doch nicht?

Seine zitierten Worte bringen drastisch zur Sprache, wie gefährlich diese moralische Haltlosigkeit ist, an der aber nichts vorbeiführt, denn sie ist Conditio humana. Egal war Nietzsche die Moral deshalb nicht, ganz im Gegenteil, er beklagte, dass es keine bessere gab als die zu seiner Zeit vorhandene, die er für lebensfeindlich hielt. Neues musste entdeckt werden, dazu wollte er die Einzelnen, die Besten ermutigen, wie schon Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ die Einzelnen adressiert hatte.

Das ist nicht platt. Aber was bei Peter Thiel oder Curtis Yarvin so klingt, als könnte es von Nietzsche inspiriert sein, das ist platt. Da geht es wirklich nur um „Räuber und Eroberer“, kapitalistische Ausbeuter und, von ihnen angeheuert, politische Piraten, die sich die Staatsmacht unter den Nagel reißen.

Schon allein der Eklektizismus der gedanklichen Elemente, die sie zusammenrühren, spricht Bände. Wenn sie an Nietzsche erinnern, hält sie das nicht davon ab, den toten Gott doch wieder ins Feld zu führen. An diesem Mischmasch ist nur interessant, dass er an die Gedankenwelt des deutschen Nationalsozialismus erinnert, wo man sich auch schon auf Nietzsches Antichristentum und Carl Schmitts faschistische Deutung des Christentums gleichzeitig berief.

Endzeitfaschismus nennt das Naomi Klein

Eine gewaltige Kraft und, wenn man so will, authentische Gestalt des Weltgeistes ist die „dunkle Aufklärung“ aber dennoch; nur dass diese Kraft nicht geistig, sondern materiell, in den ökonomischen Verhältnissen, begründet ist. Mit dem Begriff „Endzeitfaschismus“ haben Naomi Klein und Astra Taylor – ihr Aufsatz ist zuerst im Guardian, dann in den Blättern für deutsche und internationale Politik erschienen – das neuartige Phänomen erhellend auf den Punkt gebracht: Die weltweit führenden Kapitalisten wie Peter Thiel, Elon Musk oder Mark Zuckerberg wissen besser als jeder andere, dass sie mit ihrer Produktionsweise die Erde zugrunde richten, aber statt innezuhalten, machen sie so weiter und sorgen nur dafür, dass sie selbst als Einzelne von dem Schaden, den sie anrichten, nicht oder weniger als die anderen betroffen werden.

Deshalb hat sich Zuckerberg einen fünf Quadratkilometer großen unterirdischen Bunker in Hawaii erbauen lassen, deshalb hat Thiel in Neuseeland riesige Flächen erworben. Deshalb investiert Thiel zudem in Ideologen, die seine verantwortungslose Selbstsucht als wahre menschliche Natur darstellen und den allgemeinen Zusammenbruch, den er und seinesgleichen kapitalistisch herbeiführen, zum übergeschichtlichen Plan Gottes verklären. Deshalb investiert Thiel außerdem in Politiker wie Vance, dessen Aufgabe es sein wird, mit irgendeiner „Religion“ die einfachen Leute in Schach zu halten, wenn alles in Scherben fällt und sie in die Scherben.

Und deshalb schließlich – diese Dimension muss nun auch noch zur Sprache kommen – stellt sich ein Elon Musk als Pionier einer Reise zum Mars dar. Er gaukelt damit den einfachen Leuten vor, es sei noch möglich, der irdischen ökologischen Katastrophe zu entfliehen, und imaginiert damit auch eine säkularisierte Himmelfahrt. Sie wird zugleich auch christlich gedeutet werden können. Passend dazu hat Peter Thiel geäußert, es habe seit der Mondlandung keinen wesentlichen Fortschritt mehr gegeben.

Am Ende wollen sie den Menschen als solchen hinter sich lassen

Hier müssen wir noch einmal auf Nick Land zurückkommen, der den Begriff der „dunklen Aufklärung“ geprägt hat. Er hat ihn auf Yarvin angewandt, aber auch auf sich selbst, seine eigene Vision, die über Yarvin weit hinausgreift. Auf Yarvin also gleichsam nur rückwirkend. „Land idealisiert Eugenik durch Gentechnologie“, berichtet Florian Heimhilcher in der FAZ: „Sein Ziel ist die ‚techno-wissenschaftliche Autoproduktion‘ anstelle einer evolutionären Vererbung. Land erscheint dadurch weniger als Rassist (obgleich er das auch ist) denn als jemand, der die ‚menschliche Rasse‘ hinter sich lassen will.“ Yarvin wäre dann, so Heimhilcher, „der Philosoph des praktischen Übergangs zu Realitäten, die Nick Land nur erträumt“.

Aber dieser Transhumanismus ist nicht wirklich Lands „eigene Vision“, es handelt sich vielmehr um eine seit Jahrzehnten an US-Universitäten gelehrte Anthropologie (wenn man es so nennen will), wonach der Mensch nur die evolutionäre Vorstufe zur KI-Maschine sei und von dieser liquidiert werde, sobald sie „superintelligent“ geworden sei. Der Sozialphilosoph André Gorz hat dieser Idee, die als faschistisch zu bezeichnen eine Untertreibung wäre – da selbst ein Hitler nicht alle Menschen ausrotten wollte, sondern nur bestimmte –, sein letztes Buch gewidmet: Wissen, Wert und Kapital; Gorz sah schon, dass sie, diese Idee, trotz ihrer Verrücktheit nicht etwa marginal war. Er wusste und zitierte, dass bestimmte „Wissenschaftler“ predigten, man müsse sich im Kampf ums Dasein auf die Seite der Maschine stellen, gegen den Menschen.

Transhumanismus ist die Kehrseite der genannten Raumfahrtfantasien, denn der Mensch ist zum Leben im Weltraum nicht geschaffen. Es ist unklar, bis wohin Yarvin und gar Vance vom wirklich „dunklen“, weltraumschwarzen Hintergrund ihrer Gedankenwelt eine Ahnung haben. Klar ist aber, dass sie geeignete Agenten des Übergangs auf dem Weg zum Transhumanismus wären, falls dieser erfolgreich beschritten wird. Denn wenn es gilt, eine Maschine ins „Leben“ zu rufen, ist Yarvins Staat als Aktiengesellschaft, mit dem allmächtigen CEO an der Spitze, in der Tat die geeignete Form, da Maschinen zu produzieren nun einmal Sache kapitalistischer Unternehmen ist. Und wenn es gilt, die Menschen auf ihre Abschaffung vorzubereiten, braucht es einen wie Vance, der sie zwingt und zugleich, mit seinem Scheinkatholizismus, ideologisch einlullt.

Eine Feinderklärung gegen die Gleichheit

Man muss sich den transhumanistischen Weg als eine „anonyme Strategie“ im Sinne des Philosophen Michel Foucault vorstellen. Einen Weg also, der nichts als ein großes Netz sich nur faktisch stützender Einzeltaktiken ist, deren jeweils bewusste Ziele die Gesamttendenz gar nicht verraten; nur hier und da werden sie auch einmal treffend benannt. Aber dass dieses Netz existiert, davon gibt es ein untrügliches Mal, das eben in dem besteht, was jedermann als Erstes sieht, wenn er oder sie die „dunkle Aufklärung“ zur Kenntnis nimmt: Das ist deren Feinderklärung gegen die Gleichheit der Menschen. Denn es ist logisch: Wer heute noch, 250 Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte, gegen die Gleichheit nicht nur handelt, sondern sie ausdrücklich und mit vollem Bewusstsein verneint, ist gegen den Menschen selbst.

Die Existenz dieses Netzes, das sich ausspannt hinter dem Rücken sogar seiner meisten Akteure, ist das zu Erklärende. Was zeigt sie uns denn, wenn nicht das Ende der kapitalistischen Produktionsweise? Die weltweit führenden Kapitalisten aus dem Silicon Valley, ihre Ideologen und politischen Handlanger sind die Ersten, die dieses Ende deutlich erkennen, unbewusst oder sogar bewusst. So bereiten die Topmilliardäre ihre private Flucht vor, ihre Politiker sollen die Bürger und Bürgerinnen im Zaum halten, wenn die einmal sehen, was gespielt wird, und ihre Ideologen suggerieren, dass das Ende des Kapitalismus ja nur das Ende der Welt sein könne. Deshalb reden sie vom Mars, als wäre die Erde schon verloren. Sie ist aber in Wahrheit nur dann verloren, wenn der Mensch nicht aufräumt mit diesem Spuk.

Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit gekommen, den Kapitalismus zu beenden, sich also für eine andere und bessere Produktionsweise zu engagieren, ja zu organisieren? Der Sozialismus, der sich für bezahlbare Wohnungen engagiert, bleibt richtig, reicht jetzt aber nicht mehr aus.