US-Tierärztin prangert drei schwerwiegende Fehler zwischen dieser Buckelwal-Rettung an
Obwohl sie als Spezialistin für Meeressäuger gilt, hat die US-Tierärztin Jenna Wallace aus Hawaii das Rettungsteam für den gestrandeten Buckelwal vor Poel wieder verlassen. Im Nachgang erhebt sie nun schwere Vorwürfe. Sie wolle „nicht verantwortlich gemacht werden oder meine tierärztliche Zulassung riskieren wegen einzelner Personen“, begründete sie ihren Ausstieg in einem Interview mit dem NDR.
Drei schwerwiegende Fehler haben nach ihrer Darstellung dazu geführt, dass der Buckelwal erneut auf eine Sandbank geriet.
1. Verlorenes Zeitfenster
Der erste und aus Wallaces Sicht entscheidende Fehler ereignete sich bereits am Morgen des Rettungsversuchs. In einer Phase, in der der Wal aktiv war und sich bereits einmal selbst befreit hatte, sei wertvolle Zeit ungenutzt verstrichen, dadurch sei ihnen die vermutlich einzige „Chance einfach durch die Finger geglitten“, sagte sie in einem Interview dem NDR.
Konkret macht Wallace Sergio Bambaren, einen selbst ernannten „Wal-Flüsterer“, dafür verantwortlich. Dieser habe den Einsatz gestoppt, obwohl das Zeitfenster sehr knapp gewesen sei: „Sergio entschied, allen zu sagen, sie sollen stoppen und nicht in die Boote gehen“, sagte sie dem NDR.
Nach Wallace Einschätzung war diese Verzögerung jedoch fatal, denn gerade in dieser Phase hätte der Wal gezielt und kontrolliert in Richtung tieferes Wasser begleitet werden können.
2. Fehlverhalten auf dem Wasser
Der zweite, besonders gravierende Punkt betrifft das Verhalten einzelner Beteiligter während des Einsatzes auf dem Wasser. Wallace macht hier hauptsächlich den Aktivisten Danny Firstklaas verantwortlich. Dieser sei, als der Wal sich bewegte, mit einem Boot parallel zum Tier gefahren und habe ihn dadurch in die falsche Richtung gelenkt, ins flache Wasser.
„Er hat ihn zurück in die Bucht geführt“, sagte sie dem NDR. Wallace beschreibt, dass ihr eigenes Boot ständig habe gegensteuern müssen, um diese Bewegung zu korrigieren. Wallace veröffentlichte mehrere Fotos in ihrer Instagram-Story, um ihre Vorwürfe zu untermauern.
Einer der Beteiligten sei „mehr damit beschäftigt gewesen, sich selbst zu filmen“, heißt es auch in ihrem Statement, das sie in den sozialen Medien veröffentlichte. Dabei habe der Propeller seines Bootes zudem fast die Fluke des Wals überfahren. So sei die „erste echte Chance auf Freiheit“ des Wals „direkt vor meinen Augen zunichtegemacht“ worden, schreibt sie in den sozialen Medien.
3. Mangelnde Koordination und interne Konflikte
Als dritten zentralen Fehler nennt Wallace strukturelle Probleme – verschärft durch interne Spannungen. Abgesehen davon, dass Politiker Entscheidungen treffen würden, fehlt es aus ihrer Sicht innerhalb des Teams an klarer Koordination, mit Meeressäugern erfahrenem Personal und funktionierender Teamführung. Deshalb sei man ständig damit beschäftigt gewesen, Fehler auszugleichen, statt den Wal aus der Bucht zu führen. Es war, „als wollten sie, dass alles scheitert“, heißt es in der Begründung.
Zudem berichtet sie, Sergio Bambaren habe am Vortag der Rettungsmission „einen so schlimmen Ausbruch“ gehabt und einige Teammitglieder vor allen beschimpft – obwohl der Minister kurz zuvor noch in unmittelbarer Nähe gewesen sei. „Dreimal hatte ich das Gefühl, dass Sergio die gesamte Rettungsaktion gefährdet hat“, schreibt sie.
Dazu postete sie auch ein Statement von „Dolphin Films & Books“, eine Medienplattform von Sergio Bambaren, auf der er als Bestsellerautor und Redner beschrieben wird und nach eigener Aussage Filmprojekte realisiert. Darin heißt es: „Sergio Bambaren wird sich nicht an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Sein Fokus bleibt klar und unerschütterlich: die bestmögliche Unterstützung für den Wal zu leisten.“
Wie stehen die Chancen für den Wal?
Trotz ihrer massiven Kritik sieht Wallace das Tier, das einige „Timmy“, andere „Hope“ nennen, nicht verloren. „Ich denke immer noch, dass er eine Chance hat. Er hat der Welt das Gegenteil bewiesen, er hat den Experten das Gegenteil bewiesen“, sagte sie dem NDR.
Der Wal sei „ein Kämpfer“ und habe sich bereits zweimal selbst befreien können. Zwar sagten Lehrbücher, er habe „keine Chance“, doch eine konkrete Prognose lehnt sie ab: „Ich werde keine Zahl nennen – jedes Tier und jede Situation ist unterschiedlich.“ Entscheidend sei, dass der Wal zuletzt stark gewirkt habe: „Seine Atemzüge waren gut, er war stark.“
Die private Rettungsinitiative hatte trotz der Rückschläge angekündigt, sich weiterhin um den Wal zu bemühen. Derzeit arbeiten Bagger daran, ihm eine Art Mulde zu graben, weil der Wasserstand sinkt.
Die Behörden und mehrere von diesen hinzugezogene Experten aus dem In- und Ausland gaben die Hoffnungen für das Tier dagegen bereits auf. Wiederholte Strandungen gelten als sicheres Anzeichen für gravierende Probleme des Tieres. Dazu kommen demnach etwa potenzielle Folgeschäden an inneren Organen durch das lange Liegen im Flachwasser sowie gravierende Hautprobleme, die durch den niedrigen Salzgehalt des Ostseewassers verursacht werden.
Source: welt.de