US-Militärkosten steigen: Der 200 Milliarden-Dollar-Krieg
„Offensichtlich kostet es Geld, die bösen Typen zu töten“, sagte Amerikas Kriegsminister Pete Hegseth während einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche. Das Pentagon, dessen Jahresetat eine Billion Dollar umfasst, will nach übereinstimmenden Medienberichten zusätzliche 200 Milliarden Dollar vom Kongress bewilligt bekommen.
Dies ist selbst für amerikanische Verhältnisse eine so gewaltige Summe, dass der demokratische Senator Chuck Schumer beunruhigt reagierte: „Eines muss klar sein: Wenn Trump 200 Milliarden Dollar will, dann glaubt er offenbar, dass wir sehr, sehr lange in einem Krieg mit Iran sein könnten.“ Es könnten auch etwas weniger sein, sagte wiederum Minister Hegseth beschwichtigend.
Der Mathematik dieses asymmetrischen Krieges mit Iran kann aber auch er nicht entkommen. „Eine iranische Shahed-Drohne kostet rund 50.000 Dollar. Um sie abzuschießen, nutzen Länder oft Raketen, die bis zu 4 Millionen Dollar kosten“, rechnete der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj gerade dem britischen Parlament vor.
Die Zolleinnahmen fehlen – und Gerichtsverfahren laufen
Die Lehre aus Konflikten lautet überdies, dass Kriege für die Vereinigten Staaten schnell sehr teuer werden und dass verantwortliche Politiker ihre Kosten notorisch unterschätzen. Abraham Lincolns Finanzminister schätzte die direkten Kosten des amerikanischen Bürgerkriegs, der von 1861 bis 1865 dauerte, für den Norden auf 240 Millionen Dollar; das entsprach damals etwa 7 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts.
Tatsächlich beliefen sich die Kosten für den Norden am Ende auf 3,2 Milliarden Dollar – also auf etwa das Dreizehnfache der ursprünglichen Schätzung, wie der Ökonom und Nobelpreisträger William Nordhaus in einer Untersuchung zeigt. Die Gesamtkosten des Vietnamkriegs unterschätzte das Pentagon seiner Studie zufolge um 90 Prozent. Und dabei sind nur die direkten Kosten berücksichtigt – Inflation und wirtschaftliche Instabilität als indirekte Folgekosten blieben außen vor.
Die aktuelle Forderung des Pentagons trifft den amerikanischen Bundeshaushalt in einer Phase großer Anspannung. Seit der Supreme Court die sogenannten Liberation-Day-Zölle für verfassungswidrig erklärt hat, fällt nicht nur eine wichtige Einnahmequelle weg. Die Bundesregierung hat nach Schätzung des Congressional Budget Office (CBO) rund 150 Milliarden Dollar zu viel von Importeuren kassiert, von denen viele nun auf Rückerstattung klagen, nebst Zinsen. Die neuen Zölle, die Trump zur Kompensation der Ausfälle erlassen hat, werden ebenfalls vor Gericht angefochten – von demselben Team übrigens, das die Liberation-Day-Zölle zu Fall gebracht hat.
4 Dollar für eine Gallone Benzin
Das trifft eine US-Regierung, die sich ohnehin eines der höchsten Defizite in Friedens- und Nichtkrisenzeiten erlaubt. Nach den Projektionen des CBO beträgt das Defizit im Bundeshaushalt im Fiskaljahr 2026 rund 1,9 Billionen Dollar und steigt bis 2036 auf 3,1 Billionen Dollar. Das entspricht grob gerechnet 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kriegskosten sind in diesen Projektionen nicht berücksichtigt. „Es ist höchst ungewöhnlich, Defizite in der Größenordnung, wie wir sie derzeit verzeichnen und künftig erwarten, außerhalb einer Rezession zu fahren“, sagte die Ökonomin Martha Gimbel, Mitgründerin des Yale Budget Lab, kürzlich in einer Kongressanhörung. Die staatliche Kreditaufnahme treibt die Zinsen für Unternehmen und Familien. Die Beschlüsse des Kongresses seit dem Jahr 2015 kosten einen typischen Haushalt, der ein Hypothekendarlehen aufnimmt, rund 2500 Dollar zusätzlich im Jahr, rechnet Gimbel vor.
Die Anleger an den Finanzmärkten haben Ende der vergangenen Woche ebenfalls besorgt reagiert – amerikanische Staatsanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit weisen inzwischen eine Rendite von 4,4 Prozent auf, deutlich mehr als noch vor wenigen Wochen.
Der militärische Konflikt mit Iran verursacht überdies indirekte Kosten, die an Amerikas Tankstellen am sichtbarsten werden. Der durchschnittliche Preis für die Gallone Benzin nähert sich der Marke von 4 Dollar und liegt damit rund 1 Dollar höher als noch vor einem Monat. Die amerikanische Rohölsorte WTI wurde am Freitag mit 96 Dollar je Fass gehandelt, rund ein Drittel mehr als vor dem ersten Militärschlag. Für die europäische Rohölsorte Brent wird mit 105 Dollar sogar noch deutlich mehr gezahlt.
Amerikas Ölunternehmen verdienen prächtig
Zwei Entwicklungen haben allerdings in den vergangenen Jahren die Verwundbarkeit der amerikanischen Wirtschaft gegenüber hohen Öl- und Gaspreisen gemildert. Seit dem Jahr 2023 sind die USA Nettoexporteur von Öl und verflüssigtem Erdgas. Die Fracking-Revolution, der Aufbau von Exportterminals und die Aufhebung des langjährigen Exportverbots für Energierohstoffe haben die Vereinigten Staaten neu positioniert. Während Konsumenten unter den höheren Preisen leiden, profitieren amerikanische Produzenten von der Entwicklung. Das spiegelt sich auch in den Aktienkursen amerikanischer Öl- und Gasunternehmen, die seit Kriegsbeginn um etwa 20 Prozent gestiegen sind.
Hinzu kommt, dass die USA – wie die meisten führenden Industrienationen – weit weniger abhängig vom Öl sind als in den siebziger Jahren während der Ölkrisen. Industrie und Verkehr sind energieeffizienter geworden, der Anteil energieintensiver Branchen an der Volkswirtschaft sinkt.
Prognostiker an der Wall Street schätzen, dass der aktuelle Anstieg der Energiepreise das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten im zweiten Quartal um weniger als einen halben Prozentpunkt verringern wird. Zum Vergleich: Der sechswöchige Regierungsstillstand im vergangenen Herbst hat die amerikanische Wirtschaft mehr Wachstum gekostet. Derzeit beträgt das Wirtschaftswachstum in den USA rund 2 Prozent. Trumps Wirtschaftsberater Kevin Hassett gibt sich deshalb gelassen: „Wenn sich der Krieg ausweiten oder verlängern sollte, würde das die amerikanische Wirtschaft insgesamt wohl kaum stark beeinträchtigen. Die Verbraucher würden darunter leiden, und wir müssten überlegen, was wir dagegen tun können. Aber das ist im Augenblick wirklich unsere geringste Sorge.“
Die Kalkulation verändert sich allerdings, wenn der Krieg noch deutlich länger dauert oder die Energiepreise dramatisch steigen. Im Februar 2002 prägte der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den Satz: „Es gibt bekannte Bekannte; also Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannte gibt; das heißt, wir wissen, dass es einige Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte – also jene Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“
Der amtierende Notenbank-Präsident Jerome Powell lieferte in dieser Woche seine eigene Variante davon, als er sagte: „Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten größer sein, sie könnten kleiner sein, sie könnten deutlich kleiner oder deutlich größer ausfallen. Wir wissen es einfach nicht – und ehrlich gesagt weiß das niemand.“