US-Angriff hinaus Iran?: Was geschieht, wenn Khamenei getötet wird
Donald Trumps Sondergesandter Steve Witkoff hat in einem Interview geschildert, wie der amerikanische Präsident auf die Atomverhandlungen mit Iran blickt. „Er fragt sich, warum – ich will nicht das Wort ‚kapituliert‘ benutzen, aber – warum sie nicht kapituliert haben“, sagte Witkoff am Wochenende im Sender Fox News. Trump frage sich, warum Iran trotz der geballten Militärmacht, die er in die Region entsandt hat, nicht auf amerikanische Forderungen eingehe.
Aus Teheraner Sicht scheint die Antwort klar: Der Oberste Führer Ali Khamenei betrachtet die Forderungen aus Washington, vor allem den völligen Verzicht auf Urananreicherung und die Beschränkung der Reichweite iranischer Raketen, tatsächlich als Aufforderung zur Kapitulation. Darin sieht Khamenei eine größere Gefahr für den Systemerhalt der Islamischen Republik als in begrenzten Militärschlägen.
In Teheran glaubt man, zu große Zugeständnisse in den Verhandlungen würden in Amerika als Schwäche ausgelegt und als Einladung, das Regime nur noch weiter in die Enge zu treiben. Die Zeitung „Etemod“ fasste die Erwartungen der Strategen in Teheran an eine militärische Auseinandersetzung mit Amerika so zusammen: „Es wird wahrscheinlich eine begrenzte, schnelle Konfrontation, weil Donald Trump nicht geneigt ist, sich so kurz vor den Zwischenwahlen in den USA auf einen groß angelegten Krieg mit regionalen und internationalen Konsequenzen einzulassen.“ Eine Konfrontation also, die Teheran trotz der militärischen Übermacht der Vereinigten Staaten glaubt, überstehen zu können.
Die Lehre aus dem Zwölftagekrieg
Die „New York Times“ berichtete am Sonntag unter Berufung auf iranische Regimevertreter darüber, wie sich Teheran auf eine mögliche Konfrontation vorbereitet. Demnach soll Khamenei für den Fall, dass er selbst getötet werde, den Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Ali Laridschani, damit beauftragt haben, das Überleben des Regimes zu sichern. Zudem habe Khamenei jeweils vier aufeinanderfolgende Nachfolger für jedes von ihm ernannte Mitglied der politischen und militärischen Führung bestimmt.
Auch habe der Oberste Führer Entscheidungsbefugnisse an einen engen Kreis an Vertrauten delegiert, für den Fall, dass er getötet werde oder nicht erreichbar sei. Damit reagiert Khamenei einerseits auf die Erfahrungen des Zwölftagekriegs mit Israel im vergangenen Juni, in dem innerhalb der ersten Stunden etliche Militärführer und Atomwissenschaftler getötet wurden. Zum anderen sendet Teheran die Botschaft an Donald Trump, dass er sich irre, wenn er glaube, mit militärischen Mitteln einen Regimewechsel erzwingen zu können. Zuvor hatten amerikanische Medien berichtet, zu den Optionen, die das Pentagon Trump vorgelegt habe, zähle die Tötung Khameneis und seines Sohns Modschtaba, der als möglicher Nachfolger gilt.
Weitere Optionen sind demnach Angriffe auf Atomanlagen sowie auf Raketenstellungen und Fabriken zur Raketenproduktion. Als Vergeltung droht Iran, amerikanische Soldaten auf Stützpunkten in der Region zu töten sowie Israel und Ölanlagen amerikanischer Verbündeter wie Saudi-Arabien zu attackieren. Darüber hinaus bedroht Teheran den Tankschiffverkehr in der Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Ölhandels abgewickelt wird. Das Kalkül: die politischen Kosten für Donald Trump in die Höhe zu treiben, um ihn zu zwingen, es bei einem begrenzten Militäreinsatz zu belassen. Aus Teheraner Sicht ist das die Lehre aus dem Zwölftagekrieg im Juni, von dem Iran glaubt, Trump habe ihn beendet, weil iranische Raketen Israel empfindliche Schläge zugefügt hätten.
Neue Proteste an Universitäten
Im Fall eines Krieges muss die Führung in Teheran damit rechnen, dass auch Regimegegner im Innern versuchen könnten, die Gunst der Stunde zu nutzen. Laut der „New York Times“ gibt es Pläne für den Einsatz von Spezialeinheiten der Polizei und der Geheimdienste sowie von Basidsch-Milizen gegen Unruhen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Khamenei iranische Demonstranten abermals als Handlanger israelischer und amerikanischer Geheimdienste betrachten und gnadenlos bekämpfen lassen würde.

Am Wochenende zeigte sich, dass die Wut in der Bevölkerung so groß ist, dass manche Iraner sich trotz der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen im Januar nicht von neuen Protesten abschrecken lassen. An fünf Universitäten in Teheran und einer in Maschhad gab es zu Semesterbeginn Kundgebungen gegen das Regime und vereinzelt Zusammenstöße mit Basidsch-Milizionären. In den Tagen zuvor hatten Trauernde im ganzen Land Zeremonien für getötete Demonstranten in Szenen des zivilen Ungehorsams verwandelt, indem sie tanzten, sangen und ein Ende des Regimes forderten.
Trotz der immensen amerikanischen Militärpräsenz in der Region – allein auf dem Militärstützpunkt Muwaffaq Salti in Jordanien wurden mehr als 60 Kampfflugzeuge stationiert – hat Trump das Fenster für Verhandlungen mit Iran noch nicht geschlossen. Am Donnerstag sagte er, man werde „wahrscheinlich innerhalb der nächsten zehn Tage herausfinden“, ob es zu einem „Deal“ komme oder nicht. Irans Außenminister Abbas Araghchi kündigte an, sein Land werde einen „Entwurf für eine mögliche Vereinbarung“ bis spätestens diesen Montag fertigstellen. Trump bestätigte, er erwäge einen begrenzten Militärschlag, um Teheran zu einem Abkommen zu zwingen. Das Ergebnis könnte das Gegenteil sein. Khamenei sagte: „Wenn sie einen Krieg starten, wird es diesmal ein Regionalkrieg sein.“
Source: faz.net