Unterwegs im Donbass: Wenn jener kleinste Fehler tödlich enden kann

Soldatet startet im Donbass Drohne.


Reportage

Stand: 24.02.2026 • 17:34 Uhr

Eben noch Zivilist – und dann für den Verteidigungskrieg mobilisiert, auf unbestimmte Zeit. Wie gehen ukrainische Soldaten mit dem Kriegseinsatz, seinen Herausforderungen und Gefahren um? Eine Fahrt in den Donbass.

In einem Waldstück, nicht weit entfernt von der Front im Donbass im Osten der Ukraine, haben ukrainische Soldaten versteckt zwischen Bäumen ein Feldlager errichtet. Tarnnetze hängen über Militärgerät zwischen Ästen, Schnee überdeckt die Zelte und bietet zusätzliche Deckung.

Das Lager dient als Rückzugsort für Soldaten, die an vorderster Front im Einsatz waren und als Trainingslager für kürzlich mobilisierte Soldaten.

Gute Tarnung sichert ihr Überleben: Im Donbass errichten ukrainische Soldaten einen Schutz gegen russische Angriffe.

In einem der Zelte trifft man Denys Losynskyj. Vor dem Krieg hat er in einem Telekommunikationsunternehmen gearbeitet; heute kümmert er sich um die psychologische Betreuung der Neuankömmlinge. Das sei oft besonders hart, sagt er, „weil wir die Männer in kürzester Zeit darauf vorbereiten müssen, in den Krieg zu ziehen“.

Fast jeder der Neuankömmlinge hier sei vorher „gewöhnlicher Zivilist“ gewesen. „Sie haben noch nie Schießpulver gerochen, haben keine Kampferfahrung.“ Am Vortag seien sie noch zu Hause gewesen und nun hier.

Für viele Männer sei die Mobilisierung insbesondere in den ersten Wochen ein Schock. Viele würden fragen: „Warum ich? Warum nicht ein anderer?“, sagt Losynskyj. Der 55-Jährige rät ihnen dann, sich lieber schnell daran zu gewöhnen, lieber die kurze Vorbereitungszeit für die Front zu nutzen, möglichst viel zu lernen. „Hier muss man oft sehr hart mit Menschen arbeiten, weil es nur eine sehr kurze Zeit gibt, in der eine Person sich innerlich darauf einstellen muss, in den Krieg zu ziehen“, sagt er.

Wissen um die Todesgefahr

Die Lage an der Front im Donbass ist besonders schwierig. Russland rückt zwar langsam und unter extrem hohen eigenen Verlusten, aber dennoch kontinuierlich weiter vor. Und auch die Zahl der Opfer auf ukrainischer Seite sei hoch, sagen viele Soldaten, die man während der Reise durch den Donbass trifft.

Allen im Feldlager zwischen den Bäumen ist das bewusst. Fast niemand hier sagt, dass er sich freiwillig gemeldet habe, sie seien von der Straße weg mobilisiert worden.

So auch Dmytro. Der 41-Jährige erzählt, dass er noch bis vor kurzem Kranführer in der südostukrainischen Stadt Saporischschja gewesen sei. Die Trainer hier im Vorbereitungscamp seien gut, sagt er, viele würden Erfahrungen aus dem Gefechtsfeld mitbringen. Doch er betont auch: „Wir waren Zivilisten, alles hier ist neu für uns.“ Es gebe zu viele Informationen. „Nicht alles versteht man sofort, auch wenn wir es versuchen.“

Wo er nach den wenigen Wochen Ausbildung eingesetzt werden wird, ist nicht klar. Die meisten hier werden wohl bald als Infanteristen an vorderster Front kämpfen, einige wenige als Drohnenpiloten im Feld.

In kurzer Zeit müssen die Rekrutierten viel über den Krieg lernen – was sie mitnehmen, kann ihr Überleben sichern.

Welchen Unterschied neue Technik macht

Die Fahrt geht nach Kramatorsk. Die Stadt steht nahezu permanent unter Beschuss. Drohnen, Raketen und Fliegerbomben – russische Truppen attackieren hier mit fast allem, was sie aufbieten können. Die Stadt ist längst zu einer Frontstadt geworden.

In einem versteckten Keller treffen wir Wiktor und seine Einheit. Tag und Nacht reparieren und verbessern sie Drohnen, präparieren sie für Kameraden im Feld.

„Man könnte sagen, dass der Krieg zu einem Krieg der Technologien geworden ist“, sagt Wiktor. „Wer über mehr Technologie, Ressourcen und Mittel verfügt, kann bestimmte Spezialoperationen durchführen, was an der Front einen deutlichen Unterschied macht.“

Russland sei ein starker Feind. Nur ein Tag ohne neue Entwicklungen könne dazu führen, dass russische Soldaten einen Vorsprung erhielten.

Noch vor sieben Monaten, erzählt der 29-Jährige, habe er in einer Elektrowerkstatt gearbeitet. Die Arbeit sei ähnlich, aber der Druck hier sei belastend – „weil man sich bewusst ist, dass man Dinge tut, die sich auf das Leben und die Arbeitsqualität der Piloten im Feld auswirken.“

Jedes Missgeschick, jeder noch so kleine Fehler könnte für seine Kameraden tödlich enden. „Nach einem Fehler sitze ich da und durchlebe eine ganze Bandbreite an Emotionen, weil ich immer denke, dass alles meine Schuld war.“

Bei der Reparatur und Weiterentwicklung der Drohnen kommt es auf jeden Tag an. Deshalb arbeiten die Soldaten in der Werkstatt im Donbass unter hohem Zeitdruck.

Eingekesselt, ohne Aussicht auf baldige Hilfe

Wie wichtig es ist, dass die Technik funktioniert, davon berichten Dmytro und Denys. Das Treffen findet in einem geheimen Rückzugsort statt, nicht weit von der Drohnenreparturwerkstatt entfernt. Dort versuchen sie, ein wenig auszuruhen. Ihr letzter Einsatz an vorderster Front sei besonders furchtbar gewesen.

130 Tage – mehr als vier Monate – seien sie mitten im Gefechtsfeld gewesen. Russische Soldaten hätten ihre Stellung eingekesselt, erzählt Dmytro, und der Kommandant habe ihnen über Funk gesagt, dass er sie nicht herausholen könne. Sie müssten ausharren – einen Monat, vielleicht zwei. Erst wenn die eigenen Drohnenpiloten den Weg freigekämpft hätten, könne man sie evakuieren.

In dieser Zeit seien sieben russische Soldaten in ihren Unterschlupf eingedrungen und hätten versucht, ihn einzunehmen. Alle sieben hätten sie töten müssen, aus nächster Nähe. „Ich habe meine Familie in dieser Zeit extrem vermisst“, sagt Denys. Er habe nur einen Gedanken gehabt: überleben und nach Hause zurückkehren.

Auch Dmytro berichtet, ihn habe der Gedanke an seine Eltern, seine Geschwister nicht losgelassen. In den 130 Tagen im Schützengraben hätten sie sich gegenseitig gestützt. Sie seien nie gleichzeitig verzweifelt gewesen. Einer habe den anderen aufgefangen.

Rund vier Monate saßen Dmytro und Denys im Schützengraben – da russische Soldaten sie umzingelt hatten, gab es für sie lange keine Chance auf ein Entrinnen (Bildquelle: Ukrainische Armee).

Traumatische und prägende Erfahrungen

Ganz zur Ruhe kommen sie auch jetzt nicht. Am Abend eine weitere Begegnung, diesmal in einem Kommandoposten. Denys steuert einen Bodenroboter, der eigentlich für den Nachschub gedacht ist. Dann kommt der Funkspruch: Auf dem Rückweg sollen sie einen gefallenen Kameraden bergen. Eine Woche lang hätten andere Soldaten mit dem Toten im Schützengraben ausharren müssen. Wegen des Dauerbeschusses sei niemand zu ihm durchgekommen.

Denys ist dankbar, dass er so etwas noch nicht erleben musste. Einmal hätten zwei tote Russen in unmittelbarer Nähe gelegen. Allein der Geruch sei kaum auszuhalten gewesen, aber wegen der permanenten Angriffe habe es keine Möglichkeit gegeben, ihm zu entgehen. Der Krieg, das ist ihm bewusst, hat ihn, wie Hunderttausende andere Soldaten, für immer verändert.

In einem Feld trainieren Drohnenpiloten. Sie leiten hier, nahe der Front, ständig neue Kameraden an. Drohnenpilot Anatolij weiß, dass vor allem junge Leute gebraucht werden. Denn für Menschen ab 45 Jahren sei es schwieriger, die Technik zu beherrschen. „Für sie ist es einfacher, ein Maschinengewehr zu nehmen und loszulegen, als all diese technischen Funktionen zu lernen“, sagt er.

Viele hier hoffen auf Unterstützung aus dem Westen und fragen sich zugleich, warum sie nicht ausreichend und oft nur langsam ankommt. Zu viele gute Menschen, Freunde, Kameraden seien in diesem Krieg getötet worden, sagt Andrij. Dieser Krieg dauere längst zu lange. „Ich verstehe nicht, warum sich nicht alle Länder einfach einmal zusammensetzen und sagen können: ‚Genug ist genug!‘ So etwas muss nicht in Europa sein, es muss nicht 2026 sein. Das ist verrückt.“

Die westlichen Partner müssten darüber nachdenken, sagt er. „Denn wenn es hier bei uns endet, wird es woanders beginnen. Und es wird keinen Frieden geben. Die Russen wollen keinen Frieden, sie brauchen ihn nicht.“

Kleine Momente, die helfen

Einige Kilometer weiter östlich an der Front, im versteckten Feldlager, versuchen die Männer, ein Stück Alltag zu bewahren. In einem Zelt schneidet Jewhen Haare. Er ist Kommandeur einer Aufklärungseinheit, vor Russlands Großangriff aber sei er Friseur gewesen. Heute ist es sein Hobby und eine Möglichkeit, für einen Moment Normalität herzustellen. „Das hilft mir, mich ein wenig abzulenken, ein wenig zu mir zu finden“, sagt er. Seit fast drei Jahren ist der 30-Jährige in der ukrainischen Armee. Seinen alten Beruf vermisse er.

Sein Kamerad Iwan sitzt auf einem Hocker. Für ihn sei das mehr als nur ein Haarschnitt. „Je gepflegter ich aussehe, desto besser ist die Stimmung“, sagt er. Kleine Dinge, die helfen, durchzuhalten.

Denn vier Jahre nach Russlands Großangriff auf die Ukraine zeichnet sich kein Ende dieses Krieges ab. Viele Soldaten sind müde, erschöpft, traumatisiert. Eine echte Rotation, eine Möglichkeit, auszuruhen, gibt es kaum.

Doch sie machen weiter. Im Feldlager, in Kellern, an der Front. Würden sie aufhören, ihr Land zu verteidigen, das sagen sie immer wieder, würden sie aufhören zu existieren.

Schon ein Haarschnitt kann eine kleine Unterbrechung des kriegerischen Alltags darstellen und für einen Moment trübe Gedanken vertreiben.

Source: tagesschau.de