Universal-Music-Europachef: „Wer Musik nutzen möchte, muss eine Lizenz hierfür nach sich ziehen, ganz leicht“

Herr Briegmann, in den Jahrescharts war Universal gerade breit vertreten. Wie fällt Ihr persönliches Fazit für 2025 aus?

Aus Universal-Sicht fällt es sehr gut aus. Wir haben mit unserer Künstlerin Taylor Swift die Auszeichnung „Album des Jahres“ und mit unserem Künstler Oimara den Titel „Single des Jahres“ erreicht, auch das erfolgreichste Album eines nationalen Artists stammt aus unserem Haus. Jede zweite Top-10-Single und sogar sieben der zehn erfolgreichsten Alben des Jahres kommen von unseren Künstlern, das ist ein großartiger Erfolg! Besonders stolz bin ich dabei auf die große Bandbreite: Wir hatten mit Jazeek, Zah1de und Berq Newcomer, die enorm erfolgreich waren, richtige „Breakthrough-Artists“. Und natürlich waren auch unsere großen, etablierten Acts wie Billie Eilish, Sarah Connor, Herbert Grönemeyer oder Helene Fischer mit ihren Alben in den Charts vertreten.

Wie sieht es finanziell aus? Zum Halbjahr war der deutsche Markt für Musikaufnahmen nur um 1,4 Prozent gewachsen.

Wir bleiben zuversichtlich, dass der deutsche Musikmarkt weiterhin Wachstumspotenzial hat. Denn wir sind noch lange nicht an einem Punkt angekommen, an dem wir eine Sättigung der Streamingabonnements in der Bevölkerung sehen. Außerdem stellen wir gerade die Weichen für einen lizenzierten KI-Markt.

Spotify ist mit Preiserhöhungen vorgeprescht. Erwarten Sie, dass auf dem Feld nächstes Jahr mehr passiert?

Letztendlich liegt die Preisgestaltung für den Konsumenten in den Händen der Plattformen, nicht in unseren, auch wenn wir unsere Großhandelspreise in Verhandlungen mit den Plattformen festlegen. Unsere Marktforschungen zeigen, dass beim Preis für Musik angesichts des starken Wertversprechens von Musik-Abonnementdiensten prinzipiell noch Luft nach oben ist. Videostreamingdienste oder auch TV-Abos für Sportfans sind längst auf einem ganz anderen Level und ich gehe davon aus, dass Audio-Streamingportale dieses Potential auch erkennen und nutzen werden.

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Sie sind für ganz Europa verantwortlich. Welche Trends sehen Sie in den anderen Märkten?

Natürlich gibt es länderspezifische kreative Strömungen. Lokale Kultur drückt sich immer auch in Musik aus. Von der Businessseite betrachtet, sind die jeweiligen Parameter ähnlich. Da geht es darum, wie weit das Streaming in den einzelnen Märkten vorangeschritten ist, wie viele Menschen wir noch mit einem Abo erreichen können, und – das ist auch wieder eine kulturelle Frage – wer eigentlich in welchem Land auf welcher Plattform konsumiert? Während wir zum Beispiel in Italien eine sehr hohe Nutzung von werbebasierten Diensten sehen, dominiert in Schweden ganz klar das Abo-Geschäft. Darauf müssen wir uns entsprechend einstellen. In Osteuropa sehen wir übrigens ein dynamisches Marktwachstum, da immer mehr Nutzerinnen und Nutzer den Weg vom werbefinanzierten zum bezahlten Musik-Streaming finden. Hier sind wir weit von einer Marktsaturierung entfernt.

Stichwort Europa: Die EU-Kommission hat Bedenken bezüglich der geplanten 775 Millionen Dollar-Übernahme des Musikunternehmens Downtown angemeldet. Indie-Verbände warnen schon länger vor einer zu großen Machtfülle Universals. Geht der Deal noch durch?

Zu dem Verfahren selbst kann ich nichts sagen. Aber grundsätzlich glaube ich, dass man sich die Sachlage einmal differenziert anschauen muss. Es ist ja so: Künstlerinnen und Künstler haben eine vielfältige Auswahl nicht nur an Labels, sondern auch an Vertrieben. Universal Music bietet heute über die Sparte Virgin Music Dienstleistungen für unabhängige Künstlerinnen und Künstler an. Diese nutzen Virgin für die Distribution ihrer Veröffentlichungen, behalten dabei aber alle Rechte an ihren Aufnahmen. Downtowns Kernangebot besteht ausschließlich aus der Dienstleistung Vertrieb. Wir sind überzeugt, dass die Kombination unserer Sparte Virgin und Downtown ein verbessertes Service-Portfolio für Indie-Artists und Labels im wachsenden und hart umkämpften Bereich der Vertriebsangebote und Label-Services schaffen wird. Das ist ein Angebot, um Indie-Artists und Indie-Labels dabei zu unterstützen, ihre kommerziellen und kreativen Ziele zu erreichen. Aus unserer Perspektive stellt die Downtown-Übernahme daher überhaupt kein Problem für den Markt dar. Wer will, kann einfach einen von über 100 anderen Vertrieben wählen.

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Auf dem Gebiet KI herrscht in der Branche mehr Einigkeit. Wenn Sie KI-„Künstler“ wie The Velvet Sundown oder Breaking Rust hören, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Wenn ich solche KI-Musik höre, denke ich zuerst an ein grundlegendes Problem: Diese Werke entstehen mit Tools, die auf unlizenzierte Weise geschützte Musikkataloge für ihr Training nutzen. Sie greifen also auf die kreative Arbeit echter Artists zurück, ohne irgendeine Form von Zustimmung oder Vergütung. Das ist nicht nur unfair, es verstößt gegen geltendes Urheberrecht. Und um das klarzustellen: Medienberichte, wonach diese „Künstler“ die Charts dominieren, sind völlig unzutreffend. Die Tatsache, dass ein Act kurzfristig durch mediale Berichterstattung ein auffälliges Hörvolumen erzielen oder mit ein paar tausend Download-Verkäufen und Streams vorübergehend eine Genre-Chartplatzierung erreichen kann, wurde zu einer falschen Darstellung einer angeblichen KI-Dominanz aufgebauscht.

Zuletzt hat Universal KI-Deals mit Klay , Udio , Stability und Splice bekanntgegeben. Was ist der gemeinsame Nenner?

Alle vier Partnerschaften – mit Stability AI , Udio, Klay und Splice – stellen die verantwortungsvolle, lizenzierte Nutzung von KI in den Mittelpunkt. Unser Ziel ist es, dass Technologie Artists stärkt, nicht ersetzt. Während Stability AI und Splice professionelle Tools für Kreative entwickeln, richten sich Klay und Udio stärker an Musikfans und eröffnen neue Formen der Interaktion und Monetarisierung.

Was sollen diese Fan-Produkte denn bieten?

Plattformen wie Udio und Klay ermöglichen es Fans erstmals, Musik nicht nur zu hören, sondern aktiv mit ihr zu interagieren – etwa durch Remix- oder Genre-Tools, die auf lizenzierten Katalogen basieren. Das schafft völlig neue Erlebnisse zwischen Artists und Fans und eröffnet zusätzliche Erlösquellen. Entscheidend ist, dass alles innerhalb eines legalen, fair vergüteten Rahmens geschieht und in einer geschützten Umgebung stattfindet. Darauf achten wir gemeinsam mit unseren Partnern sehr genau.

Auch 2025 auf Platz eins der deutschen Jahrescharts: Taylor Swift während der Show in Gelsenkirchen
Auch 2025 auf Platz eins der deutschen Jahrescharts: Taylor Swift während der Show in GelsenkirchenFrank Röth

Wie groß schätzen Sie die Zielgruppe für solche Produkte ein?

Welche Tools sich langfristig durchsetzen, wird der Markt entscheiden. Unsere Aufgabe ist es, einen Rahmen zu schaffen, in dem Kreativität, Fairness und Innovation zusammenkommen. Großes Potenzial liegt darin, dass junge Zielgruppen Musik als etwas Erlebbares und Mitgestaltbares begreifen. Wir glauben, dass das ein attraktives Angebot für Superfans wird.

Letztlich geht es ja grundsätzlich um die Durchsetzung des Urheberrechts.

Dafür setzen wir uns ultimativ ein: Wir haben ein Copyright, und das besagt, wer Musik nutzen möchte, muss eine Lizenz dafür haben, sonst darf sie nicht benutzt werden, ganz einfach. Unsere Deals belegen, dass das auch im Bereich KI möglich ist. Es macht überhaupt keinen Sinn, irgendwelche Ausnahmen im Urheberrecht zu diskutieren, nur weil wir jetzt KI-Anwendungen haben. Wir müssen einfach nur das bestehende Recht anwenden, dann ist die Musikindustrie auch in der Lage, Lösungen zu finden. Egal welche Disruption wir gesehen haben, von Filesharing zu legalen Downloads oder dem Siegeszug von Musikstreamingangeboten bis zur Monetarisierung von User-Generated Content: Die Branche hat es immer geschafft, in einem freien Markt Lizenzmodelle zu finden. Wir brauchen nur einen gesicherten Rahmen. Damit geistiges Eigentum bleibt, was es ist: nämlich Eigentum.

Mit Udio steht nun eine Einigung, aber gegen Suno klagt Universal nach wie vor.

Unsere Haltung ist da unmissverständlich: Diese Dienste benutzen unsere Kataloge, ohne uns, die Artists und andere Lizenzgeber gefragt zu haben. Das geht nicht – und diese klare Message senden wir, indem wir rechtliche Schritte einleiten. Wir sind aber gleichzeitig bereit, zu verhandeln und zu Lizenzmodellen zu kommen. Das ist mit Udio geschehen, die Klage wurde beigelegt und jetzt arbeiten wir gemeinsam an einem neuen, vielversprechenden Angebot. Bei Suno gibt es bislang keine Einigung, aber die Herangehensweise ist dieselbe. Kommt es zu keiner Lösung, werden wir den juristischen Weg weiter bestreiten.

Warner Music hat gerade einen Lizenzdeal mit Suno bekanntgegeben und sich ebenfalls mit Udio geeinigt. Aber Rechteanteile an Songs sind auf viele Unternehmen verstreut. Bis das neue Udio-Produkt funktioniert, braucht es also viele weitere Deals oder?

Manche Produkte können auch funktionieren, wenn noch nicht 100 Prozent der Branche dabei sind. Aber natürlich ist es richtig: je mehr Maktteilnehmende an Bord, desto besser. Bei den von Klay, Udio und Suno angekündigten Produkten erscheint es sehr wahrscheinlich, dass diese Anbieter von mehreren Musikunternehmen Rechte lizenzieren müssen. Es ist jetzt die Aufgabe von Udio, andere Lizenzgeber vom Produkt zu überzeugen und Deals abzuschließen. Gleichzeitig möchten wir die Artist- und Songwriter-Community dazu natürlich abholen, denn wir wollen das Produkt ja mit den Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam gestalten.

Wie ist das Feedback, das Sie aus der Artist-Community bekommen?

Ich habe bisher überwiegend positives Feedback bekommen. Besonders auch vor dem Hintergrund, dass durch KI bearbeitete Songs und Stimmen ja leider unautorisiert schon längst produziert werden. Wir müssen den Umgang mit KI-Tools zwingend in geregelte Bahnen lenken. Die Artist-Community versteht, dass man nur durch Partnerschaften mit den Tech-Firmen die künftigen Spielregeln mitbestimmen kann und sieht auch das Potential für zusätzliche Erlösquellen.

Aktuell werden die Streamingdienste mit Massen an KI-Songs überschwemmt. Deezer berichtet von rund 50.000 neuen komplett KI-generierten Werken jeden Tag. Besorgt Sie diese Entwicklung?

Deezer hat ebenfalls berichtet, dass weniger als 0,5 Prozent des Konsums auf diese KI-Inhalte entfallen. Die Tatsache, dass Plattformen zunehmend mit unlizenzierten KI-Tracks geflutet werden, zeigt, dass das bloße Automatisieren der Audio-Produktion noch keine kreative Qualität erzeugt. Hits entstehen aus Talent, Entwicklung von Karrieren und Marketing-Partnerschaften – genau da liegt unsere Stärke. Gleichzeitig erwarten wir von den Streaming-Partnern Transparenz: Klare Kennzeichnung von KI-Musik wäre ein wichtiger Schritt, damit Nutzerinnen und Nutzer bewusst entscheiden können, was sie hören möchten. Davon profitieren am Ende alle: Fans, Künstlerinnen und Künstler und Plattformen.

Sie weisen darauf hin, dass laut Deezer reine KI-Songs so gut wie nie gestreamt werden. Bei 70 Prozent der Streams werden zudem Betrugsmuster erkannt – sie werden also auch nicht vergütet. Das finanzielle Problem ist somit noch überschaubar, aber das kann sich schnell ändern.

Ja, und das unterstreicht die Notwendigkeit, dass das ganze Thema Betrug auf den Plattformen noch viel stärker adressiert werden muss. Aber diese Art von Betrug wäre von vorneherein viel uninteressanter, wenn unlizenzierte KI-Musik grundsätzlich nicht vergütet würde.

Bislang vergütet jeder Dienst KI-Songs, selbst Deezer, die sie zumindest markieren und aus den algorithmischen Empfehlungen löschen. Sollte immerhin die Markierung von komplett KI-generierten Werken der Mindeststandard sein?

Ich hoffe, dass Kennzeichnung in Zukunft nicht der Mindeststandard bleibt. Um es klar zu sagen: Auch wenn wir nicht kontrollieren können, ob die Plattformen KI-Songs vergüten, können wir sehr wohl steuern, welche Auswirkungen dies auf unsere eigene Vergütung hat. Wenn Fans die Wahl haben, bevorzugen sie menschliche Künstlerinnen und Künstler. Denn wir sehen in den Marktforschungen von Deezer und Ipsos ja auch, dass sich 80 Prozent der Fans eine Kennzeichnung KI-generierter Inhalte wünschen.

Müssen nicht die Vertriebe ebenfalls mehr in die Pflicht genommen werden? Über die gelangen die Werke ja erst auf die Dienste.

Es ist eine beiderseitige Verantwortung, absolut. Unser Deal mit der Firma Soundpatrol geht genau in diese Richtung: deren Technologie ist in der Lage, KI generierte Musik von menschlichen Kreationen zu unterscheiden. Dieser Filter kann sowohl auf Seiten der Streamingportale als auch auf Seiten der Vertriebe zum Einsatz kommen.

Längst gibt es auch Projekte wie Xania Monet. Die Songtexte stammen von einem Menschen, alles andere von Suno. In den USA läuft die Musik schon im Radio. Wie sollte man mit solchen Mischfällen umgehen?

Wir sollten solche Projekte weder verteufeln noch unkritisch feiern. Entscheidend ist Transparenz: Hörerinnen und Hörer müssen wissen, was menschlich geschaffen ist und wo KI eine Rolle spielt. Unser Ziel ist, faire Rahmen zu schaffen: Wer KI nutzt, muss Rechte respektieren, Urheber benennen und sicherstellen, dass niemand ungefragt ersetzt wird. Wie viel KI zu viel ist, hängt davon ab, ob Zustimmung, Attribution und Vergütung gegeben sind. Wenn diese Prinzipien eingehalten werden, kann KI ein legitimer Teil des kreativen Spektrums sein. Genau dafür setzen wir uns ein, gemeinsam mit Artists, Partnern und Verbänden, und auch unsere Kooperationen, etwa mit Stability AI und Splice, gehen in diese Richtung.

Rein virtuelle Künstler sind das eine, aufwendige Avatar-Shows von echten etwas völlig anderes. Mit dem Abba-Projekt sind Sie bestens vertraut. Wird da künftig durch KI mehr möglich sein – und das deutlich günstiger?

Ich denke schon und da sind wir wieder bei einem der positiven Effekte von KI. Wenn lizensiert und von Artists unterstützt, ergeben sich da viele Möglichkeiten, solche Projekte schneller voranzubringen. Abba-Voyage ist ein absolut bahnbrechendes Projekt, das ist nicht so leicht reproduzierbar – auch nicht mit Hilfe von KI. Aber die Technologie wird zukünftig sicher dabei helfen, produktiver und kosteneffizienter zu sein, davon bin ich fest überzeugt.

Es steht seit langem im Raum, dass die Abba-Show in eine weitere Stadt zieht. Gerade gab es Berichte über Bemühungen in New York. Steht der nächste Standort 2026?

Es gibt Gespräche darüber, die Show neben London auch in anderen Teilen der Welt zu zeigen und ich gehe davon aus, dass das gelingen wird. Einen Zeitplan kann ich aber nicht nennen.

Ist es denn wahrscheinlicher, dass 2026 eine Stadt fix ist, als dass ein KI-Artist in den deutschen Jahrescharts auftaucht?

Da würde ich ersteres sagen.

Nicht nur Abba-Fans dürften für diesen Ausgang die Daumen drücken.

Die entscheidende Frage ist am Ende: Kann man einen virtuellen Künstler – Lizenzierung vorausgesetzt – wirklich langfristig im Markt etablieren? Ich glaube das nicht. Für Fantum über einen langen Zeitraum muss Emotionalität erlebbar sein, von Mensch zu Mensch. Deswegen bin ich fest davon überzeugt, dass menschliche Kreativität, auch in Zeiten von KI, nicht ersetzt werden kann.