United Auto Workers: Gewerkschaft wirft Mercedes in den USA Einschüchterung vor

Am Ende ist es eine klare Sache gewesen. Nur 43,6 Prozent der Mitarbeiter in der Fabrik von Mercedes-Benz in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama haben im Mai 2024 für eine gewerkschaftliche Vertretung ihrer Interessen gestimmt. Dabei war die Autogewerkschaft United Auto Workers (UAW) im Vorfeld so zuversichtlich gewesen, den Gewerkschaftsbeitritt dieses Mal durchsetzen zu können. Aus der Perspektive der UAW sind die Gründe für die Pleite für die Gewerkschaft allerdings nicht im fehlenden Wunsch der Mitarbeiter nach einer Vertretung zu suchen, sondern in unfairen Methoden des Autoherstellers aus Baden-Württemberg. Das Unternehmen habe, so der Vorwurf, die Mitarbeiter eingeschüchtert, drangsaliert und unter Druck gesetzt, um die gewerkschaftliche Vertretung zu verhindern.

Fast zwei Jahre nach der Abstimmung hat die UAW die angeblichen Verfehlungen in einem achtundvierzigseitigen Dokument, das der F.A.Z. vorliegt, gesammelt. Kurz vor der Wahl eines neuen Landtags in Baden-Württemberg, dem Bundesland, in dem Mercedes seinen Stammsitz hat, sucht die Gewerkschaft nun die Unterstützung der IG Metall, um den Druck auf das Unternehmen zu erhöhen. „Mercedes galt lange als Autohersteller der Spitzenklasse, mit dem Ruf, zu den fairsten Unternehmen der Welt zu gehören. Doch der Ruf beginnt zu bröckeln“, sagte der stellvertretende Stabschef der UAW, Jason Wade, am Montag während einer virtuellen Pressekonferenz. „Als die Beschäftigten begannen, sich zu organisieren, reagierte Mercedes mit einer aggressiven Anti-Gewerkschafts-Kampagne – mit Angst, Druck und Einschüchterung.“

Mercedes: Keine Eingriffe in die Rechte von Beschäftigten

Mercedes weist die Vorwürfe der UAW zurück. „Weder Mercedes-Benz US International (MBUSI) noch Mitglieder des Vorstands der Mercedes-Benz Group AG haben in das Recht von Beschäftigten eingegriffen, eine Gewerkschaftsvertretung zu etablieren, und haben in diesem Zusammenhang auch keine Vergeltungsmaßnahmen gegen einzelne Mitarbeitende durchgeführt“, sagte ein Sprecher.

In ihrem Dossier führt die UAW unter anderem aus, dass Mercedes vor der Wahl 2024 in Alabama die Beschäftigten gezwungen habe, an einer Reihe von gewerkschaftsfeindlichen Versammlungen teilzunehmen. Mercedes habe Gewerkschaftsunterstützer zudem eingeschüchtert, bedroht und entlassen. Weiter heißt es, dass „das National Labor Relations Board (NLRB) – die US-amerikanische Behörde zum Schutz der Arbeitnehmerrechte – festgestellt hat, dass das Verhalten von MBUSI in Alabama gegen das Arbeitsrecht verstößt, und das Unternehmen strafrechtlich verfolgt“.

Die UAW ist der Auffassung, dass das Verhalten auch deutschen Beschäftigten schaden wird. „Je leichter es für Mercedes ist, Beschäftigte außerhalb Deutschlands auszubeuten, desto leichter ist es auch, gute Arbeitsplätze für höhere Gewinne in andere Länder zu verlagern“, erklärte Wade weiter. Das Ziel der UAW ist klar: Sie will eine neue Abstimmung bei Mercedes in Tuscaloosa.

Gewerkschaft führt Videobotschaft als Beleg an

Als Beleg führt die Gewerkschaft unter anderem eine Videobotschaft an die Mitarbeiter in Tuscaloosa an, in der der damalige Produktionsvorstand und heutige Entwicklungsvorstand Jörg Burzer kurz vor der Abstimmung darüber informiert, dass Federico Kochlowski den Chefposten bei MBUSI von Michael Göbel übernehmen werde. Die UAW interpretiert sowohl den Wechsel an sich als auch den Satz Burzers in dem Video „Der einzige Weg nach vorne ist, dass wir als ein Team zusammenarbeiten“ als gewerkschaftsfeindliches Verhalten.

Zudem gründet die UAW ihr Vorgehen gegen Mercedes auf den Fall von Jeremy Kimbrell. Er sei einer der bekanntesten Gewerkschaftsaktivisten gewesen, der im Vorfeld der Abstimmung für einen großen Zulauf zur UAW gesorgt habe. Im Februar 2025 habe Mercedes Kimbrell dann nach mehr als 25 Jahren Arbeit entlassen, weil er, wie die Gewerkschaft ausführt, Spenden gesammelt habe – eine Tätigkeit, für die andere Mitarbeiter nie belangt worden seien. Das Unternehmen äußert sich nicht zu dem Fall. Dem Vernehmen nach läuft allerdings ein arbeitsgerichtliches Verfahren wegen anderer Vergehen.

Die IG Metall signalisiert grundsätzlich Unterstützung, sagt aber nichts zu den einzelnen Vorwürfen. „Auch in den USA müssen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit haben, sich frei und ohne Einschüchterung gewerkschaftlich zu engagieren“, sagte eine Sprecherin. „Dafür haben die Beschäftigten in Alabama die volle Unterstützung der IG Metall.“

Unternehmen nennt Burzer-Vorwurf offensichtlich falsch

Das Unternehmen erklärte, dass Mercedes das Recht der Beschäftigten auf die Bildung von Arbeitnehmervertretungen anerkenne, und wies darauf hin, dass die Gewerkschaft nach einer Untersuchung durch die NLRB bereits den Großteil ihrer Vorwürfe zurückgezogen habe. „Es gibt derzeit keine abschließenden Feststellungen der Behörde bezüglich der wenigen verbleibenden Vorwürfe, die von der UAW noch nicht zurückgezogen wurden“, sagte ein Sprecher. Den Vorwurf, dass Vorstand Burzer in dem Video gewerkschaftsfeindliche Aussagen getätigt habe, nennt Mercedes offensichtlich falsch. „Jede Behauptung, dass diese Aussage, die in einer Zeit eines großen Führungswechsels zu Einheit und Zusammenarbeit aufruft, eine gewerkschaftsfeindliche Botschaft sei, ist eine grobe Fehlinterpretation und entbehrt jeder Grundlage“, sagte der Sprecher weiter.

Das Votum der Mitarbeiter von Mercedes-Benz 2024 war ein herber Rückschlag in den Bemühungen der UAW, ihren Aktionsradius in der Autoindustrie auszuweiten. Traditionell beschränkte sich ihr Revier auf die „Big Three“, also General Motors, Ford und den heutigen Stellantis-Konzern, zu dem Marken wie Jeep gehören. In den US-Werken ausländischer Hersteller blieb sie weitgehend außen vor, nicht zuletzt deshalb, weil sie meist in den südlichen Bundesstaaten angesiedelt wurden, die als wenig gewerkschaftsfreundlich gelten und wo sich auch die deutschen Hersteller Mercedes-Benz, VW und BMW niedergelassen haben.

Nachdem die UAW im Herbst 2023 in einer Tarifrunde mit GM, Ford und Stellantis Lohnerhöhungen herausholen konnte, startete sie eine neue Kampagne, um bei ausländischen Herstellern einzuziehen und an Einfluss zu gewinnen. Schon im Frühjahr 2024 errang die UAW einen Erfolg, als eine Mehrheit der Beschäftigten des VW-Werks in Chattanooga dafür stimmte, sich künftig von ihr vertreten zu lassen. Aber nur wenige Wochen später kam ein Dämpfer, als die Mercedes-Mitarbeiter in Alabama gegen eine gewerkschaftliche Präsenz stimmten.

Mit der damaligen Niederlage kamen die Expansionsanstrengungen der UAW ins Stocken, und es ist ihr seither nicht gelungen, in andere US-Werke ausländischer Hersteller einzuziehen. Sie reklamierte allerdings erst vor wenigen Tagen einen Erfolg, als sie eine Tarifeinigung mit VW in Chattanooga verkündete.