Unicredit-Commerzbank: Balanceakt für jedes Andrea Orcel

Es sieht so aus, als hätte Unicredit-Chef Andrea Orcel im nun eineinhalb Jahre währenden Ringen um eine Übernahme der Commerzbank alle Trümpfe in der Hand. Mit dem am 16. März vorgelegten freiwilligen Übernahmeangebot kommt die italienische Bank der gesetzlich vorgeschriebenen Pflicht zuvor, allen übrigen Commerzbank-Aktionären ein Übernahmeangebot vorlegen zu müssen, sobald sie ihren Aktienanteil von derzeit 29 Prozent (inklusive Derivate) auf mehr als 30 Prozent ausdehnt. Dieser Notwendigkeit hat sich Orcel mit diesem Kniff entledigt.

Bisher hat Orcel allerdings nur die Genehmigung der Europäischen Bankenaufsicht der EZB vorliegen, dass Unicredit bis auf 30 Prozent aufstocken darf. Aber bis das für Mai angekündigte Umtauschangebot tatsächlich angenommen werden kann, sollte auch die EZB ihr Plazet für einen Unicredit-Anteil an der Commerzbank von bis zu 100 Prozent gegeben haben, gilt die Europäische Bankenaufsicht doch als eine Befürworterin größerer europäischer Banken.

Unicredit kann Hauptversammlung der Commerzbank dominieren

Allerdings muss Orcel aufpassen. Denn Bankaufseher wollen sich nicht übergangen fühlen. Eine solche Übergriffigkeit wäre wohl, die faktische Kontrolle im Aktionärskreis der Commerzbank auszuüben, obwohl die EZB Unicredit bisher nur den Erwerb eines Minderheitsanteils von knapp 30 Prozent erlaubt hat. Damit wird die am 20. Mai anstehende Hauptversammlung der Commerzbank für Unicredit zum Balanceakt. Der für sein selbstbewusstes Auftreten bekannte Orocel kann angesichts der niedrigen Anwesenheitsquoten – 2023 kamen 56 Prozent der Commerzbank-Aktionäre zum jährlichen Treffen, 2023 nicht einmal mehr 50 Prozent – mit seinem Anteil von nahezu 30 Prozent in Abstimmungen dominieren. Unicredit könnte also etwa eigene Aufsichtsräte nominieren und mit Gegenanträgen den Commerzbank-Vorstand piesacken. Aber wenn Unicredit das täte, würde Orcel womöglich sein gutes, mit vielen Trümpfen besetztes Blatt überreizen und die Aufsicht allzu sehr herausfordern.

In einer Zeit, in der die geopolitischen Spannungen und damit auch die Gefahr von Cyber-Angriffen auf Banken hoch sind wie selten, wären Finanzaufseher fehl an Platz, die nicht mit Argusaugen auf Bankrisiken schauten. Dass die Deutsche Bundesbank hier schlicht ihren Job macht, zeigt ihre Sonderprüfung in der Frankfurter Tochtergesellschaft der US-Bank Jefferies. Dieser mutmaßliche Helfer Unicredits hat sich trotz geringer Betriebsgröße mit Derivaten ein Aktienpaket von gut 10 Prozent an der Commerzbank gesichert und damit zum nach Unicredit und Bundesregierung drittgrößten Stimmrechte-Halter auf der Commerzbank-Hauptversammlung aufgeschwungen. Nach dem Ärger mit der Bankenaufsicht sollte Orcel auf Jefferies dort aber eher nicht zählen. Dennoch hat Unicredit noch genügend Trümpfe in der Hand, wenn Orcel sie nur geduldig ausspielt.

Source: faz.net