Ungarn | Ungarn vor jener Wahl: Péter Magyar wird zum Sieger erklärt, vorweg aufeinander abgestimmt worden ist

Die Sonne lässt die Donau glänzen. Während Touristen auf Sightseeing-Booten das Parlament fotografieren, schiebt sich eine Menschenmenge durch die Budapester Innenstadt. Ungarn-Flaggen und rot-weiß-grüne Kokarden sind zu sehen. Der Nationalfeiertag Mitte März ist traditionell Anlass für politische Manifestationen. Die beiden größten sind der „Friedensmarsch“ der Fidesz-Regierung von Premier Viktor Orbán und eine Demonstration der stärksten Oppositionskraft, der Respekt- und Freiheitspartei Tisza.

Vor zwei Jahren tauchte hier ein Politiker auf, den zuvor nur wenige kannten: Péter Magyar, einst Protegé der Fidesz-Elite. Mit seiner Partei und dem Versprechen, gegen Korruption vorzugehen und für mehr Freiheit einzustehen, führt er mittlerweile die Umfragen vor dem Wahltag am 12. April an. Laut Meinungsforschungsinstitut Medián wollen 67 Prozent der Ungarn zwischen 18 und 29 Magyars Partei wählen, nur acht Prozent die Fidesz. Je höher der Bildungsabschluss, desto stärker die Zustimmung für Tisza.

Zur Not Fliesenleger

Warum wollen junge Ungarn, die mit dem seit 16 Jahren fest im Sattel sitzenden Premier Orbán aufgewachsen sind, diesen nicht mehr wählen? „Ich stimme nicht deshalb für Tisza, weil ich die Partei gut finde“, sagt die 26-jährige Anna. „Magyar ist mir nicht sympathisch und Tisza viel zu konservativ.“

Aber sie wähle strategisch, in der Hoffnung, dass ein Wandel hin zu mehr Demokratie möglich werde. Warum entscheide sie sich neben den beiden Hauptrivalen für keine andere Partei? Da gäbe es für sie kaum vertretbare Alternativen. „Zwar würde ich manchmal am liebsten aufgeben, aber wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir etwas dafür tun.“

So wie Anna denken viele jüngere Ungarn. Vom „rationalen Aufstand der Sesselrevolutionäre“ spricht der Politologe Dániel Oross. Seit über zehn Jahren untersucht er das Wahlverhalten speziell von Studenten, von denen es etwa 215.000 im Lande gibt. Sie seien Meinungsmultiplikatoren, so Oross. „Würden sie als Gruppe in eine bestimmte Richtung tendieren, könnten sie eine Partei über die Fünf-Prozent-Hürde bringen.“

Viktor Orbán hat bei einem Bürgerforum im Januar ein älteres Publikum gebeten, den eigenen Kindern Fidesz näherzubringen. Oppositionskandidat Magyar wiederum hat seine Gefolgschaft ermuntert, Eltern und Großeltern davon zu überzeugen, sich für Tisza zu entscheiden. Beide Parteien sind rege in den sozialen Medien unterwegs, sie versuchen es mit Influencern auf Tiktok oder – wie bei Tisza – mit einer eigens entwickelten App.

Phase der Lähmung erwartet

Viktor Orbán argumentiert häufig, er wolle die Jugend Ungarns vor dem Ukraine-Krieg bewahren – es gelte, sie davor zu schützen, eingezogen zu werden. Im Hinblick auf sein Lager hält Magyar das Thema Bildung für erfolgsversprechend. Schüler und Studenten sind in den vergangenen Jahren aus Solidarität mit gefeuerten Pädagogen, für Meinungsfreiheit an den Schulen und bessere Lehrergehälter auf die Straße gegangen.

Die 22-jährige Nóra findet, Ungarns Bildungssystem sei marode und brauche Reformen. An ihrer Schule legte bröckelnder Putz das Mauerwerk frei. Nóra kommt aus Csongrád im Südosten, wo sie mit ihrem Freund in einem gut ausgestatteten Haus lebt. „Ich kann zufrieden sein, aber es geht eben nicht nur um mich.“

Sie wünscht sich, dass die Wahlen Veränderungen bringen, gerade auf dem Land und in einem Ort wie Csongrád: „Unser größtes Problem ist die Inflation. Meine Großmutter kommt gerade so aus mit ihrer Rente, im Laden wird alles teurer.“ Junge Leute, vor allem Frauen, fänden keinen Job. „Ich kenne viele, die ein Fachabitur gemacht oder sich im Studium spezialisiert haben und nun arbeitslos sind. Männer werden zur Not Fliesenleger oder Maurer, die sucht man immer.“

45 Prozent der jungen Ungarn wollten 2025 das Land verlassen

„Es läge so ein Jetzt-oder-nie-Gefühl in der Luft“, findet die 22-Jährige. Wenn nicht Tisza, könne niemand Fidesz ablösen. Freilich habe man das auch 2022 geglaubt, doch dann gewann wieder die Orbán-Partei mit deutlichem Vorsprung vor der Opposition. Was, wenn sich auch diesmal nichts ändert? Nóra lächelte. „Nach der letzten Wahl herrschte Apathie. Irgendwann nimmt man dann doch wieder Anlauf.“ Aber selbst wenn Tisza es schaffen sollte, erwartet Nóra eine Phase der Lähmung. Überall säßen Fidesz-Leute in wichtigen Positionen. „Ich frage mich, ob die eine Niederlage einfach so akzeptieren würden.“

Junge Ungarn würden darüber nachdenken, auszuwandern, ergaben Befragungen von Dániel Oross. 2015 seien es noch 37 Prozent gewesen, die das Land verlassen wollten – 2024 schon 45 Prozent, von denen die meisten auf ein besseres Auskommen im Ausland hofften. Für den 26-jährigen Norbert sind andere Gründe maßgebend, unter Umständen weggehen zu wollen. „Mich zieht es nach Berlin in eine inklusivere Gesellschaft.“ Er sei queer und Rom und arbeite für eine Roma-NGO. Pinke Strähnen mischen sich unter sein dunkles Haar. „In Ungarn herrschen heute Gesetze und eine Rhetorik, die nicht nur verletzen, sondern einschränken.“

Besonders Minderheiten haben Angst vor einem Regierungswechsel

Eines davon sei das „Kinderschutz-Gesetz“, das 2022 in Kraft trat und einen Zusammenhang zwischen pädophiler Täterschaft und sexueller Orientierung hergestellt habe. „Dadurch wurden auch alle NGOs aus den Schulen verbannt, die sich mit LGBTQ-Themen befassten. Wir sind mit unserer Roma-NGO weiterhin dort tätig und betreiben Aufklärung über Anti-Ziganismus. Doch seit es dieses Gesetz gibt“, so Norbert, „gehe ich bewusst nicht mehr mit, um unsere Tätigkeit nicht zu gefährden.

Unabhängig davon, ob ich queerer Rom bin, will ich nicht in einem Land leben, in dem oft in abfälliger Weise über Minderheiten gesprochen wird.“ Er erhoffe sich von der jetzigen Parlamentswahl, dass sie für einen Wandel sorge. „Ich wüsste gern, wie Ungarn ist, wenn es von einer anderen Partei geführt wird.“ Nur hätten besonders Mitbürger, die zu einer Minderheit gehören, Angst vor einem Regierungswechsel. Was, wenn es dann noch schlechter wird, höre man sie fragen.