Und dann wird ein Preis z. Hd. den besten Beischlaf verliehen

Die „Reality Awards“ gehen an Menschen, die vor der Kamera leben, pöbeln, lieben, hassen. Ihre Lebensgeschichten erschaffen ein Paralleluniversum aus Inszenierung und Authentizität. In einem Paar verdichtet sich alles.

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Sahel und Joshua liegen zusammen im Bett, sie haben Sex, sind voll dabei. Doch dann haben nebenan Marvin und Jenny Streit und Marvin will diese Show („Ex on the Beach“) verlassen. Das ruft irgendjemand in das Schlafzimmer, Joshua hört auf mit dem, was er gerade tut, steht auf: „Ey, das ist ein Bruder von mir, ich muss nach ihm schauen!“ Sahel ist entsetzt, „wenn du jetzt gehst!“, Joshua geht, Sahel weint. Diese Szene gewinnt an diesem Abend den Preis für die „sexy time des Jahres“.

Zum zweiten Mal wurden von RTL und „Bild“ (gehört wie WELT zu Axel Springer) die „Reality Awards“ verliehen, ein symbolischer Preis, der auszeichnen soll, was die Zuschauer im vergangenen Jahr in Sachen Trash, Reality und Insta-Drama begeistert hat. Die Jury bestand unter anderem aus Evelyn Burdecki, die Laudatoren sind selbst Reality-Urgesteine (Paul Janke bis Sarah Knappik). Ein Abend, nicht ganz ernst gemeint, für viele der Protagonisten aber Teil ihres wahren Lebens, ihrer Geschichte. Sie sind hier teilweise nominiert für ihre Beziehungen, für ihre Trennungen, es gibt sogar besagten Award für die „sexy time des Jahres“ aka den besten (?) Beischlaf des Jahres.

Marvin übrigens, der „Bruder“ von sexy-time-Joshua ist dann gar nicht gegangen. „Und wir sind nicht gekommen“, sagt Sahel.

Und so werden traurige, lustige, intime, peinliche Momente zu 30-Sekunden-Clips, für die es einen Preis zu gewinnen gibt, der aus Aufmerksamkeit, Applaus oder Buh-Rufen besteht und sicherlich neue Instagram-Follower generiert. Diese Award-Verleihung verdichtet das, was Reality-TV heute ausmacht, zu zweieinhalb Stunden aus überraschend authentischen Momenten (Sahel ist alles so peinlich), Fremdscham (Paul Janke vergisst seinen Text), Inszenierung (Sarah Knappik verleiht den Preis an die dramatischste „Drama Queen aller Zeiten und die noch kommen werden“, na klar, Ariel, die zu „God save the Drama Queen“ mit einer Krone gekrönt wird) und Faszination. Faszination über eine Maschinerie, die längst ganze Lebensentwürfe bestimmt, ganze Leben verändern kann, wo alle Spielpartner voneinander profitieren und einander bis zum Untergang schaden können.

Wer einmal im Sog der Reality-Formate gelandet ist, wer sich beim „Bachelor“ verliebt und bei „Temptation Island“ betrügt, der lebt zwar irgendwie sein echtes Leben – das aber zur Performance wird, bis er sich darin verliert. Was in den Shows passiert, wird auf Instagram weiter inszeniert, parallel oder zeitversetzt, je nach Format. Instagram ist längst nicht mehr ein Medium, auf dem Influencer ihr wahres Leben zeigen. Es ist das Medium, das sie nutzen, um sich zu erklären, sich zu rechtfertigen, Geheimnisvolles anzudeuten, eigene „Wahrheiten“ zu verbreiten und sich viel zu wichtig zu nehmen.

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Das ist nicht ihre eigene Schuld. Gerät man einmal in den Strudel des Algorithmus, verzerren sich Realität und Wahrnehmung dessen, was relevant ist und was nicht. Ist man selbst Teil des Ganzen, kann man schnell glauben, die eigene Geschichte sei für andere mehr als nur die Storyline eines Paralleluniversums. Und so leben Reality-Stars irgendwann nicht mehr ihr Leben, sondern spielen ein Stück und vergessen am Ende, dass das ihr Leben ist.

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Ein Leben, in dem sie dann auf der Bühne der „Reality Awards“ sitzen, von roten Flaggen umgeben und als „Red Flag des Jahres“ nominiert sind, also als jemand, vor dem man sich in Acht nehmen sollte. In diesem Jahr dabei: Aleks Petrovic, der einst seine Freundin bei „Temptation Island“ mit „Verführerin“ Vanessa betrog, mit seiner neuen Freundin Vanessa in diversen weiteren Shows stritt und schließlich erneut seine Beziehung bei „Temptation Island“ testen wollte.

Dort verglich er seine Freundin beim Sex mit einem toten Fisch, beschwerte sich darüber, dass er sie nach ihrer Verlobung unter Druck setzen musste, damit sie mit ihm schläft, sagte, er hätte sie nie geküsst, wäre er nicht betrunken gewesen. Vanessa bekommt an diesem Abend den Award für den „emotionalsten Moment des Jahres“, Standing Ovations, der „Moment“ ist die Trennung von Aleks. Aleks bekommt den Preis als „Red Flag“, nimmt ihn aber nicht an, weil ihm „das Bühnenbild nicht gefällt“.

Wie viele der Reality-Männer mit Frauen umgehen, zeigt, dass in der Gruppe der Menschen, die Tattoos im Gesicht tragen, die sich mit Proteinen besser auskennen als mit Parteien, nicht die Frage ist, ob man gendert oder nicht, um gleichberechtigt zu leben – sondern ob man Frauen Alkohol ins Gesicht spucken darf oder nicht. Ja, das hat Aleks Petrovic auch gemacht bei „Temptation Island“: „Ihr seid doch Verführerinnen!“

Er und Vanessa bekommen dann auch noch den gemeinsamen Preis für die „Trennung des Jahres“, er wird ausgebuht, sie bejubelt. Er scheint der Verlierer, sie die Heldin zu sein. Doch dass er an diesem Abend kommt, sich auf die Bühne stellt, um all diese „Preise“ entgegenzunehmen, ist die Essenz von Reality: Auch die Buhrufe sind Aufmerksamkeit, auch dieser Show-Down mit Vanessa auf der Bühne ist wieder neuer Teil ihrer ewigen Reality-Soap. In ein paar Tagen startet die neue Staffel „Prominent Getrennt“, mit dabei: Aleks und Vanessa.

Source: welt.de