Unbekannte Notizbücher: Was Heiner Müller mit nur 15 Jahren schrieb

Das einzige noch etwas Kindliche ist die Schrift auf der Innenseite des roten Umschlags: „Heiner Müller, Waren/Müritz, Weinbergstr. 3a“. Die Buchstaben sind gerundet, teils verbunden, wie die Schule es gelehrt hat. Wäre da nicht das verblasste Datum „30/04/43“, und ein paar Seiten weiter, zu Beginn der ersten Aufzeichnung, der Vermerk „1. Jan. 45“ – man käme nicht darauf, die Notizen eines Jugendlichen vor sich zu haben, dessen Alltag im ländlichen Mecklenburg von der Härte des Krieges und dann der Nachkriegsmonate bestimmt war.

Sätze wie „Hebbel – hat etwas widerlich Pedantisches“ und „Ich werde Nietzsche immer verehren, und sollte ich ihn bekämpfen müssen“ erscheinen an der Wand des Saals der Akademie der Künste. Zuvor hat Martin Wuttke gelesen, dessen dezidierter Duktus noch die schneidende Urteilsfreude betonte, mit der ein sehr junger Mann mit erstaunlichem Bildungsfundus, der wusste, dass er Dramatiker werden will, vor 81 Jahren die karierten Seiten eines Heftchens füllte.

Keine Totenbeschwörung

Heiner Müllers Assistentin Renate Ziemer hat es der Akademie der Künste übergeben, die den Nachlass des letzten Präsidenten der Akademie der Künste Ost verwaltet. Sie selbst hatte es 1987 in jahrelang nicht ausgepackten Umzugskisten in seiner Berliner Wohnung entdeckt und ihn darauf aufmerksam gemacht, woraufhin er es ihr schenkte.

Die Vorstellung des aufsehenerregenden Neuzugangs solle keine Totenbeschwörung werden, sagt Matthias Weichelt, Chefredakteur der von der Akademie der Künste herausgegebenen Zeitschrift „Sinn und Form“, in deren neuer Ausgabe Auszüge aus dem Fund abgedruckt sind. Aber was am Mittwochabend zu sehen und zu hören ist, wird unvermeidlich doch erst einmal zum Schrein, der, gerade weil der dichte Müller-Sound schon herausdringt, direkte Entwicklungslinien verspricht zum nachfolgenden Werk.

So kennt man ihn: Heiner Müller mit Brille und Zigarre, 1981
So kennt man ihn: Heiner Müller mit Brille und Zigarre, 1981Barbara Klemm

Der Bogen zum späten Heiner Müller wird dann aus Zeitgründen eher kurz, und darum wird auf der Bühne, wo vier Wegbegleiter und Kenner sitzen, auch nicht berührt, was der Grund dafür sein könnte, dass zum „Heiner Müllers Gespenster“ überschriebenen Abend 300 Menschen gekommen sind, der Saal bis zum letzten Platz gefüllt ist und viele sogar vom Foyer aus zuschauen. Womöglich ist da eine Sehnsucht nach einem wie Müller, der nie an ein „Ende der Geschichte“, sondern an Krieg und Gewalt als Konstanten geglaubt hat und daran, dass es „ohne Hoffnung, ohne Verzweiflung“ weitergehen muss.

Womöglich gibt es in einer Zeit, in der Imperialismus, Faschismus und andere Wiedergänger des 19. und des 20. Jahrhunderts gespenstergleich anklopfen und der eigene Erfahrungshorizont kaum mehr fassen kann, was vor sich geht, ein Bedürfnis nach dem öffentlichen Intellektuellen, der Müller vor allem in seinen letzten Jahren war und den es, wie Akademiepräsident Manos Tsangaris zu Anfang feststellt, heute kaum mehr gebe.

Er habe sich in der Rolle der Kassandra schon auch gefallen, sagt Katja Lange-Müller, nach dem Ende der DDR, als er keine Stücke schrieb und das Gespräch zu seiner Form machte, vielleicht, weil es „die Angst vor dem weißen Papier“ nicht gebe, wenn man in ein Gesicht blickt. Lange-Müller tritt auf als heitere Hüterin von Müllers Biographie und Eigenarten, hat ihm 1989 die Fragen zu seiner in Interviewform erschienenen Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ gestellt, war zwei Jahre lang mit seinem jüngeren Bruder verheiratet und blieb mit dem Ex-Schwager befreundet.

Der Heiner sei eigentlich zu keiner Zeit ein Kind gewesen, habe sein Bruder immer gesagt. In dem Notizbuch sieht sie eine Erziehungsfrucht: Auch der Vater habe Lektüreerfahrungen in so einem Heft notiert. Für ihn sei verblüffend, sagt der Bühnenbildner Mark Lammert, wie wichtig im Notizbuch vorkommende Autoren für Heiner Müller 1995 waren, seinem letzten Lebensjahr. Geradezu gespenstisch finde er das.

Source: faz.net