UN-Standort Bonn: Die „kleine Stadt am Rhein“ profitiert von Donald Trump

Es ist ein großer Schritt für Bonn als UN-Standort, wenn im Laufe dieses Jahres die ersten Mitarbeiter des Entwicklungshilfeprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in die frühere Bundeshauptstadt umziehen. Das UNDP verlagert einen erheblichen Teil seines Hauptsitzes von New York nach Deutschland.
Von 400 Leitungsstellen werden rund drei Viertel an den Rhein verlagert, rund 100 weitere Stellen nach Madrid. Zu den aktuell 1200 Mitarbeitern in 27 UN-Einrichtungen in Bonn kommen damit in kurzer Frist also 300 weitere hinzu.
Just in seinem 30. Jubiläumsjahr profitiert Bonn von der Verachtung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump für internationale Zusammenarbeit. Und Deutschland festigt seine Bedeutung als UN-Standort.
Der Umzug der Bundeshauptstadt
Seit dem Hauptstadtbeschluss zum Umzug des Bundestags und von Teilen der Regierung nach Berlin vom Juni 1991 bemühen sich der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bonn intensiv um UN-Organisationen. Mit dem Berlin/Bonn-Gesetz wurde 1994 in einem eigenen Paragraphen ausdrücklich die Rolle Bonns als Standort für Entwicklungspolitik sowie für die Einrichtung und Ansiedlung nationaler, internationaler und supranationaler Einrichtungen festgeschrieben.
Öffentlich sichtbar als UN-Standort wurde Bonn am 20. Juni 1996. Es ist der Tag, an dem die Flagge der Vereinten Nationen vor dem Haus Carstanjen gehisst und damit der sogenannte UN-Campus im ehemaligen Bonner Regierungsviertel begründet wurde.
In die historische Liegenschaft, in der einst Ministerien untergebracht waren, zogen zunächst unter anderem das Freiwilligenprogramm UNV, das Sekretariat der Klimarahmenkonvention (UNFCCC) und das bereits zuvor in Bonn beheimatete Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (CMS).
Nach und nach wurde in den folgenden Jahren das frühere Abgeordnetenhochhaus „Langer Eugen“ zur zentralen UN-Liegenschaft am Rhein. Pünktlich zum Jubiläumsjahr „25 Jahre UN-Campus Bonn“ wurde das neue UN-Hochhaus fertig, auch „Climate Tower“ genannt.
Umwelt und Klima
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Bonn einmal als die „Welthauptstadt für nachhaltige Entwicklung“ bezeichnet, weil der Schwerpunkt der UN-Organisationen auf Umwelt- und Klimathemen liegt. Doch nicht nur das Klimasekretariat hat seinen Hauptsitz in Bonn, sondern auch das UN-Freiwilligen-Programm. Und erst im November wurde das globale Büro von UN Women eröffnet, jener Einheit der Vereinten Nationen, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen einsetzt.
Mit der UNDP-Ansiedlung schärft die Bundesstadt Bonn – wo unter anderem die Bundesministerien für Umweltschutz und für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nach wie vor ihren Hauptsitz haben – nicht nur ihre Nord-Süd-Kompetenz.
„Dadurch wird auch die Bedeutung der Wirtschaft und der Unternehmen in der UN-Arbeit unterstrichen“, sagt Nathanael Liminski (CDU), der in der schwarz-grünen NRW-Landesregierung unter anderem für das Ressort „Internationales“ zuständig ist. Schließlich sei ein entscheidender Teil der Arbeit des UNDP, das in rund 170 Ländern und Gebieten mit etwa 22.000 Mitarbeitern tätig ist, selbsttragende wirtschaftliche Entwicklungen zu fördern. Es gehe also auch um den Beitrag von Unternehmen für das Wohl der Menschheit. Das UNDP passe zu Deutschland, NRW und Bonn.
Geopolitisches Kapital
Das wird auch in der Wissenschaft so gesehen. „In einer Zeit, in der sich die USA unter Trump aus der Verantwortung zurückziehen und China seinen Einfluss in der Entwicklungszusammenarbeit massiv ausbaut, muss sich Deutschland als verlässlicher Partner der UNO positionieren“, sagte der Entwicklungsökonom des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Rainer Thiele, dem Bonner „Generalanzeiger“. Deutschland habe die Chance, geopolitisches Kapital zu gewinnen und globale Standards zu prägen.
Der jüngste Ansiedlungserfolg ist auch deshalb bemerkenswert, weil Politiker von Bund, Land und Kommune über eine lange Frist diskret, konsequent, offenbar ohne parteipolitische Eitelkeiten und selbst über Regierungswechsel hinweg zusammengewirkt haben. Bereits in Trumps erster Amtszeit warb Deutschland bei den Vereinten Nationen für Bonn.
Nach der Wiederwahl Trumps Ende 2024 habe das ohnehin schon bestehende Interesse dann noch einmal erheblich zugenommen, sagt Liminski. Nach seiner Wahrnehmung hätten sich viele Organisationen darüber Gedanken gemacht, „ob sie auf Dauer in den USA richtig lokalisiert sind“. Und weil die Trump-Regierung begann, sich aus der Finanzierung zurückzuziehen, sei zugleich der Kostendruck gestiegen. „Wir waren uns einig, dass wir das für Bonn nutzen wollten.“
Berlin, Bonn und Düsseldorf wirken zusammen
Im vergangenen Sommer gründeten das Auswärtige Amt, die Stadt Bonn und die Staatskanzlei in Düsseldorf eine Arbeitsgruppe, um den UN schnell Informationen geben zu können. Hilfreich sei auch gewesen, dass vor Kurzem Alexander de Croo Generalsekretär des UNDP wurde. De Croo war früher Ministerpräsident Belgiens. Aus dieser Zeit hat die Landesregierung einen engen Draht zu ihm.
Der Stellenumzug bleibe gewiss nicht der letzte Ansiedlungserfolg, sagt Liminski. Der nordrhein-westfälische Minister für Internationales ist zudem davon überzeugt, dass Entscheidungen wie die des UNDP dabei helfen, jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die für einen Komplettumzug der Bundesregierung nach Berlin trommeln.
Die Debatte über die sogenannten Teilungskosten habe sich im Zeitalter der digitalen Kommunikation erledigt. „Seit der Zeitenwende ist zudem das Bewusstsein für das Thema Resilienz gewachsen. Gäbe es neben Berlin kein zweites bundespolitisches Zentrum wie Bonn, müsste man es erfinden.“
Source: faz.net