Umgang mit Putin: Das Russland dieser AfD

Das, was die AfD stark gemacht hat, schwächt sie jetzt: ihre Affektivität. Sie war nützlich, um Menschen anzuziehen, die von starken Gefühlen getrieben sind, doch sie ist schädlich, wenn es darum geht, diese Menschen von etwas zu überzeugen. Das ist nötig, wenn nicht alle dasselbe fühlen, aber in dieselbe Richtung steuern sollen. Zum Beispiel beim Thema Russland.

Ein Teil der AfD fühlt sich Russland verbunden und wüsste nicht, was Putins Krieg in der Ukraine daran ändern sollte. Parteichef Tino Chrupalla brachte die Stimmung akkurat auf den Punkt: Ihm, Chrupalla, habe Putin ja nichts getan. Ihn, Chrupalla, hat zwar auch noch kein Gewalttäter niedergestochen, doch das hindert ihn zu Recht nicht daran, gegen solche Täter vorgehen zu wollen. Taugte als Erklärung, dass ein Patriot sich nur um das zu kümmern habe, was in seinem Heimatland geschehe? Das nun auch wieder nicht. Man wolle die „Beziehungen“ nach Russland offenhalten, sagte Chrupalla.

In Russland fühlen sie sich wohl

Wie die Beziehungspflege aussehen kann, zeigten drei AfD-Politiker vor einer Woche. Sie reisten ins russische Sotschi zu einem „Symposium“. Klingt wichtig, ist es auch, aber anders, als man denken könnte. Jedenfalls berichteten die reisenden Politiker, gefragt nach ihren Eindrücken, nicht von strategischen Einsichten, gar wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern davon, wie wohl sie sich gefühlt hätten. Der sächsische Landesvorsitzende der AfD, Jörg Urban, hob hervor, dass der emotionalste Moment für ihn der Beifall nach seiner Rede gewesen sei. Zum Skifahren sei er leider nicht gekommen, aber vielleicht beim nächsten Mal.

Auch sonst hatte die Delegation gute Gefühle. Der Europaabgeordnete Hans Neuhoff äußerte Zuversicht, nachdem er einen Außenpolitiker der Duma getroffen hatte. Im Gespräch sei deutlich geworden, dass auf der russischen Seite ein genuines Interesse bestehe, die „gegenwärtige Situation“ zu überwinden. „Für mich wirkte das glaubwürdig, was hier rüberkam“, pries der AfD-Parlamentarier den Vibe. Putin schickt unterdessen weiter Drohnen auf Kiew.

Teil des Programms war auch ein Gebet. Man betete für Frieden in der Ukra­ine, in Gaza. Teilnehmen konnte man in Sotschi, aber auch per Zoom. In der Zoom-Schalte zeigten sich weitere AfD-Männer, Bundes- und Landtagsabgeordnete und ein Ex-Abgeordneter, dem kürzlich der Hausausweis für den Bundestag verweigert wurde, weil seine Kontakte zu russischen staatlichen Stellen die deutsche Sicherheit gefährdeten. Dabei war auch ein AfD-Bundestagsabgeordneter, der erst mitreisen wollte, dann aber doch absagte, nachdem sein Plan, Putins Getreuen Medwedjew zu treffen, vielen in und außerhalb der AfD allzu liebedienerisch erschienen war.

Zu ihnen zählte auch Parteichefin ­Alice Weidel. Sie kritisierte die Reise ihrer Parteifreunde öffentlich, und das will etwas heißen in einer Partei, die zuletzt umso enger zusammenstand, je heftiger die Kritik von außen wurde. Aus Weidels Sicht ist es sinnvoller, öffentlichkeitswirksam an der Vernetzung mit der MAGA-Bewegung von Donald Trump zu arbeiten. Wer das eine tut, kann auch das andere tun, tönt es aus den Ostverbänden ihrer Partei. Aber besteht da vielleicht doch ein Unterschied?

Es ist angenehm, sich als Opfer zu fühlen, wenn man keins ist

Unter deutschen Bürgerlichen ist weitgehend Konsens, dass eine Brandmauer zu Putin nötig ist. Im militärischen Sinne, weshalb die Bundeswehr ertüchtigt wird, und im politischen Sinne sowieso. Von wem wollte man sich entschiedener abgrenzen als von einem Imperialisten, für den Gewalt ein selbstverständliches Mittel der Unterwerfung ist? Hier aber fühlen manche in der AfD sich nicht abgeholt. Warum sollten sie, die sich selbst als Leidtragende einer Brandmauer empfinden, eine hochziehen zu einem Regime, das, wie sie meinen, ihr Leben leichter und billiger machen kann?

Auch wenn man zugunsten der AfD die Frage ignoriert, ob Politiker aus ihren Reihen aktuell für Russland spionieren, wofür es Hin-, aber bislang keine Beweise gibt: Es reicht für die Russlandtreuen schon, dass sie gute Gefühle mit Russland verbinden, dessen Öl einmal zuverlässig zu ihnen floss, dessen Schönheiten sie bereisten, dessen Feinde sie schon früh als ihre eigenen kennenlernten. Diese Deutschen, die AfD wählten oder ihr sogar beitraten, weil sie ihre Gefühle schützen wollten vor Argumenten aus CDU, SPD, Grünen und FDP, lehnen es nun ab, dass Politiker ihrer eigenen Partei, etwa Alice Weidel, ihnen mit Taktik kommen. Eine Melonisierung ihrer Partei, um deren Anschlussfähigkeit zu steigern, lehnen sie ab.

So missachteten die Russland-Reisenden auch Weidels Wunsch, sich unterwegs mit Interviews zurückzuhalten. Brühwarm berichteten die Männer an russische Medien und ans deutsche „Compact“-Magazin. Das können sie sich erlauben, weil sie Chrupalla auf ihrer Seite wissen. Kritik tun sie als Kampagne ab. Es ist angenehm, sich als Opfer zu fühlen, wenn man keins ist.

Source: faz.net