Ukrainische Kraftwerksarbeiter: Sie ringen um jede Kilowattstunde

Von dort, wo Jewhen normalerweise arbeitet, bietet sich ein Bild der Verwüstung. Das Dach des Kraftwerks ist teilweise eingestürzt. Stahlträger liegen verkeilt über Turbinen, abgebrochene Betonsäulen ragen in den Himmel. „Wir sind hier seit Tagen nur mit Aufräumen beschäftigt“, sagt der 39 Jahre alte Anlagenfahrer. Sein Kranführerhäuschen auf halber Höhe über der Halle ist intakt geblieben, nur die Scheiben sind beim jüngsten russischen Angriff rausgeflogen. Aber das ist ein eher geringer Schaden.

Jewhen blickt auf einen riesigen Trümmerberg. Dort ziehen Arbeiter Wellblechteile des Daches aus dem Schrott und werfen sie auf den Boden, wo sie mit lautem Scheppern landen. Andere zerteilen mit Schneidbrennern verkeilte und rußschwarze Stahlelemente in handliche Stücke. Arbeiter laden sie auf Handwagen und ziehen sie über einen freigeräumten Pfad aus der Halle. Sie hinterlassen dabei Spuren im Schnee, der frisch durch das kaputte Dach gefallen ist.

Angriffe seit fast vier Jahren

„Es war ein kombinierter Angriff aus Drohnen und Raketen“, erzählt Jewhen von einer Attacke Anfang Februar. Als der Alarm losging, seien sie nicht sofort zum Schutzraum gerannt, sondern hätten noch versucht, die Stromproduktion herunterzufahren. „Dann war keine Zeit mehr, und wir mussten auf dem Weg zum Bunker immer wieder in Deckung gehen.“ Mit Angriffen leben sie hier seit fast vier Jahren, aber dieser sei der bisher schwerste gewesen. Es habe fast zwei Dutzend Einschläge gegeben, alle dicht nacheinander.

Diese Arbeiter räumen Trümmer, damit ihr Kohlekraftwerk bald wieder Strom produzieren kann.
Diese Arbeiter räumen Trümmer, damit ihr Kohlekraftwerk bald wieder Strom produzieren kann.Yulia Serdyukova

Die Lage des Kohlekraftwerks darf aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden, auch nicht die Zahl der Mitarbeiter, deren Familiennamen, die Produktionskapazität und das gesamte Ausmaß des Schadens. Letzteres wird ohnehin noch ermittelt. Nur so viel verrät ein Sprecher des Energiekonzerns DTEK, der die Anlage betreibt: Das Werk produziere Strom für Hunderttausende Haushalte.

An diesem Tag quillt aus den mächtigen Schornsteinen aber kein Rauch. Damit sich das schnell wieder ändert, wird auf dem Gelände gerackert. Nahezu pausenlos fahren die Lastwagen Schrott und Schutt ab. Motoren- und Abrisslärm hat das Summen der Turbinen abgelöst. Dort, wo einmal die Außenmauer der Turbinenhalle war, hebt ein Kran Betonteile an Seilen aus den Trümmern. Beim Einschlag wurden Armierungen herausgerissen, Stahltrümmer schlugen Löcher in Betonwände. Die Druckwelle fegte drei Viertel eines gefliesten Wandmosaiks im Inneren des Gebäudes weg, das ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten ist.

Wie Ameisen auf einem Haufen wuseln Bergungs-, Sicherungs- und Räumbrigaden durch das Chaos. Sie sind an ihren leuchtenden Rettungswesten und bunten Helmen gut zu erkennen. Der Betreiber hat zum Aufräumen auch Bergarbeiter aus seinen Kohleminen herbeordert.

Hier muss man improvisieren

Am Verwaltungsgebäude gegenüber biegen Handwerker den verbogenen Metallrahmen am Eingang gerade und ersetzen das zersplitterte Glas durch transparente Plastikscheiben. Die Arbeiter tragen Wattehosen und -jacken sowie Wollmützen unter ihren Schutzhelmen. Draußen sind es minus 18 Grad, und auch drinnen ist es kaum wärmer.

Die Wucht der Raketen hat Ziegelwände einstürzen lassen und Türen aus ihren Verankerungen gerissen. Auf den Treppen liegt der Wandputz in großen und kleinen Stücken. Die Deckenverkleidung hängt zum Teil in Fetzen herab, einige Büros haben jetzt provisorische Wände aus Spanplatten. Wo einst Fenster waren, sind nun Plexiglasscheiben mit Bauschaum in teils verschobene Außenwände eingepasst.

Die Arbeiter des Kohlekraftwerks von DTEK haben im Wiederaufbau mittlerweile Routine.
Die Arbeiter des Kohlekraftwerks von DTEK haben im Wiederaufbau mittlerweile Routine.Yulia Serdyukova

Fast könnte man sagen, die Arbeiter haben Routine darin. Vieles sei schon drei-, viermal repariert worden, sagt Jewhen. Das erst im Dezember eingepasste Plexiglas hängt nach dem neuerlichen Angriff vielfach in Streifen herab. Immerhin splittert es nicht. Wie ein Wunder wirkt, dass es bei dem jüngsten Angriff keine Toten gab. Der private Kraftwerksbetreiber DTEK, der vor dem Krieg rund ein Drittel des Stroms in der Ukraine produzierte, teilt mit, dass seine Kraftwerke seit Beginn der Vollinvasion vor vier Jahren mehr als 220-mal von Russland angegriffen worden seien. Dabei seien 14 Mitarbeiter ums Leben gekommen und 75 verletzt worden.

Der bisher tödlichste Angriff geschah am 1. Februar, als russische Drohnen im Gebiet Dnipropetrowsk einen Bus mit Arbeitern einer Kohlemine am Schicht­ende angriffen. Zwölf Mitarbeiter kamen ums Leben. Seit 2022 hat DTEK drei seiner acht Kohlekraftwerke, die in den russisch besetzten Gebieten liegen, verloren. Dem Konzern zufolge werden die unter seiner Kontrolle verbliebenen Kraftwerke seit vergangenem Herbst so stark angegriffen wie nie. Inzwischen sei mehr als die Hälfte der eigenen Stromerzeugungskapazität zerstört oder beschädigt. Nicht eine einzige Anlage sei heil geblieben. Mehr als 60-mal hätten Mitarbeiter den Betrieb von Grund auf neu starten müssen.

„Wir versuchen zu retten, was zu retten ist“

Wolodymyr ist ein großer, bulliger Typ und steht am Rande der Turbinenhalle an einer Feuertonne. Hier wärmen sich nicht nur die Arbeiter, sondern sie halten damit auch das Werkzeug geschmeidig. „Wir versuchen zu retten, was zu retten ist“, sagt Wolodymyr, der seit 27 Jahren im Kraftwerk arbeitet. Wie bei den vorigen Angriffen gehen er und seine Kollegen nach Plan vor. Das heißt: erst enttrümmern, dann testen, was noch funktioniert oder repariert werden kann, und schließlich Austausch und Neuaufbau. Dreimal habe er hier schon Angriffe während der Schicht erlebt, erzählt Wolodymyr.

Eigentlich sei es Pflicht, bei Alarm in den Bunker zu gehen. Doch bleibe auch er wie einige Kollegen manchmal im Gebäude, um schnell reagieren und zum Beispiel Feuer löschen zu können. Seine Frau und die Kinder bekämen natürlich mit, wenn Alarm ist. „Danach rufen wir immer zu Hause an, sagen, dass es uns gut geht, und dann setzen wir unsere Arbeit fort.“

Seit Februar 2022 greift Russland vor allem die zivile Infrastruktur in der Ukra­ine an. Mehr als 4500-mal seien seitdem ukrainische Energieanlagen angegriffen worden, heißt es aus dem ukrainischen Energieministerium. Allein seit Herbst 2025 seien dadurch elf Wasserkraftwerke und 45 große Heizkraftwerke, die sowohl Strom als auch Wärme produzieren, mindestens teilweise zerstört worden. Zudem seien gut 50-mal Kohle- und Gaskraftwerke sowie mehr als 150-mal Umspannwerke aus der Luft angegriffen worden. Alles in allem habe die Ukraine so mehr als 30 Gigawatt Stromkapazität verloren, mehr als die Hälfte ihrer Vorkriegsproduktion.

Das Ergebnis dieser enormen Zerstörung spüren die Menschen in diesem bitterkalten Winter im ganzen Land. Allein in der Hauptstadt Kiew sind nach wie vor 1400 Apartmentblocks, die jeweils mehrere Hundert Wohnungen enthalten können, ohne Heizung. Inzwischen greift Russland ukrainischen Behörden zufolge auch die Infrastruktur der verbliebenen Kernkraftwerke an, aus denen die Ukraine heute den Hauptteil ihres Stroms bezieht. Die Ukraine stuft die systematische Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen inzwischen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. Russland verursache mit seinen Angriffen „bewusst Lebensbedingungen, die darauf abzielen, einen Teil der Bevölkerung zu vernichten“, heißt es in der Begründung.

Wie halten die Kraftwerksarbeiter das aus?

Manche Ukrainer sprechen heute von einem „Cholodomor“. Dieses Kofferwort leitet sich sowohl vom ukrainischen Wort für Kälte als auch vom „Holodomor“ her. Jener von Stalin herbeigeführten Hungersnot fielen in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts in der Ukraine zwischen drei und vier Millionen Menschen zum Opfer.

„Meine Enkelin braucht Strom“, erklärt Kraftwerksmitarbeiter Wassil seine Motivation.
„Meine Enkelin braucht Strom“, erklärt Kraftwerksmitarbeiter Wassil seine Motivation.Yulia Serdyukova

„Sie versuchen, uns in Grund und Boden zu bomben“, sagt Wassil, der als Schichtleiter im Kraftwerk arbeitet. Er sitzt in der Schaltzentrale des Kraftwerks, hinter sich eine Mauer aus Sandsäcken an mit Spanplatten beplankten Fenstern, vor sich zahlreiche Monitore, auf denen an diesem Tag nicht mehr viel blinkt. „Der letzte Angriff war wirklich heftig“, sagt er. Normalerweise müssten sie nach Angriffen sicherstellen, dass Rettungskräfte und Aufräumtrupps keine Stromschläge bekämen. Immerhin das sei diesmal einfach gewesen, „weil es keinen Strom mehr gab“. Wassil schiebt seinen Helm nach oben und lacht kurz gequält.

Seit 20 Jahren arbeitet Wassil im Kraftwerk, seit vier Jahren hat er einen Angriff nach dem anderen erlebt. „Ich danke Gott, dass wir hier noch alle am Leben sind.“ Manchmal säßen sie im Bunker und hörten, wie sich eine Rakete nähere. „Du wartest auf den Einschlag, aber dann zischt sie vorbei, und du weißt, dass sie woanders treffen wird.“ Beim jüngsten Angriff habe er es nicht rechtzeitig in den Bunker geschafft und deshalb in einer Nische Schutz gesucht. „Die Schockwellen der Einschläge spüre ich heute noch“, sagt er. „Die Metalltüren klappten auf und zu, und riesige Staubwolken zogen durch das Gebäude.“ Beziehungsweise durch das, was noch davon übrig ist.

Die Antwort auf die Frage, wie er das überhaupt aushält, überlegt Wassil einen Moment. „Mein Sohn ist an der Front, vorderste Linie“, antwortet er schließlich. „Für ihn ist es dort viel härter als für mich, das kann ich Ihnen sagen.“ Auch diesmal würden sie das Kraftwerk wieder zum Laufen kriegen, daran lässt er keinen Zweifel. „Klar ist es viel Arbeit, und wir haben das alles schon mehrmals gemacht. Aber ja, auch diesmal werden wir das natürlich wieder reparieren.“ Zu Hause warte auf ihn seine Enkelin, um die er sich kümmere, seit sein Sohn an der Front ist. „Meine Enkelin braucht Strom, wie alle anderen Leute, die auch Enkelinnen haben“, sagt Wassil. „Und deshalb müssen wir hier weiterarbeiten.“

Source: faz.net