Ukraine | Regenbogen im Schützengraben: Wie queere Soldaten in jener Ukraine um ihre Rechte ringen
Die Landstraßen winden sich wie Schlangen durch die Landschaft, am Straßenrand blitzt silberner NATO-Draht im Sonnenlicht auf. Petro Zlotia fährt in einer Geschwindigkeit, die einen dazu zwingt, sich in der Kurve festzuklammern, um nicht zur Seite zu kippen. „Wir sind jetzt ungefähr acht Kilometer von den russischen Truppen entfernt. Habt ihr vorher auch gebetet?“, fragt er und lacht.
An der Decke des kleinen Jeeps baumeln verschiedene Patches, eines davon in Tarnfarben mit der Inschrift „Kyjiw Pride“. Nach einigen Minuten auf einer geraden Strecke steuert das Auto auf einen unterirdischen Graben zu. Ein Soldat hebt ein Tarnnetz, das Auto verschwindet unter der Erde, wo es zum Stehen kommt. Zlotia schwingt sich vom Fahrersitz und sagt: „Hier könnt ihr eure Westen abnehmen. Wenn sie diesen Stabilisierungspunkt treffen, retten die euch auch nicht mehr.“
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Der genaue Standort, an dem wir uns befinden, bleibt geheim und darf auf keinem Foto erkennbar sein. Es ist einer der vielen sogenannten Stabilisierungspunkte der ukrainischen Armee im Osten des Landes. Orte, an denen die Zeit manchmal stehenzubleiben scheint und Minuten sich zu Stunden dehnen. Manchmal verarzten die Mediziner:innen kleine Verletzungen, wie Splitterwunden, aber auch größere, wie abgesprengte Gliedmaßen. Verwundete von der nahen Front werden hier versorgt, bevor sie in ein Krankenhaus gebracht werden können – oder ihr Leben im provisorischen, eingegrabenen Schockraum endet.
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Als schwuler Mann in die ukrainische Armee
Einer, der hier gegen den Tod ankämpft, ist Petro Zlotia. Der 23-jährige Sanitäter hat diesen Stabilisierungspunkt zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht. Auch seinen letzten Geburtstag verbrachte er hier. Als 2022 Russland die Ukraine überfiel, lebte er noch in der Hafenstadt Odessa. „Als ich die Verbrechen in Butscha gesehen habe, wusste ich, dass ich mich freiwillig melden muss. Ich habe eine kleine Schwester und unser Vater ist nicht mehr in der Familie. Ich will sie schützen.“ Im März 2022 trat er der Armee bei. Er bereut diese Entscheidung nicht, sagt er, obwohl er oft an die Zeit davor zurückdenkt. Als offen schwuler Mann war dies keine triviale Entscheidung.
Seine Biografie ähnelt der vieler junger Ukrainer:innen. Laut dem Verteidigungsministerium der Ukraine haben sich in den vergangenen drei Jahren mehr als eine Million Menschen der ukrainischen Armee angeschlossen. Die Zahlen lassen sich nicht überprüfen, aber es gibt sie, die Menschen, die freiwillig der Armee beitreten – aus Überzeugung für ihre junge Demokratie und um die ukrainische Kultur und Identität zu verteidigen. So erzählen es viele Menschen, mit denen man über den Kriegsdienst in den Frontgebieten spricht.
Das Besondere bei Zlotia ist, dass für ihn der Eintritt in die Armee auch bedeutet, für seine sexuelle Selbstbestimmung als schwuler Mann zu kämpfen. Öffentlich tritt er als Sanitäter für die Gruppe „військові лгбт“ (LGBT+ Militär) auf. Die NGO ist ein Zusammenschluss verschiedener ukrainischer Soldat:innen, die sich als homo-, bisexuell oder transgender identifizieren. Die Organisation, die sich unter anderem für Gleichberechtigung einsetzt, hat laut eigenen Angaben über 500 Mitglieder. Darunter Veteran:innen und Soldat:innen – nicht alle davon sind offen queer.
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Für queere Menschen wäre ein Leben unter russischer Besatzung das Ende eines Lebens in Würde. In Russland herrscht ein homophobes gesellschaftliches und politisches Klima. Queere Aktivist:innen werden eingeschüchtert und auch rechtlich verfolgt. Nach einem Urteil des obersten Gerichtshofs gilt die LGBTQ+-Bewegung dort seit 2023 als „extremistisch“. Auch in den russisch besetzten Gebieten werden queere Aktivist:innen verfolgt.
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Gewalt gegen Queers unter russischer Besatzung
Es gibt Berichte von Verschleppung und Folter, wie verschiedene NGOs dokumentieren. Bereits kurz vor dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine im Februar 2022 gab es Gerüchte über eine sogenannte Hinrichtungsliste. Auf dieser sollen auch Vertreter:innen der LGBTQ+-Community stehen, heißt es in einem Brief von Bathsheba Nell Crocker, US-Botschafterin der UN, an die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet.
Das LGBTQ+-Menschenrechtszentrum Nash Svit Center zeichnet in dem Bericht War and Civil Partnerships. LGBTQ Situation in Ukraine in 2023 ein grausames Bild der Gewalt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten dokumentiert die Organisation Hassverbrechen in der Ukraine. Seit 2017 hat Nash Svit 63 Fälle von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität dokumentiert, die von russischen Militärangehörigen und Besatzungsbehörden begangen wurden.
Die schwersten Verbrechen ereigneten sich in den seit 2022 besetzten Gebieten – den Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson. Dabei hat die ukrainische LGBTQ+-Gemeinschaft mit der Revolution auf dem Maidan gesellschaftliche Fortschritte erreicht. In der Hauptstadt Kyjiw gibt es queere Veranstaltungen, immer noch oft unter Polizeischutz – aber auch das ist ein Fortschritt. In vielen Cafés und Bars in der Hauptstadt hängen Regenbogen-Aufkleber. Gerade wegen des Krieges kämpft die Gemeinschaft nun vor allem für gleiche Rechte.
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Eine Politikerin für LGBT-Rechte
Eine, die vielen darin Hoffnung spendet und gleichzeitig von anderen für ihr Engagement gehasst wird, ist die Politikerin Inna Sovsun. Seit 2019 vertritt sie die liberale Oppositionspartei im Parlament. 2023 legten sie und andere einen Gesetzentwurf vor, der eingetragene Partnerschaften bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen vorsieht. Das wäre ein erster Schritt zur formellen Gleichstellung.
„Das Recht auf eine Hochzeit für gleichgeschlechtliche Paare zu erreichen, war keine direkte Option“, sagt sie. Sie setzt sich für die Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ein. Das habe zwei Gründe: In der ukrainischen Gesellschaft seien konservative Positionen weitverbreitet. Nur heterosexuelle Paare dürfen laut ukrainischer Verfassung heiraten. „Während des Krieges ist es nicht möglich, Änderungen in der Verfassung vorzunehmen“, sagt Sovsun.
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Sollte ihr Gesetzentwurf angenommen werden, würde das viele rechtliche Erleichterungen für queere Paare bedeuten. Die Relevanz zeigt sich vor allem für queere Personen im Militär. Verstirbt ein:e Partner:in an der Front, haben gleichgeschlechtliche Paare bisher keine rechtliche Handhabe, über den Leichnam, die Beerdigung und das Erbe zu verfügen.
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Auch berichten Betroffene von homo- und queerfeindlichen Anfeindungen im ukrainischen Militär. Viele queere Soldaten klagen über Kommandeure, die sie nicht akzeptieren oder nach ihrem Coming-out an besonders gefährliche Positionen versetzen. Nur ein Grund, warum viele ihre sexuelle Identität nach wie vor verstecken. Politikerin Inna Sovsun hat trotzdem Hoffnung und sieht vor allem eine Veränderung in der Gesellschaft, die seit Beginn der russischen Invasion eingetreten ist.
Für sie spielt es eine große Rolle, dass queere Personen sichtbar werden – allgemein und auch in der Armee. „Manchmal habe ich Diskussionen mit Kollegen, die mir sagen, Homosexualität wäre etwas Unnatürliches“, oft erwidere sie dann: „Geh doch mal in die Schützengräben und sage das den queeren Soldat:innen dort, die gerade dein Recht verteidigen, deine Meinung frei äußern zu können.“ Solche Argumente fänden Anklang. Mit der Annäherung an Europa müssten die Rechte von Minderheiten sich verbessern. „Als wir veröffentlichten, dass wir an der eingetragenen Lebenspartnerschaft arbeiten, war die Reaktion viel positiver, als wir dachten“, so Innova.
Von russischen Truppen umzingelt im Asow-Stahlwerk
Kurz nach Beginn der Invasion, im März 2022, saß Alexander Demenko am Steuer in Richtung Mariupol. „Ich bin einfach gefahren, immer geradeaus“, erinnert er sich, mitten in die umkämpfte Stadt. Nach einer blutigen Schlacht um die Stadt landeten die letzten ukrainischen Einheiten im Asow-Stahlwerk. Umzingelt von den russischen Truppen gab es kein Entkommen mehr, auch nicht für Demenko, der zu diesem Zeitpunkt bereits verletzt war.
Drei Jahre später sitzt er in seiner modern eingerichteten Wohnung, in einem der vielen Hochhäuser in Kyjiw. Demenko zieht sein T-Shirt hoch, kleine Narben von unzähligen Metallsplittern hatten sich in seinen Rücken gebohrt. Er erinnert sich genau an die Zeit, als er und seine Einheit umzingelt in dem ehemaligen Stahlwerk festsaßen, mit kaum Kontakt nach außen. Er schrieb seiner Mutter: „Mama, mach dir um mich keine Sorgen, aber kannst du bitte nach meinem Partner schauen?“ Ab diesem Moment wusste seine Familie, dass Demenko Männer liebt.
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Mit anderen Soldaten aus seiner Einheit geriet er in russische Gefangenschaft. Von der Zeit zeichnet er ein düsteres Bild. In einer Baracke musste er mit sieben anderen hausen. „Du wusstest nie, ob du als Nächstes geschlagen wirst oder sie dich einfach zwingen, ein russisches Lied zu singen. Ob du Essen bekommst oder nicht“, erzählt Demenko.
An aufgeben möchten sie nicht denken
Durch einen Gefangenenaustausch im Januar 2024 kam er nach zwei Jahren frei. Ein Video zeigt den Moment, in dem er aus dem Bus aussteigt und von ukrainischen Kamerad:innen in die Arme geschlossen wird. „Als ich meine Mutter später sah, mussten wir einfach nur weinen“, erzählt er. Für seine Mutter sei seine sexuelle Orientierung nie mehr ein Thema gewesen.
Als Veteran ist Demenko nun vor einer erneuten Einberufung in die Armee geschützt. Dennoch setzt er sich weiterhin für das Militär ein. Zusammen mit der NGO „LGBT+ Militär“ spricht er auf Veranstaltungen und erzählt dabei oft seine Geschichte. Auch auf den „Free Azov“-Protesten in Kyjiw findet man ihn regelmäßig.
Bis heute fehlen nach Angaben der Behörden immer noch Tausende Soldat:innen, die Mariupol verteidigt haben. Dabei handelt es sich nicht nur um die Kämpfer des damaligen, in Teilen extrem rechten Asow-Regiments, sondern auch um Soldaten der ukrainischen Nationalgarde, der Marine, Grenzer:innen und Wehrpflichtige.
Der Angriffskrieg auf ihre Heimat hat Demenko und Zlotia gezeichnet. Sie hoffen auf ein Ende des Krieges und der russischen Besatzung. Trotzdem möchte keiner von beiden aufgeben zu kämpfen. Demenko kehrt gerade von einer mehrtägigen Reise aus Schweden zurück. Mit anderen Aktivist:innen war er Teil der Pride Parade und vertrat die NGO bei verschiedenen Institutionen. Zlotia kämpft weiterhin um die Leben der Soldat:innen im Osten an der Front. Dort, wo die russischen Truppen in den letzten Wochen immer mehr Gebiete einnehmen.