Ukraine | Kriegsdienst in jener Ukraine: Wer dem Militärdienst entkommt, muss in jener Illegalität leben
„Was da passiert, ist eine Verletzung der Menschenrechte! Sie entführen Leute und zwingen sie, zu kämpfen!“ Grischa, dessen Name geändert wurde, lebt seit fast vier Jahren versteckt in einer ukrainischen Stadt, um dem Militärdienst auszuweichen. Er geht nur nachts auf die Straße, arbeitet verdeckt für andere, die ihm helfen und ihn schützen.
Dann, Anfang des Jahres passierte, was nicht passieren sollte und doch stets möglich war: Sie haben ihn auf der Straße eingesammelt, abends nach dem Einkaufen. Er wurde in ein Polizeiauto gezerrt. Es war keiner der üblichen Busse der Soldatenjäger, die Männer mit oder ohne Papiere im Wehrdienstalter auf der Straße mit Gewalt einsammeln. Deswegen war er nicht so aufmerksam, wie er das hätte sein sollen, und nicht schnell genug. Am Telefon sagt er: „Es war die ganz normale Polizei, die doch Menschen schützen soll.“
Die Rekruten werden in eine komplette NATO-Uniform gesteckt
Grischa ist nach Schätzungen des ukrainischen Soziologen Wolodymyr Ischtschenko einer von mindestens zwei Millionen versteckt lebenden Wehrdienstverweigerern im ganzen Land. Außerdem würden sich zugleich weitere zwei Millionen ukrainischer Männer im Ausland aufhalten. Allerdings sind das nur Schätzungen entlang offizieller Zahlen, die Dunkelziffer dürfte um einiges größer sein.
Während die ukrainische Regierung predigt, der Kampfeswille der Ukrainerinnen und Ukrainer sei ungebrochen, sind die im Volksmund „Busifizierung“ genannten Zwangsmobilisierungen im Land allgemein verhasst. Immer wieder gehen Videos viral, in denen Frauen gegen die Soldatenjäger vorgehen. Ein neueres zeigt, wie sich eine ältere Ukrainerin längs in den Bus legt, bis ihr gefangener Mann fliehen kann.
Die ukrainische Historikerin Marta Havrishko bezeichnet das als neue „Frauenpower“. Eine Konferenz Ende Januar in Florenz mit ihr, Wolodymyr Ischtschenko und anderen hatte als Motto: „Men in vans, women on the streets“ (Männer in Lieferwagen, Frauen auf den Straßen).
„Du schlüpfst in die Soldatenkleidung, ohne Training, ohne alles“
Als Grischa gefasst wurde, war neu, dass die Polizei ihn mitnahm. Doch er schaffte es, zu entkommen. Bis sich eine Gelegenheit zur Flucht bot, dauerte es freilich Wochen. Sofort nachdem man ihn aufgegriffen hatte, wurde er zu einem der militärischen Standorte des „TZK“, des Einberufungsamtes, gebracht.
„Sie nahmen mir sofort Telefon, Karte, Pass, alles – ich wusste nicht, wie mir geschah.“ Dann kam er in ein kleines Zimmer, wo acht Männer auf dreckigen Matratzen schlafen mussten. Bis zu zehn Tage kann das dauern. Grischa wurde nach drei Tagen weggebracht. „Als sie uns aus der Stadt fuhren, waren zwei von uns in einem mehr oder weniger normalen Zustand. Drei waren offenbar verprügelt worden, die Jacken der Männer waren zerrissen.“
Im Ausbildungslager bekamen alle für einen Tag ihre Handys zurück, das war eine Erleichterung. Danach mussten sie wieder abgegeben werden. Grischa hielt es für angebracht, zu tun, was ihm gesagt wurde. Es ging sofort los mit der Ausbildung. „Sie ziehen dir eine komplette NATO-Uniform an. Du bekommst ein Maschinengewehr ohne Munition, einen Helm und eine kugelsichere Weste. Das Ganze wiegt um die 35 Kilogramm.“ Irgendwann wurde auch Munition ausgegeben. „Du schlüpfst in die Soldatenkleidung, ohne Training, ohne alles. Und dann lernst du Kämpfen und Schießen.“
Die physischen Herausforderungen waren hart, wie sich Grischa erinnert. Einem Mann, er war 53 Jahre alt, hätten bald die Beine versagt. Wie Grischa war er nicht freiwillig da. Sie lebten im Wald und in Erdhöhlen, die es dort seit zwei Jahren gab, wie Grischa erfuhr. Insgesamt seien es gut 150 Menschen gewesen in seinem Lager. „Unter diesen 150 waren nur fünf Freiwillige, stell dir vor!“
Deserteure werden nicht erschossen, aber der Wald ist riesig
Woher er das wusste? Es habe während der Ausbildung oft eine Zeit des Wartens gegeben. So redete man ständig miteinander. Auch abends saß man zusammen und rauchte. Die Freiwilligen wären wie eine extra Gruppe gewesen, drei von ihnen junge Frauen, dazu zwei Männer.
„Sie haben es offen von sich gesagt.“ Sie seien sehr jung und hätten noch nicht viel verstanden, wie Grischa berichtet. Und natürlich redeten fast alle von der Flucht. Immer wieder verschwanden Leute. Deserteure würden nicht erschossen, meint Grischa. Der Wald rings um das Militärlager allerdings sei riesig gewesen, da habe man leicht verlorengehen können. Es sei klar gewesen, nach einer Flucht würden diese Menschen als „Kriminelle“ weiterleben, schließlich hätten sie gegen die Regeln verstoßen.
Auch Grischa kann wie sie alle mittlerweile nicht mehr nach Hause zurück und lebt jetzt woanders. Ein neues Mobiltelefon konnte er sich besorgen, aber über eine Bankkarte oder ein Konto verfügt er nicht mehr. Es ist daher unvermeidbar, immer weiter in die Illegalität abzurutschen. Und sollte er erneut aufgegriffen werden, käme er ohne weitere Ausbildung an die vorderste Front. Reines Kanonenfutter. So die Ankündigung der Ausbilder im Militärlager. Das sind nicht nur Drohungen, Grischa kennt genug Berichte darüber, wie es abläuft, wenn man gefasst wird.
Trotzdem redeten alle von Flucht, aber nicht alle würden es sich trauen, dieses Risiko einzugehen Über die Gründe, über die Politik habe man sich kaum noch ausgetauscht, so Grischa. Niemand von denen, die er getroffen habe, glaubte an den Krieg. Der Soziologe Ischtschenko fasst den Unwillen, für das Land zu kämpfen, mit dem Begriff „postsowjetischer sozialer Vertrag“ zusammen.
Seit 1991, seit die Ukraine unabhängig wurde, habe sich der Staat aus den strukturellen Zuständigkeiten zurückgezogen. Bildung, Gesundheit oder soziale Sicherheiten wurden heruntergefahren und verkamen. Der Neoliberalismus begann, die Oligarchen entstanden, die Korruption verzehnfachte sich. Die Grundformel des neuen sozialen Vertrages nach der Sowjetunion lautete: Der Staat wird dir nicht helfen, aber er wird dich auch nicht stören.
Jede Nacht hatte Grischa Fieber
Wegen dieser Zustände wissen Menschen wie Grischa nicht, warum sie für die Ukraine kämpfen sollen – die vergangenen dreieinhalb Jahrzehnte mussten sie ohne diesen Staat klarkommen. Nur Rechtsradikale oder prowestliche Ukrainer in Kiew oder Lemberg, die für westliche NGOs oder in prowestlichen Medien arbeiteten, seien die „Kriegerelite“, so Ischtschenko.
Diese Menschen verdienen meist besser, haben Zugang zu Devisen und können sich freikaufen. Dafür reichte jedoch das Geld bei allen, mit denen Grischa im Militärlager zusammen war, nicht aus. Er erinnert sich, dass drei Männer die Flucht schon länger geplant hatten, aber niemand die Details kannte. Eines Tages sollten sie die übliche Runde Brennholz sammeln gehen. Sie kamen nie mehr zurück.
Grischa brauchte eine Weile bis zur Flucht. Der Schock im Lager war groß. Anfangs konnte er mehrere Tage nichts zu sich nehmen. „Das Essen ist furchtbar. Sie geben dir eine Schüssel, so eine Soldatenschüssel, dazu einen Becher. Und du merkst, dass niemand irgendetwas abwäscht.“ Einmal die Woche mussten sie drei Kilometer laufen, um sich unter einer Dusche im Freien in der Kälte zu waschen.
Irgendwann brach sein Immunsystem zusammen. Grischa bekam heftiges Fieber und einen schlimmen Husten. Lange Zeit erhielt er keine ärztliche Hilfe. „Es war mir völlig egal. Ich hatte eindeutig Fieber, aber ich trainierte weiter.“ Tage nach der Flucht bemerkte er an sich Entzugserscheinungen, die er sich nur durch Medikamente im Essen erklären konnte. Nur hielten auch die ihn nicht ewig aufrecht.
Das Krankenhaus kam ihm vor wie ein Gefängnis
„Irgendwann spürte ich, es nicht mehr zu schaffen.“ Er konnte nicht mehr sprechen, die Stimme versagte. Erst dann schickten sie ihn zum Sanitäter, der einen Arzt holte. Die zwei Tage, die er in der Notfallstation verbrachte, lag ein anderer Soldat neben ihm. Am Tag nach seiner Einlieferung sagte der: „Morgen bin ich weg.“ Grischa war zu benebelt. Er schlief am Abend ein, wachte am nächsten Tag auf und sah, dass sein Bettnachbar verschwunden war.
Dann wurde er in ein Militärkrankenhaus eingeliefert. Nach Auswertung der Röntgenbilder und weiteren Untersuchungen stellten sie fest, dass er eine beidseitige Lungenentzündung hatte, außerdem Bronchitis. Doch wurde er nicht behandelt, sondern zunächst nur beobachtet. Nach zwei Tagen kam er in ein anderes Militärhospital. Dieses wie auch das erste seien ihm wie ein Gefängnis vorgekommen.
Man durfte nirgendwohin, Mobiltelefone waren wieder verboten. Wenigstens durften seine Angehörigen ihn besuchen. Sie brachten ihm heimlich ein Handy. Er bekam Infusionen und Tabletten und erholte sich langsam. Er begann wieder zu laufen, zu reden. „Ich lächle jetzt, aber es war sehr ernst.“
Dann stieg Grischa aus, in voller Militäruniform
Ein Bettnachbar schilderte ihm die Lage an der Front, seine Gruppe sollte ausrücken. Sie sahen Drohnen anfliegen, aber das Kommando blieb: „Erfüllt den Kampfauftrag.“ „Und wir rücken aus, marschieren immer weiter und sterben.“ Der Mann gehörte zur letzten Gruppe, er konnte hören, was vor ihm passierte. Von den 130 Leuten, die ausrückten, seien 15 zurückgekommen. Er war einer der Überlebenden.
Eine Woche später wurden Grischas Lungen wieder geröntgt. Die Ärzte schienen zufrieden und sagten: „So, das war’s, Sie sind entlassen.“ Grischa hatte immer noch jede Nacht Fieber, dennoch sollte er sich wieder in die militärische Ausbildung eingliedern.
„Als sie mich wieder dorthin schickten, gab es einen Moment, in dem ich meine Chance nutzte.“ Sie brachten ihn zu einem Bus, der in die Region fuhr, in der die Ausbildung stattfand. Dort würden ihn andere Soldaten erwarten. „Wir verließen die Stadt. Und ich fragte den Fahrer, ob ich aussteigen könne. Ich gab ihm noch etwas Geld, damit er nicht fragte, warum.“ Dann stieg Grischa aus, in voller Militäruniform.
Er ging in eine Stadt, ohne Papiere, ohne irgendwas. Es blieben ihm drei Stunden, bevor man seine Flucht am Zielort bemerken würde. Er kontaktierte seine Leute, sie kamen, holten ihn und versteckten ihn. „Es war eine turbulente Flucht. Es war etwas, das ich, meine Freunde und meine Familie durchstehen mussten. Es war eine extreme Stresssituation. Aber ich habe es geschafft.“