Ukraine-Karte aktuell: Kadyrow ruft zur Mobilmachung auf

„Die Spezialoperation ist längst in einen Krieg übergegangen“,
sagt Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow, der mehrere seiner berüchtigten Eliteeinheiten auf russischer Seite im Einsatz in der Ukraine hat. Das Oberhaupt der russischen Teilrepublik hat alle russischen Regionen
dazu aufgerufen, jeweils mindestens 1.000 Soldaten an die Front in die Ukraine zu
entsenden. „Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Regierung eine
Mobilisierung ausruft“, schreibt der Hardliner bei Telegram. Er hätte schon längst das
Kriegsrecht ausgerufen – ein Schritt, den Russlands Präsident Wladimir
Putin bislang nicht gegangen ist.

Unterstützung unterhielt Kadyrow von mehreren russischen
Gouverneuren und der Propagandistin Margarita Simonjan. Der von Russland ernannte
Verwaltungschef der Krim, Sergei Aksjonow, kündigte an, zwei weitere sogenannte
Freiwilligenbataillone zu bilden. Bislang seien 1.200 Krim-Bewohner einsatzbereit.
Auch in von Russland besetzten ukrainischen Gebieten wie Melitopol gebe es Rekrutierungsversuche, sagt der ukrainische Bürgermeister der Stadt, Iwan Fedorow. Der Aufruf zur Mobilisierung ist laut dem aktuellen Lagebericht
des Institute for the Study of War (ISW) eine Reaktion auf die russischen Gebietsverluste
in der Region Charkiw.

Nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministeriums will die russische Regierung weiterhin eine Generalmobilmachung
vermeiden, weil sie befürchtet, dass diese die Unterstützung in der Bevölkerung für den
Angriffskrieg gegen die Ukraine schwächen könnte. Der Mangel an Soldaten werde den britischen Militärbeobachtern zufolge jedoch zu einer zunehmenden
Herausforderung für Russland. Demnach fehlten insbesondere Infanteriesoldaten
und untere Offiziersränge. Darauf deutet nach britischen Angaben auch die Rekrutierung von Inhaftierten durch die private Söldnergruppe Wagner hin. Darüber hinaus sollen russische Militärakademien
Ausbildungszeiten verkürzt haben. „Das dient mit
Sicherheit dazu, diese Kadetten in den Ukraine-Einsatz zu entsenden“, schreibt
das britische Ministerium auf Twitter.

Auch wenn die russische Regierung bisher auf eine Generalmobilmachung verzichtet, hat sie nun zumindest eine landesweite
Rekrutierungskampagne gestartet. Bislang hatte die Verantwortung für die
Mobilisierung von Truppen bei lokalen Verwaltungen gelegen. Insgesamt 47
Regionen hatten laut ISW im Juli eine Kampagne zur Bildung von sogenannten
Freiwilligenbataillonen für den Einsatz in der Ukraine begonnen. Ausnahmen für kinderreiche Familien wurden nach Angaben des ukrainischen Generalstabs ebenfalls
abgeschafft, sodass nun auch mehrere Söhne einer Familie eingezogen werden könnten. Die Militärbeobachter des ISW gehen
davon aus, dass das der russischen Führung auch die Unterstützung bei nationalistischen Militärbloggern sichern soll. Diese hatten zuletzt das Vorgehen des russischen Verteidigungsministeriums als „ineffektiv“ kritisiert.

Die Gegenoffensive der ukrainischen Armee übt nach ISW-Angaben zunehmend Druck auf russische Stellungen und Versorgungslinien an den Fronten in den Regionen Charkiw, Luhansk und Donezk aus. Laut ISW lieferten sich Russland und die Ukraine Artilleriegefechte an der Grenze zwischen der Region Charkiw und der nördlich davon gelegenen russischen Region Belgorod. Ein Grenzposten habe gebrannt und der Strom in der Stadt Waluiki sei ausgefallen, meldete der Gouverneur der Region, Wjatscheslaw Gladkow. Der Bürgermeister der ukrainischen Stadt Charkiw berichtete von Einschlägen in der Nähe eines Wohngebäudes.

Nach ukrainischen Angaben richten die eigenen Truppen in der gesamten Region Charkiw Stellungen und Artilleriepositionen ein, unter anderem auf der östlichen Seite des Flusses Oskil. Beobachter des ISW konnten diese neuen ukrainischen Stellungen östlich des Flusses noch nicht bestätigen. Sollte es jedoch zutreffen, könnten russische Einheiten wesentlich weiter Richtung Osten zurückgedrängt worden sein als bislang von Militärbeobachtern angenommen.

Das russische Militär verstärkt unterdessen seine Stellungen im Kampf um die Stadt Bachmut an der östlichen Front. Laut dem ukrainischen Generalstab verlegte die russische Armee Truppenreserven und versprengte Einheiten, die zuvor in der Region Charkiw eingesetzt waren, an die Front in den Regionen Donezk und Saporischschja. Besonders umkämpft soll aktuell die Stadt Majorsk sein. Russische Quellen melden laut ISW, dass die Stadt von Russland eingenommen sei. Der ukrainische Generalstab meldet hingegen, die russischen Angriffe abgewehrt zu haben. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Während sich die russische Armee nach Angaben des ukrainischen Generalstabs aus den Orten Sosnowe und Studenok zurückziehen musste, habe sie ihre Stellungen in der Stadt Lyman verstärkt. Dorthin seien demnach auch die restlichen Truppen von aufgelösten Regimenten der sogenannten Luhansker Volksrepublik geschickt worden.

Bei ihrer Gegenoffensive in der südlichen Region Cherson meldet die
ukrainische Armee Angriffe auf russische Versorgungslinien. Das ukrainische Kommando
Süd meldet zudem, dass es eine Militärbasis in Nowa Kachowka zerstört habe, Munitionsdepots
in Sadowe und ein Steuerungszentrum für Drohnen nordöstlich der Stadt Cherson. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.