Überkapazitäten: Das große Problem jener Ölaktien

Es gehört Mut dazu, Donald Trump zu widersprechen. Darren Woods hat es getan. Der Chef des US-Ölkonzerns Exxon Mobil hat Trump vor laufender Kamera mitgeteilt, dass die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Venezuela Investitionen dort derzeit unmöglich machten. Da Trump das Treffen mit den Ölmagnaten eigentlich nutzen wollte, um der Welt kundzutun, dass er Schulter an Schulter mit der US-Wirtschaft nun wunderbare Geschäfte in Venezuela machen und die reichen Erdölvorkommen dort bald zugunsten der US-Bürger nutzbar machen werde, war es seiner Laune nicht zuträglich, öffentlich Einwände mitgeteilt zu bekommen, und das auch noch vom Chef des größten US-Ölkonzerns.
Hatte er nicht gerade erst den Chefs der Rüstungskonzerne deutlich gemacht, dass sie als „Underperformer“ bald ihre Gehälter gekürzt bekommen? „Ich mochte die Antwort von Exxon nicht“, ließ der US-Präsident wissen. „Ich werde Exxon wahrscheinlich draußen halten.“ Dass deswegen sein ganzer Venezuela-Plan scheitert, sieht Trump nicht so. Er habe sich mit den Ölkonzernen geeinigt, dass sie „Hunderte Milliarden Dollar“ in Venezuela investieren würden.
Die Gewinne von Exxon sind seit Jahren rückläufig
Die Börse glaubt nicht daran. Andernfalls wäre mit erheblichen Kursabschlägen zu rechnen gewesen. 22 Milliarden Dollar hat Exxon in den ersten drei Quartalen des Jahres 2025 an Gewinn ausgewiesen. Das waren knapp vier Milliarden Dollar weniger als im entsprechenden Zeitraum 2024. Und der Wert lag schon sieben Prozent unter dem Gewinn von 2023. Die Branche ist eher dabei, ihr strenges Kostenmanagement zu betonen, um Investoren von ihrer langfristigen Profitabilität zu überzeugen, als nun immense Summen in ein politisch längst nicht so stabiles Land zu investieren, wie Trump es nach der Inhaftierung des Machthabers Maduro sehen möchte.
Der Aktienkurs von Exxon sank im frühen Handel am Montag um zwei Prozent und liegt damit ungefähr wieder auf dem Niveau vor dem US-Militärschlag in Caracas. In einer ersten Reaktion war der Kurs vergangene Woche um fünf Prozent gestiegen, bevor er ebenso schnell wieder zurückfiel. Etwas höher steht der Aktienkurs von Chevron , ungefähr vier Prozent mehr als vor der Maduro-Festnahme. Chevron ist trotz aller Schwierigkeiten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte weiter in Venezuela investiert geblieben. Aber auch für Chevron wird nun kein Geldregen aus Venezuela erwartet.
Euphorie um die Ölaktien ist verflogen
Schnell lassen sich die Förderkapazitäten dort ohnehin nicht erhöhen und modernisieren. Und ob sich die Sache am Ende rechnet, hängt von der Lage am Weltmarkt ab. Und die ist das große Problem der Konzerne in den vergangenen drei Jahren. Die Euphorie um die Aktien, die mit dem russischen Angriff in der Ukraine begann, war schnell verpufft. Der Exxon-Börsenwert liegt mit immer noch stolzen 450 Milliarden Euro derzeit rund zehn Prozent unter den Höchstwerten von 2022. Für Chevron ist der Abschlag noch etwas höher und der Börsenwert mit 280 Milliarden Euro niedriger.
Schon nach Kriegsbeginn zeigte sich recht bald, dass die russischen Fördermengen ungeachtet von Boykotten und Drohungen trotzdem ihre Wege auf den Markt fanden. Der Preis für amerikanisches Leichtöl der Sorte WTI sackte von 125 Dollar je Barrel auf nun weniger als die Hälfte ab, am Montag waren es 58,60 Dollar. Die Sorte Brent kostete am Montag 63 Dollar. Damit sind seit einigen Monaten Preise erreicht, die als Schmerzgrenze für neue Investitionen gelten. Liegen die Notierungen unter 60 Dollar, mindert dies erfahrungsgemäß die Bereitschaft, neue Ölquellen zu erschließen, erheblich. Ereignisse wie in Venezuela führen am Markt damit eher dazu, die Erwartungen für den Ölpreis in der Spanne um 60 Dollar zu verfestigen.
Schon jetzt gilt der Ölmarkt als übersättigt. Die schwächere Weltkonjunktur, der zunehmende Ersatz von Öl durch andere Heiz- und Antriebsstoffe, aber auch die stärkere Förderung zum Beispiel in den USA haben ein Überangebot herbeigeführt, dem auch das OPEC-Kartell einigermaßen machtlos gegenübersteht. Die Lage in Venezuela wird daher als weitere Versicherung gegenüber horrend steigenden Ölpreisen gesehen. Würden die Preise tatsächlich anspringen, bestünde die Aussicht, die reichsten Erdölvorkommen der Welt nutzbar zu machen. Allein die Aussicht darauf dämpft den Ölpreis.
Für die Ölaktien ist das keine gute Botschaft. Analysten sehen laut Bloomberg kaum Aufwärtspotential für die Aktien. Besonders Exxon und Chevron gelten mit einem Zwölfmonatspotential von sechs und sieben Prozent als weitgehend ausgereizt. In Europa kommen BP immerhin auf elf Prozent, Shell auf 16 Prozent und das wertvollste Ölunternehmen der Welt Saudi Aramco auf 18 Prozent. Sein Vorteil: Im arabischen Raum lässt sich immer noch weit günstiger Öl fördern als in den anderen Förderregionen der Welt. Aber auch dort sinken die Gewinne mit einem sinkenden Ölpreis. Immerhin hat Trump anders als bei den Rüstungskonzernen noch kein Dividendenverbot für Exxon angedroht. Die immer noch guten Gewinne lassen die Anleger jedes Quartal knapp ein Prozent Dividendenrendite vereinnahmen, bei Chevron sogar gut ein Prozent. Und auch die anderen Ölkonzerne sind bisher verlässliche und überdurchschnittliche Zahler.
Source: faz.net