TW 100: Wie Janina Lin Otto ein konstruktives Miteinander schaffen will

Janina Lin Otto ist Philantrophin und Unternehmerin.

Otto ist Deutschlands größter Modehändler – und eine der wohlhabendsten Familien Hamburgs. Was die neue Generation, Benjamin und Janina Lin Otto, mit ihrer 2018 gegründeten Holistic Foundation erreichen möchte.

TextilWirtschaft: Frau Otto, mit wirtschaftlicher Stärke und Wohlstand geht soziale Verantwortung einher. Wie tragen Sie mit Ihrem Mann Benjamin und Ihrer gemeinsamen Holistic Foundation zur Verbesserung der gesellschaftlichen Lage bei?
Janina Lin Otto: Für uns ist klar: Es gibt nicht diese eine Person, die alles löst. Wir müssen versuchen, möglichst viele Menschen in ihre Stärke zu bringen, sie zu befähigen, ihr ganzes Potenzial zu leben. Wir brauchen ein konstruktives Miteinander, um gemeinsam an den Herausforderungen unserer Zeit arbeiten können. Und wir sind überzeugt: In dem Moment, in dem man Menschen hilft, selbstwirksam zu werden, haben sie kein Gefühl der Hilflosigkeit mehr und kommen ins aktive Engagement.

Ist das der Kern des Problems?
Ja, es ist ein großes Problem, dass viele Menschen sich machtlos fühlen und deshalb ihre Energie nicht dafür einsetzen, Lösungen zu schaffen, sondern dafür, sich gegenseitig zu kritisieren. Wir möchten Orte für Menschen schaffen, die sagen: Bei uns wird nicht gemeckert, bei uns wird an Lösungen gearbeitet. Und jeder, der Lust hat, kann sich anschließen.

„Bei uns wird nicht gemeckert, bei uns wird an Lösungen gearbeitet“

Janina Lin Otto


Was sind das für Menschen?

Menschen allen Alters und jeder Herkunft. Es ist egal, aus welchem Land du kommst, welchen Hintergrund du hast, welchen Abschluss du hast. Uns ist es daran gelegen, dass wir einander akzeptieren, und dass man nicht immer einer Meinung sein muss, um gemeinsam an einer Sache arbeiten zu können.

Was für Orte haben Sie genau geschaffen?

Wir bauen einen physischen und einen digitalen Ort, denn die Welt ist ja nun mal hybrid. Physisch ist es das „Life Hamburg“, ein Campus für lebenslanges Lernen und die Gemeinschaft, den wir im Spätsommer eröffnen. Für uns ist Bildung der Schlüssel für Wandel. Deswegen werden wir an diesem Ort auch eine innovative Schule entwickeln, die „Academy of Life“. Das digitale Pendant zu Life Hamburg ist holi.social, eine App für sozial-nachhaltiges Engagement, die Teilhabe für alle zugänglicher machen soll.

Was unterscheidet die „Academy of Life“ von anderen Schulen?

Dass die Kinder als individuelle Menschen gesehen werden, die ganz unterschiedliche Stärken haben. Wie beherzigen, dass Kinder unterschiedlich lernen, und versuchen, sie mithilfe von intrinsischer Motivation fürs Lernen zu begeistern. Wir werden jahrgangsübergreifend unterrichten. Wir verstehen Teaching als Coaching. Es gibt keinen Frontalunterricht, sondern inspirative Möglichkeiten. Wenn sich ein Kind dafür interessiert, die Meere von Plastikmüll zu befreien, dann kann es dazu Projekte machen und vielleicht die Winkel für Netze berechnen. Und so hat man dann Biologie und Mathematik in einem.

Es ist ja keine öffentlich Schule. Muss man sich bewerben?

Ja, es ist eine Schule in freier Trägerschaft. Wir vergeben auch Stipendien, damit auch Kinder kommen können, deren Eltern sich das Schulgeld gegebenenfalls nicht leisten können. Das Schulgeld ist in Hamburg auf maximal 250 € im Monat gedeckelt. Die Nachfrage ist groß, und wir schauen, ob Kinder und Konzept zusammenpassen.


Wie können Sie über den Campus Life Hamburg, der eine Art moderne Volkshochschule ist, Menschen in die Selbstwirksamkeit bringen?

Durch Gespräche, Veranstaltungen und die Begeisterung der Menschen, die einfach ansteckend ist. Dadurch kehrt der Glauben daran zurück, dass wir selbst viel bewegen und über uns hinauswachsen können. Wir brauchen dazu Geschichten der guten Perspektive und des Mutes und dürfen nicht immer nur auf das Negative gucken. Life Hamburg bildet zudem die Vielfalt des Lebens ab, ob Gärtnern oder Digitales, Kunst oder Sport, man kann sich inspirieren lassen und so auch neue Seiten an sich entdecken.

Was hilft denn am meisten? Geld, Sachspenden oder persönliches Engagement?

Wie so oft ist es natürlich die Kombination. Geld ist wichtig, damit man Dinge anschieben kann. Wenn dann beispielsweise die Kommunikation nicht gut ist oder die Menschen eben nicht mitgenommen werden, dann wird viel Wirkung liegen gelassen. Wenn wir Projekte mit unserer Stiftung unterstützen, messen wir den Social Return on Investment. So nennen wir das, weil es uns eben auch wirklich wichtig ist, mit dem eingesetzten Geld den größtmöglichen Impact zu generieren.

Gibt es tatsächlich eine Formel für den Social Return on Investment?

Ja, das ist eine Formel, die wir selbst entwickelt haben. Das macht es uns leichter möglich, die Wirkung von Projekten zu messen. Einmal im Jahr schreiben wir aus. Man kann sich für die Förderung bewerben bei der Holistic Foundation und dann wählen wir gemeinsam mit dem Team und externen Gästen aus. Und der Social Return on Investment hilft uns dabei.


Sie sind neuerdings im Präsidium des Fashion Council Germany. Was würden Sie dort gerne erreichen?

Ich hoffe, dass ich meinen holistischen Blick einbringen kann. Und auch die unternehmerische Perspektive. Ich möchte, dass großartige Unternehmungen und Projekte resilient sind. Und Resilienz hat man eben in dem Moment, in dem man so aufgestellt ist, dass man auch unabhängig von Partnern gut agieren kann. In dem Bereich habe ich durch unsere Stiftungsaktivitäten durchaus eine Expertise.

Ihr Wunsch für 2026?

Ich wünsche mir mehr Mut in Deutschland. Dass wir uns trauen, Dinge auszuprobieren, die dann auch mal schief gehen dürfen. Dass wir wegkommen von diesem Perfektionismus und dieser Illusion, dass jemand ausschließlich hochmotiviert, gesund, vor Kraft strotzend durch den Tag geht. Ich wünsche mir, dass wir alle unsere Chancen ergreifen und dabei ehrlich konstruktiv miteinander agieren. Und ich wünsche mir, dass wir uns unabhängig vom eigenen Ego der Sache verpflichten, für die wir einstehen – um gemeinsam eine gute Zukunft zu gestalten.