TV-Kritik „Maybrit Illner“: „Ein Land mit dem Verstellen zur Wand“

Ein bisschen kommt man sich vor wie in einer Zeitschleife, in der man festhängt und festhängt, die nicht vergeht und immer mit demselben hypnotischen Gebrabbel am Laufen gehalten wird – mit Worten, die zwar nur noch leere Sprechblasen sind, aber nicht leer genug, um nicht destruktiv zu wirken. Stillstand, Abstieg, Modernisierung, Impulse und dann wieder von vorne bis endlich das ganze Land ein einziger Hysteriepatient ist. Die Zeit der Ampelregierung ist zwar längst vorbei, doch der Problemaufriss ist derselbe geblieben; entsprechend fragte Maybrit Illner ihre Gäste: „Abstiegsangst im Land – wann liefert Schwarz-Rot?“ Der Phlegmatiker mag darin einen schwachen Trost erkennen, dass die Probleme konstant bleiben. Während die Hysterie zum Normalzustand geworden ist, muss man sich ihn wohl als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Die Hysteriker hingegen dürften das Paradoxon im Titel der Sendung erst gar nicht mehr wahrgenommen haben: Die Furcht vor dem Weniger – und gleichzeitig die Ankündigung oder der Wunsch, genau dieses Weniger politisch zu organisieren. Denn darum geht es doch ständig, verstärkt noch einmal durch Lars Klingbeils Rede von vor wenigen Tagen, die bereits als neuer Agenda-2010-Moment bezeichnet wurde: dass auf alle harte Zeiten zukommen, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen (hier hat man das Gefühl seit Heinz Erhardt in einer Zeitschleife zu hängen, wäre man nicht zu jung dafür), dass alle mehr arbeiten und sich dennoch in Verzicht üben müssen, jeder muss einen Beitrag leisten, damit Deutschland wettbewerbsfähig und ein guter Industriestandort bleibt und auch zukünftige Generationen noch von deutschem Wohlstand profitieren.

Die Probleme mögen real sein, aber Politik erscheint immer mehr wie eine toxische Mischung aus Gefühlsrausch und Sachzwang. Zumindest in Talkshows. Da ist Maybrit Illner, die noch immer – um auch etwas Gefühliges zu sagen – die sympathischste und vielleicht klügste aller Talkshow-Gastgeber ist, keine Ausnahme.

Hoffnungsüberschuss und letzte Chance

In der Sendung performten CDU-Generalsekretär Linnemann, die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, die Journalistin Kristina Dunz, der Ökonom Gabriel Felbermayr und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer den Gefühlsrausch mit ensprechenden Vokabeln: Die SPD sei nun in der „Todeszone“ angelangt (Dunz), die Partei stehe für einen „Hoffnungsüberschuss“ (Rehlinger), die Wähler trauten der SPD keine Zukunft mehr zu (Illner), der CDU-Spitzenkandidat in Rheinland-Pfalz sei einfach „sehr normal“ (Linnenmann), Politiker der SPD vielleicht zu „abgehoben“ (Dunz), „Entenpastete“ koste Vertrauen (Illner), „Vertrauen“ sei wichtig (Rehlinger), das Land stehe „mit dem Rücken zur Wand“ (Palmer), wir hätten jetzt unsere „letzte Chance“ (Palmer) und die Menschen sehnten sich „nach Typen mit Ecken und Kanten“ (Palmer).

Dazwischen immer wieder die Beobachtung, dass alle im Land angeblich verstanden haben, dass es so nicht weitergeht und Veränderung wollen. Ja, sie haben es oft und lange genug gehört, so lange, dass man fast glaubt, die Erkenntnis sei aus bloßer Gewohnheit eingetreten.

Was aber bleibt von der Sendung hängen? Boris Palmer hat Friedrich Merz gewählt, aber vielleicht konnte man das schon wissen. Warum gelingt Anke Rehlinger im Saarland, was ihren Parteikollegen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht gelungen ist, wo sie so viele Wähler verloren haben? Sie habe schon lange mit dem Problem der Deindustrialisierung und dem Verlust von Arbeitsplätzen zu kämpfen, so Rehlinger, es reiche nicht aus, nur zu erklären, warum etwas unbefriedigend sei, man müsse auch aktiv für Arbeitsplätze kämpfen.

Was die SPD-Co-Bundesvorsitzende Bärbel Bas damit meine, dass die SPD zu lange nicht habe anecken wollen, fragte Illner. Rehlinger gab zu Bedenken, man werde nun in eine Phase kommen, in der es ohnehin Widerspruch geben werde – das Land müsse fit gemacht werden, aber das Gesamtpaket müsse alles in allem gerecht sein.

Welche Arbeiter?

Die Regierung möchte die unteren und mittleren Einkommen entlasten, wie genau das gelingen soll, ist noch offen. Soll man den Spitzensteuersatz erhöhen, wie es die SPD vorschlägt, oder eher die Mehrwersteuer, die Schenkungs- und Erbschaftssteuer? Die Spitzenverdiener trügen bereits eine große Last, meinte Felbermayr.

Alles müsse auf den Tisch, ergänzte Linnemann, nichts solle von vorneherein blockiert werden. Auch nicht von Markus Söder, so Illner. Eine Mehrwertsteuererhöhung fände Linnemann ökonomisch nicht sinnvoll. An Klingbeils Grundsatzrede fand Boris Palmer bemerkenswert, dass sie Themen aufgriff, die so nicht im SPD-Programm stehen – darunter die Ablehnung von Frühverrentung, Ehegattensplitting und Teilzeitarbeit.

Weiter zur AfD – warum ist sie die neue Arbeiterpartei? Oder Arbeitnehmerpartei? Egal, ob verwechselt oder synonym benutzt – warum so genau sein, wo es doch um das Gefühlte geht? Boris Palmer meinte: Die SPD habe die eigenen Wähler so lange beschimpft, bis sie zur AfD gegangen seien. Und: „Die Arbeiterschaft wollte eben nicht hören, dass sich ihre Moral dadurch verbessert, dass sie besonders flüchtlingsfreundlich ist.“

Ob man die AfD durch Regierungsverantwortung entzaubern könne, wollte Illner wissen. Felbermayr fand, in Österreich und Italien sei das zumindest nicht ganz negativ gelaufen. Dunz erinnerte dankenswerterweise daran, dass die AfD in Teilen rechtsextremistisch sei, und warnte vor einer Normalisierung. Während die Menschen das Gefühl hätten, die SPD-Politiker wüssten nicht mehr, wie sie leben, sei die AfD zunehmend präsent vor Ort – organisiere Seniorennachmittage, Grillabende und Jugendtreffs.

So viel angebliches Wissen über die Menschen – und trotzdem so viel Abgrund, möchte man seufzen. Und während die Gefühle und Paradoxien unaufhörlich weiter rotieren, sitzt der Phlegmatiker irgendwo dazwischen und denkt: Okay, wiederholen wir das noch einmal, vielleicht wird es ja irgendwann besser.

Source: faz.net