TV-Kritik Maybrit Illner: „Die Gefahr besteht, dass es zu einem Flächenbrand kommt“

Es ist zu einer Binse geworden, dass die Europäer, allen voran die Deutschen, in Sachen Iran keine nennenswerte Rolle spielen – weder als Unterstützer der Vereinigten Staaten und Israel, noch als deren Gegner, noch als friedensstiftende Vermittler. Was tut man also, wenn man Maybrit Illner heißt und nun mal mit deutschen Gästen über den Irankrieg sprechen muss? Die übliche Besetzung nach Parteiproporz? Wo doch niemand etwas wirklich Relevantes zu sagen haben könnte?

Maybrit Illner tat am Donnerstagabend genau das Richtige und verzichtete weitgehend darauf, sich die Beruhigungs- und Empörungsphrasen von Bundespolitikern anzuhören. Stattdessen besetzte sie ihre Runde, die unter dem Titel „Krieg im Iran – grenzenlose Bedrohung?“ stand, überwiegend (Ausnahme: Armin Laschet) mit parteipolitisch ungebundenen Beobachtern der außenpolitischen Lage. Das war ein Glücksgriff. Der Runde gelang es so, die komplexe weltpolitische Situation triftig auszufalten.

John Bolton: „Um Trump zu verstehen, braucht man einen Psychiater“

Zunächst in Richtung Vereinigte Staaten. Donald Trumps Entschluss, Iran anzugreifen, kam überraschend – vor allem für einen Präsidenten, der angekündigt hat, Amerika aus den „endlosen Kriegen“ herauszuführen. Die Ökonomin Stormy-Annika Mildner verwies bei Illner darauf, dass die Entscheidungsfindung im Weißen Haus einer black box gleichkomme. Die Kriegsziele würden ständig neu definiert, zunächst wurde ein Regime Change angekündigt, jetzt scheint man sich auch mit deutlich weniger zufriedenzugeben – falls ein demokratischer Machtwechsel überhaupt jemals das Ziel war.

Die ZDF-Journalistin Katrin Eigendorf zählte die Ziele auf, die die Amerikaner möglicherweise verfolgen könnten: Regime Change (oder nur „Regime alteration“?), Zerstörung bzw. Schwächung des Atomprogramms oder Entmilitarisierung. Auch John Bolton, der Trump in seiner ersten Amtszeit sicherheitspolitisch beriet, bekundete Ahnungslosigkeit. „Es ist nicht klar, was Trump überhaupt tut“; ja, um das festzustellen, brauche man wahrscheinlich einen Psychiater.

Und doch ist auch Donald Trump nicht allmächtig. In den Vereinigten Staaten stehen Wahlen an, worauf vor allem Mildner immer wieder hinwies. Man sehe, dass der Krieg schon jetzt massive wirtschaftliche Auswirkungen habe. Die Amerikaner würden „sehr sensibel“ auf Spritpreise reagieren. Was außenpolitisch passiert, sei also nur zum Teil auch außenpolitisch erklärbar. Wenn der Ölpreis so schnell steige wie jetzt, werde „Innenpolitik schnell zu Außenpolitik“. Gut möglich, dass dies zu einem raschen Kriegsende führt.

„Wir wollen atmen, wir wollen leben“

Womöglich, so erweiterte vor allem Eigendorf die Komplexität der Analyse, müsse man aber sowieso mehr auf Israel blicken. Für den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu habe sich eine „One-in-a-lifetime“-Situation ergeben, die USA mit in einen Krieg zu ziehen, den er schon sehr lange hätte führen wollen. Ja, sogar eine Mehrheit der Israelis, so Eigendorf, sei prinzipiell dafür, das iranische Regime aktiv zu stürzen. Schon der Zwölftagekrieg im vergangenen Jahr habe das gezeigt. Netanjahu sei bestrebt gewesen, weiterzumachen, Trump aber nicht. Jetzt lägen die Dinge anders.

Doch wie sieht es eigentlich in Iran selbst aus? Das Land ist weitgehend abgeschottet; es ist nicht leicht, sich einen Eindruck zu verschaffen. Wie blickt die Bevölkerung auf den Krieg? Sieht sie die Chancen, die er ihr eröffnet, das Regime zu stürzen? Oder dominiert Angst, vielleicht gar die Wut über die zivilen Opfer, die der ständige Beschuss zwangsläufig mit sich bringt?

Der deutsch-iranische Journalist und Künstler Michel Abdollahi zeigte sich sicher, dass „Hass und Wut auf die Islamische Republik“ nur weiter gestiegen seien. Ihm werde aus dem Land berichtet, man warte nur darauf, auf die Straßen zu gehen – was sich im Krieg freilich als schwierig erweist. „Wir wollen atmen, wir wollen leben“, sei das, was er von den Iranern höre.

Kommt es in der „Nacht der Bestimmung“ zu Protesten?

Er spekulierte, dass schon bald der Zeitpunkt für größere Proteste gekommen sein könnte: Kommenden Dienstag steht im islamischen Kalender die sogenannte „Nacht der Bestimmung“ (Lailat al-Qadr) an – jene Nacht, an der Muhammed laut Überlieferung der Koran geoffenbart wurde. Sie fällt in das Ende der Fastenzeit und gilt als Nacht, in der das Schicksal des kommenden Jahres festgelegt wird. Zwar sei immer ungewiss, wann eine Revolution losbricht, doch „ein überwiegender Teil der Bevölkerung will das Regime nicht“ mehr. Es sei „nur eine Frage der Zeit, bis auch die unteren Stufen des Regimes dagegen aufbegehren“. Vor allem dann, wenn kein Geld mehr fließt. „Es wird berichtet, dass Teile der Armee bereits desertieren“, so Abdollahi.

Unterstützer des neuen Obersten Führers des Iran, 12. März, Teheran
Unterstützer des neuen Obersten Führers des Iran, 12. März, TeheranReuters

Doch können die amerikanisch-israelischen Luftschläge wirklich einen demokratischen Machtwechsel herbeiführen? Der Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler betonte, dass noch nie versucht worden sei, einen Regimewechsel allein aus der Luft zu bewirken. Man müsse dann darauf hoffen, dass genügend Menschen innerhalb des Systems auf die Seite der Opposition wechseln werden. „Ob das funktioniert, wissen wir nicht“. John Bolton merkte an, dass die iranische Opposition von amerikanischer Seite offenbar überhaupt nicht vorbereitet wurde und sich bislang völlig desorganisiert zeige.

Womöglich, so Schindler wiederum, muss das iranische Regime auch militärisch gar nicht gewinnen, um aus dem Krieg als Sieger hervorzugehen. Es könnte reichen, für die Amerikaner und ihre Verbündeten – via Ölpreis, Terrorismus, Raketenbeschuss – die ökonomischen und politischen Kosten so weit nach oben zu treiben, dass sie wieder abziehen. Die Islamische Republik würde dann überleben – und selbst wenn das Atomprogramm geschwächt werde, ließe es sich langfristig nicht aufhalten. Außer, so Schindler kritisch, man bombardiere das Land in Zukunft alle zwei Jahre.

Schlafwandeln führte auch in den Ersten Weltkrieg

Noch eine Stufe komplexer wurde die Lage, als auch Russland und die Ukraine in die Rechnung mit aufgenommen wurden. Russland ist seit langem ein enger Verbündeter Irans und verwendet iranische Drohnen bei seinen Versuchen, die ukrainische Verteidigung zu durchbrechen. Denkbar ist, dass sich die beiden Fronten indirekt überlagern. Eigendorf etwa hielt es nach Rückfrage Illners für sehr plausibel, dass Wladimir Putin versucht sein könnte, den Amerikanern einen Deal anzubieten: Russland stoppt seine vor allem geheimdienstliche Unterstützung Irans, dafür ziehen sich die Amerikaner aus dem Ukrainekrieg zurück.

Armin Laschet, der sich mit klugen Einschätzungen bis zu diesem Zeitpunkt eher zurückgehalten hallte, gelang es zum Schluss, die Gefährlichkeit all dieser Wechselwirkungen darzulegen. Zwar hielt er eine mögliche Beteiligung der Europäer am Irankrieg nach einem etwaigen größeren amerikanischen Verlust für „spekulativ“, betonte aber, dass die Dinge anders liegen könnten, wenn weiterhin die Türkei oder Zypern angegriffen würde. Er erinnerte an die von Christopher Clark geprägte Formel, wonach der Erste Weltkrieg aufgrund schlafwandelnder Regierungen ausbrach. Was wäre etwas passiert, wenn Russland Bündnisverpflichtungen gegenüber Iran gehabt hätte – wie das Deutsche Reich 1914 gegenüber Österreich-Ungarn? „Wenn eins zum anderen kommt, kann es zu einem Krieg kommen, den sich keiner der Beteiligten ausgemalt hat“, so Laschet.

Eigendorf zog schließlich die Summe dieser Erkundung von Komplexität, die Illner am Donnerstagabend bot: Es sei ein Irrtum zu glauben, ein schnell durchgeführter Krieg könne die Probleme in der Region mit einem Schlag lösen. Das Regime kann kippen – oder auch nicht. Die Wirkungen auf die Ukraine können begrenzt bleiben – oder auch nicht. Die Weltwirtschaft kann in die Höhe schießende Energiepreise verkraften – oder auch nicht. Und die Region selbst? „Die Gefahr besteht“, so Eigendorf, „dass es hier zu einem Flächenbrand kommt“.

Source: faz.net